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TV-Kritik

"Wer wird Millionär?"-Jubiläum: Geht's noch, Günther?

Die gute Nachricht vorweg: Waldemar Hartmann hat sich diesmal nicht blamiert. Ansonsten war die Jubiläumsshow von "Wer wird Millionär" eine weitgehend spaßfreie Veranstaltung. Geht Günther Jauch die Lust aus?

Von Mark Stöhr

Gruppenbild der Jubiläumssendung von "Wer wird Millionär?"

104 Millionen Euro hat Günther Jauch in 1250 Sendungen "Wer wird Millionär?" unter die Leute gebracht - am Montag feierte der Moderator Jubiläum

1250 Sendungen. Das heißt bei Günther Jauch auch 1250 Mal Dackelblick. Mit den Jahren legte er sich als zusätzliches Gesichts-Gimmick noch ein Doppelkinn zu, das er in ganz übermütigen Momenten auch zu einem Vierfach- und sogar Fünffach-Kinn ausrollen kann. Gestern beim Jubiläum war Jauch nicht übermütig. Er war im Gegenteil sogar ausgesprochen bocklos. Das war kein Drama, ein Gabelstaplerfahrer dreht bei seiner 1250. Palette ja auch keine Ehrenrunde durch die Lagerhalle. Das Gute ist bei ihm wie bei Jauch: Irgendwann ist jede Schicht mal zu Ende.

Und so moderierte sich der freundliche Quizbeamte mit seiner Handvoll Gesichtsausdrücke durch eine Show ohne Höhen und Tiefen, bis endlich die Hupe ertönte. 104 Millionen Euro hat Günther Jauch in den 17 Jahren an seine Kandidaten verteilt und zig eigene Millionen damit verdient. Über 34.000 Fragen hat er gestellt. Bei so viel Gleichförmigkeit und Routine könnte sich der 59-Jährige auch genauso gut aus dem 3D-Drucker ausdrucken. Dann müsste er nicht jedes Mal bei Wind und Wetter zum Studio tapern.

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Waldemar Hartmann rehabilitiert sich

Ein-, zweimal guckte Jauch bei der gestrigen Sendung aber dann doch auf seinen Spickzettel. Es galten angesichts des besonderen Anlasses besondere Regeln. Alle 190 Zuschauer waren potentielle Kandidaten und hatten sich mit Videos, Postern und selbstfabrizierten Strickpuppen im Vorfeld für die Show beworben. Mit einer Art Glücksrad wurde das Einstiegslevel von 500 bis 125.000 Euro festgelegt. Und als Joker assistierten Sonja Zietlow, Waldemar Hartmann und der "Wer wird Millionär?"-Millionär Ralf Schnoor, ein Universalgelehrter vor dem Herrn, der offenbar mit einem doppelt so schnellen Prozessor wie wir Normalsterbliche ausgestattet ist.

Die großen Blamagen blieben aus, wenn man mal von einem "Category Manager" aus Hannover absah, der Christian Geisdörfer in die Lindenstraße packte und nicht zum ehemaligen Rallyeweltmeister Walter Röhrl ins Cockpit. Er ging mit null Euro nach Hause und schaute so bedröppelt drein, als wäre sein Neuwagen gerade versehentlich in die Schrottpresse gerutscht.

Selbst Waldemar Hartmann kam diesmal ohne zerknautschtes Image davon. Bei einer Promiausgabe 2013 hatte er auf die Frage, ob Deutschland im eigenen Land schon mal Weltmeister war, irrtümlicherweise mit "nein" geantwortet. Gestern rehabilitierte er sich mit der korrekten Auflösung, dass Deutschland in der Qualifikation zur WM 2018 gegen Tschechien, Norwegen und Nordirland, aber nicht gegen Gastgeber Russland spielt. Jauch: "Damit ist der untadelige Ruf von Herrn Hartmann wieder da und wieder hergestellt."

Was bedeutet "Binge-Watching"?

Schön neurotisch war eine hypernervöse Mathematikstudentin aus Aachen mit dem Berufswunsch Wirtschaftsprüferin (Jauch gewohnt schlagfertig: "Das kann auch trocken sein"). Sie dokterte ewig an der Horrorfrage herum, ob 20, 40, 60 (richtige Antwort) oder 80 durch zwölf natürliche Zahlen ohne Rest teilbar sei. Bei "Binge-Watching" schaltete sie Sonja Zietlow ein, die mit dem Begriff tatsächlich etwas anzufangen wusste ("Komaglotzen von TV-Serien"), gestand zwischendurch, dass sie von Speisekarten in Restaurants völlig überfordert sei und immer schon Tage vorher ihre Auswahl treffen müsse - und stieg mit soliden 32.000 Euro aus. Mit dem Geld will sie die Hochzeit mit ihrem Freund aus der Dominikanischen Republik bezahlen plus den Antrittsbesuch bei den Schwiegereltern in der Karibik.

Was haben wir sonst noch gelernt in diesen zwei Stunden übersichtlicher Unterhaltung? Lady Gaga und Manuel Neuer wurden beide im März 30. Kinokarten kosteten 2005 im Schnitt 5,85 Euro, 2015 hingegen schon 8,39 Euro. Mit der "Darrdichte" kategorisiert man Hart- und Weichhölzer. Und der "Schwanenhalsrahmen" ist ein Fahrradgestell. Eins ist sicher: Die Fragen werden Günther Jauch nicht ausgehen. Doch seine Lust scheint endlich zu sein. Macht er die 1500 Sendungen noch voll?