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ZDF-Krimi "Helen Dorn": Ein Hauch von Schweden

Warum sollten Sie am Samstag um 20.15 Uhr unbedingt fernsehen? Weil Sie sonst den Start einer wirklich guten neuen deutschen Krimi-Serie mit der großartigen Anna Loos verpassen.

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Ach, nee, denkt man. Schon wieder eine neue TV-Kommissarin. "Helen Dorn" heißt sie. Dorn - aha. Soll heißen, dass wir hier keine pflegeleichte Ermittlerin kriegen. Geht's auch subtiler, liebes ZDF? So richtig schön voreingenommen schiebt man die Vorab-DVD von "Helen Dorn - das dritte Mädchen" in den Player und... ist ziemlich schnell ziemlich begeistert. Nichts Piefiges, Hölzernes ist da zu sehen, keine vorhersehbare Dutzendware, sondern ein richtig guter Krimi. Hervorragend gespielt, geschrieben und inszeniert.

Hätte man eigentlich gleich wissen können: Anna Loos spielt die Titelrolle. Loos ist eine äußerst präzise Darstellerin, die in Deutschland zwar gemocht, aber unterschätzt wird. Regie führte Matti Geschonneck, das Buch hat Magnus Vattrodt geschrieben. Die beiden bekamen 2012 für ihr großartiges Drama "Das Ende einer Nacht" zum Thema Vergewaltigung den deutschen Fernsehpreis.

Mit "Helen Dorn" zeigen nun beide, dass man auch in Deutschland Krimis mit dem viel gerühmten skandinavischem Flair drehen kann. Ein Hauch von "Kommissarin Lund" weht durch Nordrhein-Westfalen, wenn Anna Loos an der Seite ihres sperrigen Kollegen Georgi (Matthias Maschke) in einer mysteriösen Mordserie ermittelt. Loos spielt erfreulich zurückhaltend, ist von einem Geheimnis umwölkt. Die Macher setzen auf Atmosphäre statt platter Action. Ein Krimi in Moll.

Frontalangriff auf den "Tatort"

"Mit 43 Jahren", sagt Anna Loos, "war ich soweit, dass ich mir eine Ermittlerin selbst abnehmen konnte. Und diese gebrochene, eher schweigsame Figur hat mich besonders gereizt. Als einsamer Wolf werde ich ja sehr selten besetzt." Tatsächlich wirkt die bodenständige Loos als Helen Dorn so viel glaubwürdiger und echter als so mancher Jungspund, der spätpubertierend und um Autorität bemüht durch andere Krimiserien hampelt.

Kein Wunder, dass das ZDF nun mit dem Dreamteam Loos/Geschonnek/Vattrodt einen künstlerischen Frontalangriff startet: eine ziemlich selbstbewusste Attacke auf das Krimi-Heiligtum der Deutschen. "Wir sind 24 Stunden früher am Tatort" wird der dezent ironische, aber ziemlich deutliche Slogan für eine ganze Reihe zusätzlicher Krimi-Serien heißen, die den Samstagabend-Sendeplatz des ZDF aufpolieren sollen. Mit Helen Dorn geht es am 8. März los. Schon am 29. März geht dann "München Mord" mit Bernadette Herwagen und Alexander Held in Serie. Am 12. April stellt sich dann die sperrige "Kommissarin Heller" vor, die von der noch nicht sehr bekannten, aber sehr präsenten Schauspielerin Lisa Wagner in Szene gesetzt wird. Sie ermittelt in Wiesbaden. Und am 3. Mai wird es deftig-ländlich (und etwas albern), wenn Florian Lukas und Sophie Dahl in "Friesland" zwei Polizisten geben, die in Ostfriesland auf Streife sind.

Die Analogien zum Tatort sind unübersehbar: eine klare regionale Zuordnung, die gleiche Sendezeit und sehr unterschiedliche Ermittler-Teams, die allerdings alle gern mal anecken, weil sie eigene Wege gehen. Man wird sich schnell an diese neuen Krimi-Gesichter gewöhnen. Wenn das ZDF die Qualität dieser ersten Folgen durchhält, wird sich der teilweise arg schwächelnde Tatort warm anziehen müssen.

Von Kester Schlenz