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Home Security: Bonzen-Bunker: Al Corbi baut Luxus-Häuser, in denen man den Weltuntergang überleben soll

Angst ist ein gutes Geschäft für den Kalifornier Al Corbi. Der Star der Home Security baut Panic Rooms für die Superreichen dieser Welt. Und in denen lässt es sich aushalten, zur Not auch drei Generationen lang.

Von Moritz Herrmann

Luxus-Bunker: Al Corbi baut Panic Rooms für Superreiche

Al Corbis früheres Zuhause. Vier Stockwerke, zwei Panic Rooms und ein Helikopterlandeplatz auf dem Dach für die schnelle Flucht aus dem Bunker.

Man wollte ihn eigentlich persönlich treffen, diesen Mann, der die Home Security im Alleingang erfunden haben soll. Albert V. Corbi, kurz Al, Präsident von SAFE, lang: Strategically Armored and Fortified Environments. Der Economist schrieb über ihn: "Stellen Sie sich Corbi als Gott vor. Mit einem getrimmten Bart." Er selbst schreibt über sich: "Außergewöhnlicher Problemlöser und Innovator, der Klarheit und Wege sieht, wo andere verwirrt bleiben." Wie kriegt man einen Termin mit Gott? Gar nicht, nicht persönlich. Nach etlichen Mails aber immerhin eine Zusage für FaceTime. Es klingelt, ein schwarzer Bildschirm, eine Hand, justierend.

Da, Al Corbi, Kunden auf der ganzen Welt, Reiche und Superreiche, und er vermutlich auch nicht ganz arm geblieben dabei. Nimmt Platz vor Holzfurnier, schlechte Verbindung, gute Laune, beides wird noch besser werden im Laufe des Interviews. Wo sitzt er denn da? In seinem Haus in Los Angeles, das er oft zeigt, wenn er seine Methode der Gefahrenabwehr demonstrieren will? 720 Quadratmeter, fünf Schlafzimmer, kugelsichere Türen und Fenster. Zehn Meter tief wurden die Träger in die Hollywood Hills getrieben, es soll erdbeben- und bombensicher sein. Jetzt aber anfangen, ehe er sich langweilt.

Mr. Corbi, ich habe gehört, dass Sie keinen Schlüssel für Ihr eigenes Haus haben.

Oh, das ist richtig.

Was stört Sie an einem Schlüssel?

Wenn ich einen hätte, könnte ich ihn verlieren. Würde ich ihn verlieren, könnte ihn jemand finden. Wenn jemand ihn fände, könnte er ihn nachmachen. Ahnen Sie, worauf ich hinaus will?

Aber viele Menschen benutzen Schlüssel.

Und wie viele Einbrüche gibt es jedes Jahr? Unfassbar viele, zu viele, um sie in eine Zahl zu packen. Nein, mein Freund, der Palm Reader ist die Zukunft.

Der Palm Reader also ... der Handflächenscanner?

In den vergangenen 15 Jahren hat die Sicherheitsbranche eine irrsinnige Evolution erlebt. Weg von High-Tech-Lösungen, die nicht High-Tech sind, weil sie gar nicht funktionieren, hin zur Biometrie, die aber auch immer noch nicht ausgereift ist. 13 Prozent der Menschen weltweit haben einen Fingerabdruck, der nicht funktioniert, wussten Sie das? Wenn jetzt eine Firma wie Apple trotzdem mit Fingerabdruckerkennung arbeitet, was dann? Dann hat Apple ein fettes Problem! [Anm. d. Red.: Hier liegt Al Corbi falsch, aber das bemerkt man leider erst später; Studien zum Thema zeigen, das der Fingerabdruck sehr viel sicherer ist als Corbi uns Glauben machen möchte.]

Ich dachte, die biometrische Gesichtserkennung sei fehlersicher. Sie wird auch an Flughäfen eingesetzt, bei Tresoren, für Sicherheitsschleusen in Krisenregionen.

Falsch! Ganz falsch! Da müssen Sie in einem bestimmten Winkel in die Kamera gucken, das Licht muss stimmen. Selbst Re­tinascanner versagen bei engen Augenlidern. Nur der Palm Reader versagt nie. Licht ist ihm egal, Temperatur auch, die 13 Prozent Fehlerquote kennt er nicht. Er liest Ihre ganze Hand, Ihre Handlinien, auch die dazugehörigen Venen. Sie können also nicht irgendwem die Hand abhacken und die jamesbondmäßig auf den Reader legen, um Zutritt zu erlangen. Der Palm Reader würde erkennen, dass die Hand abgehackt wurde.

Warum wird der Palm Reader dann nicht längst in großem Stil eingesetzt?

Weil wir die USA sind.

Was soll das heißen?

Weil es um Status geht. Wir haben hier eine Tradition der Kartensysteme, die dich als zugehörig ausweisen. Wenn du eine Karte hast, am Band um den Hals, an der Kette baumelnd oder in deiner Brusttasche, dann bist du wer. Und die anderen sehen, dass du wer bist. Dass du Rang hast, Verantwortung, ­Zugang. Es ist ein gottverdammtes Klassensystem, und sowas geben die Leute nicht gern auf. Schauen Sie mal ins Weiße Haus, schauen Sie sich die Regierung an: Alle haben sie Karten am Hemd stecken. Sie tragen sie vor sich her wie eine Monstranz.

Corbi muss es wissen, mehr als 20 Jahre hat er für die Regierung gearbeitet. Hat nach eigener Aussage die Sicherheitssysteme des Weißen Hauses mit entworfen, jedenfalls zu seiner Zeit. Er war der Macht nah. Und sitzt jetzt auch wieder in Washington, erzählt er nebenbei: im Hauptquartier von SAFE, also doch nicht Los Angeles. Eigentlich wollte dieser Al Corbi Architekt werden, er hat Architektur an den Universitäten von Ohio und Maryland studiert, danach ein kleines Architekturbüro geführt. Schon bei seinen ersten Aufträgen fiel ihm auf, dass die Sicherheit nicht mitgedacht wurde vom Auftraggeber. Spielte einfach keine Rolle. Corbi nahm sich vor, das zu ändern, er implementierte erste Mechanismen, die er selbst entwarf – und wurde abgeworben. Wurde, Jahr 1975, zum Senior Designer im U.S. Department of Justice berufen, 10th and Constitution Avenue Northwest, Washington D.C. Das Meiste, das er dort gemacht hat, ist, klar: classified information. Darf er nicht besprechen. Darf man nicht nach fragen. Andere Fragen also.

Ist es nicht auch so, dass gute Sicherheitssysteme immer noch sehr teuer sind und für viele Normalverdiener deshalb nicht mal eben leistbar?

Teuer verglichen mit was? Es ist doch so: Man könnte sich sein Haus für 2500 Dollar sehr sicher machen, und das hält dann über Jahre. Aber die Leute sehen eine Alarmanlage für 1000 Dollar und nehmen die, und dann müssen sie irgendwann nachrüsten und nochmal nachrüsten und dann haben sie den PIN vergessen und müssen den Servicemitarbeiter bezahlen, und am Ende haben sie mehr gezahlt, weil sie weniger zahlen wollten. Wissen Sie, was mein erstes Auto war?

Nein.

Ich war Mitte 20, ich brauchte ein Auto. Die Gesellschaft erwartet nun, dass du demütig anfängst, mit einem Ford oder Renault vielleicht, und dich im Laufe deines Lebens stetig steigerst. Nun, ich habe mir einen Rolls-Royce gekauft. Alle sagten, ich sei verrückt. Aber ich fuhr diesen Rolls 25 Jahre lang, und 25 Jahre hatte ich ein absolut fantastisches Auto ohne jede Macke. Andere verschleißen in 25 Jahren fünf Wagen. Was ich damit sagen will: Menschen denken zu simpel, sie denken nicht richtig nach. Sie machen, was andere machen, einfach nur, weil etwas immer schon gemacht wurde.

Ich wohne in der ersten Etage eines Mehrfamilienhauses in Hamburg. Ich habe eine Frau und eine Tochter. Oft schließen wir nachts nicht mal die Tür ab. Wir haben eine Türkette, die legen wir manchmal vor.

Yeah! Viel Glück damit. Aber grämen Sie sich nicht, auch ich habe damit angefangen, den Menschen Türketten zu verkaufen, weil Türketten mal als sicher galten. Das war allerdings wirklich in den Siebzigern.

Als Corbi anfing, war das Home Security Business ein anderes. Computer gab es nicht, keine Smart Homes und keine Apps, die Kameras steuern können und per Wärmesensor melden, wo sich jemand im Haus befindet. Damals, sagt Corbi, sei es meist um zwei Fragen gegangen: Wie dick sind diese Wände – und wie können wir sie noch dicker machen? Seither ist der Markt explodiert. Start-ups mischen mit, Silicon-Valley-Macher, Big Player wie Google und Dropcam, Investmentriesen wie Sequoia, und ganz viele DIY-Tüftler. Einer Studie zufolge hatte allein der Sicherheitsmarkt für Smart Homes in 2017 ein globales Wertvolumen von 618,6 Millionen Dollar, bis 2026 soll er auf 3,2 Milliarden anwachsen. Sorgen, er könne verdrängt werden, macht sich Al Corbi keine. Sagt er jedenfalls.

Nehmen wir mal an, ich hätte das Rundumsorglospaket von SAFE bestellt, statt auf meine lächerliche Türkette zu vertrauen. Wie würde ein Einbruch ablaufen?

Dann nehmen wir doch auch an, dass Sie auf dem Land wohnen, das Szenario ist einfach schöner. Bei einer Standard-Security würde der Alarm losgehen, wenn die Einbrecher auf dem Gelände sind, vielleicht erst, wenn Sie gewaltsam durch die Tür kommen. In sieben bis zehn Sekunden sind Sie bei Ihnen, das ist bewiesen. Sie wollen die Infos lieber in Echtzeit, und Sie wollen zurückschlagen. Der erste Alarm geht los, wenn sich die Verbrecher am Zaun zu schaffen machen. Sie selbst schlendern seelenruhig in Ihren Safe-Core, das ist meist das Schlafzimmer, das wir hermetisch abriegeln. Natürlich könnten Sie jetzt die Polizei alarmieren. Oder Sie gönnen sich ein wenig Spaß. Sie beobachten die Diebe über Ihren Monitor: Okay, sie sind im Haus. Sie drücken einen Knopf, und aus Düsen in der Wand wird ein Smog versprüht, der jede Sicht unmöglich macht. Die Eindringlinge tappen blind herum, vielleicht auf allen Vieren über den Boden, um sich zu orientieren. Sie drücken noch einen Knopf: Stroboskopisches Laserlicht schießt ins Haus. Nun können sich die Verbrecher nicht mehr orientieren, ihnen ist schlecht, sie erbrechen. Das Licht manipuliert den Gleichgewichtssinn im Ohr. Wenn es die bösen Buben richtig ernst meinen, holen sie mit letzter Kraft C4-Sprengstoff aus der Tasche. Zwar kämen sie auch damit nicht durch die Tür des Safe-Cores, aber die Verwüstung im Haus muss ja nicht sein. Sie drücken den letzten Knopf. Nervengas strömt aus. Das war es dann.

Das klingt gnadenlos. Keine Schonung?

Glauben Sie, diese Leute hätten Sie geschont, wenn sie es zu Ihnen geschafft hätten? Wir können unsere Kunden heute gegen alles und jeden schützen, wirklich. Nur wenn die Erde implodiert, können wir nichts mehr machen, aber davon abgesehen? No problem!

Die Chapman University hat festgestellt, dass die Hälfte aller Amerikaner heute denkt, ihr Land werde einen weiteren Weltkrieg kämpfen, 40 Prozent fürchten sich vor einem Angriff mit chemischen oder nuklearen Waffen. Ihre Firma bietet die Sicherheitskategorie "nuklearer Holocaust" an.

Nuklearer Holocaust? No problem! Globale Pandemie? No problem! Wie bitte, ein gewaltiger elektromagnetischer Impuls von der Sonne, der die Elektrizität auf der Erde zum Erliegen bringt? No problem! Sie werden alles überleben, bis zu drei Generationen lang, wenn Sie in unserem Bunker sitzen.

Zerstörungssichere Bunker sind der Panic Room für die Zeit nach einer Apokalypse. Sie waren einer der Ersten, der sich darauf spezialisiert hat. Wie sehen diese Bunker aus?

Stellen Sie sich das feinste Hotel vor, in dem Sie je waren. Mit diesem Komfort leben Sie im Bunker, für die nächsten 30 oder 60 Jahre. Es ist das Ritz-Carlton, nur unter der Erde. Für den Fall, dass die Erde sich regenerieren muss. Für den Fall, dass die Eiszeit kommt oder der Klimawandel die Erdoberfläche verheert. Auch damit kalkulieren einige Kunden. Vielleicht nicht zu Unrecht, wenn man sieht, wie unser Planet vor die Hunde geht.

Und was soll man die nächsten 60 Jahre unter der Erde machen?

Filme gucken. Ein Kunde hat ein Kino einbauen lassen, mit 30.000 Filmen zur Auswahl. Wir haben unseren Bunkern die schönsten Zerstreuungsangebote hinzugefügt, stets mit Auftrag: Pizzerias, Skiabfahrten, Fußballfelder. Ein Bunker hatte eine Kunstgalerie, ein anderer Kunde wollte den Himmel nicht missen. Also habe ich ihm einen künstlichen Himmel an der Decke installiert, größer als ein Fußballfeld. Das kann man dekadent finden. Aber für die Superreichen sind es Verfeinerungen in der Ausstattung, nein, Notwendigkeiten gar. Wie für uns der Ersatzreifen im Kofferraum: gut, dass er da ist, noch besser, wenn man ihn niemals braucht.

Braucht der Mensch den Anblick des Himmels, um sich als Mensch zu fühlen?

Ach. Vielleicht ja. Vielleicht ist das aber auch nur philosophischer Bullshit. Im Buckingham Palace haben die meisten Räume keine Fenster, sie führen immer nur in weitere Räume. Man kann fast nie hinaussehen. Glauben Sie deshalb, das Leben im Buckingham Palace ist unerträglich? Wenn es Ihnen wichtig ist, baue ich Fenster in den Bunker. Nur dass die Fenster keine Fenster sind, sondern Screens, mit wunderschönen Landschaften darauf.

Ein nachdenkliches Interview sollte das werden mit Al Corbi, in chaotischen Zeiten, die am Ende auf zwei Fragen zusammenlaufen: Wie sicher sind wir denn – und wie sicher fühlen wir uns? Das ist, merkt man, nicht mit ihm zu machen. Nicht, weil er nicht könnte. Aber die Problemschweren, mit denen er sich umgibt, sind anders gelagert. In Corbis Welt geht es darum, ob das Putting Green im Atombunker Platz findet (findet es), darum auch, wie man den Monet unter der Erde richtig belüftet. Ja, manchmal kümmert sich dieser Corbi um Ferienhäuser in den Hamptons, aber das ist die Pflicht, Selbstversicherung einer Bodenständigkeit, die nicht mehr existiert. Lieber, merkt man, widmet er sich Aufträgen wie dem Rice House, für das er, einige Jahre her, eine Bat Cave ersann: einen Wasserfall, der sich ausschalten ließ und ein Garagentor freigab. Der Kunde, ein passionierter Autosammler, fuhr mit dem Wagen auf eine Stahlplatte, die sich hervorschob und ihn ins Innere holte. Danach sollte der Wasserfall wieder zu sprudeln anfangen, und nichts mehr zu sehen sein von dem geheimen Eingang. Rund 2,5 Millionen Dollar hat die Konstruktion gekostet. Eingezogen ist der Kunde am Ende nie in den Bunker. Wenn man Corbi fragt, wer genau seine Kunden sind, lacht er und sagt: Ich müsste Sie leider töten, wenn ich das verriete. Andere Frage also.

Katastrophenschutz: Dieser Luxus-Bunker sichert das Überleben der Superreichen

Wie tief können Sie maximal bauen?

Wieviel Geld haben Sie? 60 Meter sollten es mindestens sein, um gegen eine nukleare Katastrophe oder einen chemischen Unfall gefeit zu sein. Wir müssen ja nicht unbedingt abwärts in den Boden. Viele Bunker graben wir auch einfach ins Berginnere.

Und die Menschen, die dort leben und überleben wollen …

… könnten eines Tages eine neue Zivilisation starten. Sie werden die sein, die Edens Tore neu öffnen. Sie werden Adam und Eva sein.

Aber retten wollen Ihre Kunden, so scheint es, immer nur sich selbst. Eine Arche, die das Überleben vieler garantiert, hat keiner dieser Superreichen im Sinn.

Jetzt erliegen Sie Ihren Vorurteilen. Die Schweizer haben sich im Zweiten Weltkrieg als Rückzugsort das Réduit gebaut, die Alpenfestung. Sie haben in den Tiefen der Berge wohl mehr Betten als Einwohner. Macht das die Schweiz zu einer edlen Nation? Wenn ich einen Burger esse und Sie wollen was abhaben, könnte ich Ihnen die Hälfte geben. Oder nur einen Bissen. Oder gar keinen, weil ich nicht müsste. Es ist ja mein Burger. Ich bin aber deshalb kein schlechter Mensch. Einer meiner Kunden hat 103 Millionen Dollar für einen Bunker bezahlt – nicht für sich, für einen Freund. Ein anderer plant seinen Rückzug unter die Erde mit sage und schreibe 27 Menschen, die er mitnehmen will. Freunde, Familie, zwei Polizisten.

Zwei Polizisten?

Auch nach der Apokalypse sollen doch Recht und Ordnung intakt bleiben. Derjenige hat auch ein Gefängnis in seinen Bunker einbauen lassen. Ein anderer übrigens auch einen Friedhof. Ich darf natürlich keine Namen nennen. Diskretion ist wichtig.

Nuklearer GAU, globale Pandemie, Chemiewaffenkrieg: Die Kategorien, in denen Sie denken und verkaufen, scheinen einem sehr pessimistischen Weltbild, ja, fast einer Paranoia zu entspringen. Das klingt, Verzeihung, ein bisschen traurig.

Traurig? Was soll daran traurig sein? Sie müssen es ja nicht kaufen. Und Sie dürften gern traurig sein, wenn Sie all Ihr Geld investiert haben, aber dieser Notfall nie eintritt. Haben Sie das Geld aber sowieso über, warum dann nicht? Es ist alles relativ. Extrem, ja, gebe ich zu, aber deshalb doch nicht falsch. Urteilen Sie nicht zu hart über jemanden, der am Ende sich und seine Liebsten schützen will. Das ist ein menschliches Urbedürfnis, das ist Selbsterhaltung, das ist unser aller Streben. Mit dem Unterschied, dass wir jetzt wirklich die Mittel haben, das technologisch umzusetzen.

Sie sehen keinen Mentalitätswandel beim Verbraucher, der den extremen Boom der Sicherheitsbranche erklären würde? Eine plötzliche Verletzlichkeit, die sich aus den politischen Wirren speist, der diffusen Terrorgefahr, dem Gefühl, jederzeit schuldlos zum Opfer werden zu können?

Wir sind Überlebenstiere. Das wusste schon Darwin. Ich glaube, die Welt ist so gefährlich wie eh und je. Die Menschen merken nur, dass sie sich über die Jahre in einem falschen Sicherheitsgefühl gewogen haben. In den USA gibt es ADT Security, die Firma hat quasi jedem zweiten Amerikaner seine Kamera ans Haus gebaut und dann aus ihrer Zentrale diese Häuser überwacht. Aber was bringt das? Wenn die Einbrecher da sind, ist keinerlei Abwehrmechanismus existent. Sie können beobachten, wie eingebrochen wird, stoppen können sie das nicht. Was ADT macht, ist in meinen Augen fast ein größeres Verbrechen als das, was die Einbrecher machen. Und die Menschen sehen das langsam. Sie wachen auf.

Verstehen Sie, wenn das martialische Beschreien von Sicherheit und Schutzzwang sehr amerikanisch und deshalb befremdlich wirkt auf Europäer! Es gibt immerhin Studien, die eine gegenteilige Entwicklung betonen: dass weniger Autounfälle passieren, weniger Einbrüche, dass die Verbrechens- oder auch Mordraten in fast allen Städten sinken. Der sogenannte "crime drop" ist keine Einbildung, er ist belegt, auch in den USA. Die Welt ist de facto sicherer geworden. Warum sollen wir uns verbunkern?

Wenn nie bei Ihnen eingebrochen wurde, wenn Sie nie in einen Kampf geraten sind, wenn Sie nie angegriffen wurden – gut für Sie. Für alle, die so was erlebt haben, ist es aber nicht nur schön, sich zu schützen, sondern sogar psychologisch stabilisierend. Ich bin kein allzu großer Fan von Studien, sie sind mir zu tendenziös. Es mag weniger Einbrüche als früher geben, trotzdem gibt es noch Einbrüche. In einem Jahr sind es 50 Millionen, im nächsten Jahr dann 48 Millionen, aber statt zu sagen: "Das ist konstant zu hoch", schreiben die Zeitungen: "Juhu, crime drop!" Sagen Sie das mal den Menschen, die das Trauma eines Einbruchs durchgemacht haben und seither nicht mehr ruhig schlafen können.

Sie arbeiten seit über 50 Jahren in der Sicherheitsbranche. Können Sie an einem schönen Sonntag durch die Stadt spazieren, ohne überall Sicherheitslücken und Lebensgefahren zu erkennen?

Ich erzähle Ihnen noch eine Geschichte. Einmal fuhr ich durch Los Angeles und merkte, dass mein Tank leer war. Die nächste Ausfahrt bin ich runter, aber wo war ich gelandet? In Crenshaw! Crenshaw ist verrufen. Gewalt, Morde, Überfalle, soziale Ungleichheit. Und ich als weißer Idiot mit meinem Royce an einer Tankstelle. In wenigen Minuten war ich von Leuten aus dem Viertel umringt. Aber dann... kam ich mit den Anführern der Gruppe über meinen Royce ins Plaudern, das waren Autofans, Raser, Tuner. Bierdosen wurden geholt, Motorhauben geöffnet, wir hatten eine richtige Block Party. Ich blieb vier Stunden. Soll heißen: Vorurteile helfen nicht, Klischees helfen nicht, präventive Panik ist Unsinn. Man muss sich bewusst machen, wo man ist. Man muss sich seiner Umgebung vergewissern. Und man muss den Menschen immer mit Respekt begegnen.

Mr. Corbi, verziehen Sie sich irgendwann auch in einen Bunker unter der Erde?

Keine Chance, mein Freund. Ich bin wie ein Rolls-Royce-Verkäufer, der jede Nacht in einem rostigen Volkswagen einschläft. Ich kann mir mein eigenes Produkt nicht leisten.

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