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Im Zweifel: Tommi Schmitt: Netflix, du warst immer gut zu mir. Doch damit ist jetzt Schluss. Es reicht!

Seriengucken gleicht für Tommi Schmitt zunehmend harter Arbeit. Weshalb er sich – allen Netflix-Vorteilen zum Trotz – derzeit nach linearem Fernsehen sehnt. Warum? Das erklärt er in seiner Kolumne "Im Zweifel". 

Von Tommi Schmitt

Netflix hat nicht nur Vorteile

"Netflix, es ist zu viel"

Ja, Netflix, du warst immer gut zu mir. Ungezählte Stunden haben wir miteinander verbracht. Doch damit ist jetzt Schluss. Es reicht. Geh ich in deine App, fühle ich mich mittlerweile wie Simba, der von der Gnu-Herde überrannt wird. Meine Watchlist verkommt zur To-do-List. Ich will doch popkulturell auf der Höhe bleiben, an Stehtischen mit Serienzitaten und -anspielungen brillieren! Aber Seriengucken gleicht zunehmend harter Arbeit. Neulich habe ich mich dabei erwischt, wie ich einem Freund erzählte, ich müsse noch "Haus des Geldes" – Achtung –weggucken. Ein hässliches Wort, das tief blicken lässt.

Druck, Druck, Druck! "Mad Men" nachholen! "Better Call Saul" schauen! "Mindhunter"! "Die Brücke"! "Ozark"! "The Sinner"! Okay, wie wär’s mit "Luther"? Oh, die hat bereits fünf Staffeln, das wird Folgen haben – im wahrsten Sinne. Dann also die Bill-Gates-Doku! Jetzt muss ich aber langsam was finden, die Nudeln werden kalt. Aber ich kann zum Essen nicht irgendwas gucken. Verdammt! Diese Serie über Trump? "Rick and Morty"! "The Crown"! Auch "Unbelievable" schiebe ich viel zu lange vor mir her. Und guck bloß alles auf Englisch, haben sie gesagt. Die ersten zwei Folgen müsste ich überstehen, dann würde es super. Überstehen? Ist das noch Unterhaltung? Ich kann nicht mehr. Reißleine.

"Netflix, es ist zu viel"

Klar, Netflix, du hast mir Zugang zu fast jedem Film und jeder Serie gewährt. Hast mir gezeigt, was ich alles gucken kann. Oder lesen ("Narcos"). Wie ein Kind im "Super Toy Club", das durch die Regale eines Spielzeugladens rennt und eine Actionfigur nach der anderen in den Einkaufswagen wirft, darf ich schauen, was ich will. Alles ist erlaubt. Keine Barrieren. Keine Verknappung. Aber genau darin liegt mein Problem: Es ist zu viel, das Besondere geht verloren. Es gibt nun jeden Tag Pizza. Jeden Tag ist Urlaub. 20.15 Uhr ist, wann ich will. Und das alles in einem Algorithmus, der auf mich zugeschnitten ist. Systream-Gastronomie. Entertainment wird zalandoisiert. Hier, guck das noch! Und das!

Netflix, versteh mich nicht falsch: Ich liebe deine Filme und Serien, du hast mir gezeigt, dass in Dokumentationen Experten auch zu Wort kommen können, ohne vor Bücherregalen zu sitzen. Aber ich meide auch Restaurants, in denen Gerichte mit dreistelligen Nummern bestellbar sind. Trendforscher und Medienexperten (ganz bestimmt auch Richard David Precht) werden nicht müde vorauszusagen, Streaming würde dem linearen Fernsehen bald den Garaus machen. Ich habe Zweifel. Und glaube, zur Unterhaltung gehört auch die Überraschung und lediglich eine geringe Selbstbestimmung. Würde noch jemand den Zirkus besuchen, wenn man sich per Fernbedienung für einen Clown oder Artisten entscheiden müsste?

Streaming ist ein Trend. Aber jeder Trend hat den Gegentrend bereits in der Tasche. Verrückt, doch ich sehne mich zurzeit nach Berieselung. Keine Entscheidung treffen. Den Fernseher einschalten und beim "Perfekten Dinner" (ironisch) zusehen, wie eine Kandidatin Kürbissuppe kocht, den Balsamico-Zorro drüber spritzt und lieb gemeinte sieben Punkte ergattert. Ich möchte mir das Essen vorsetzen lassen. Ich möchte die "NDR Talk Show" gucken und Sätze sagen, wie: "Guck an, der ist aber alt geworden." Oder einen Film um 20.26 Uhr einschalten, um nach einer Minute kollektiv festzustellen: "Da kommen wir jetzt nicht mehr rein."

Wenn ich trotzdem den Drang verspüren sollte, eine Serie bingewatchen zu müssen, reicht ProSieben mit seinen täglichen 41 Folgen "The Big Bang Theory" völlig. Und ob ich jetzt bei dir, Netflix, die "American Horror Story" gucke oder "Love Island" bei RTL II – der Gruselfaktor ist doch derselbe. Aber keine Sorge, ich komme bestimmt bald wieder. Du weißt: Jeder Trend hat den Gegentrend in der Tasche. Außerdem muss ich noch den neuen "Breaking Bad"-Film weggucken.

Tommi Schmitt, 30, lebt in Köln, ist Autor für diverse Fernsehsendungen, Teil des Podcasts "Gemischtes Hack" und wechselt täglich zwischen Philanthrop und Misanthrop.

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