"Bloblive" Karriere-Kick am Kneipentresen


Eine Kneipe, eine Idee, fünf Minuten Zeit: Mit diesem Witz könnten in den USA demnächst steile Karrieren beginnen. Bei sogenannten Bloblive-Events stellen Arbeitslose auf der Suche nach Geldgebern ihre Geschäftsideen in Bars vor. Manche kommen ganz groß raus.
Von Frank Siering, Los Angeles

Die Kneipe im kalifornischen Santa Monica ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Stimmengewirr auf engstem Raum, überwiegend junge Leute drängeln sich an der Bar. Über die TV-Bildschirme, die in jeder Ecke angebracht sind, flimmern Wirtschaftsnachrichten. Die Hiobsbotschaften der Nachrichtensprecher - Dow Jones und Nasdaq stürzten auch an diesem Donnerstag mal wieder in den Keller - entlocken den Bar-Besuchern nicht viel mehr als ein müdes Lächeln. "Was willst du machen, wir durchleben im Moment schwere Zeiten", sagt Darren Segel, ein Kommunikations-Experte aus San Diego. Er arbeitet für die Firma Cox Cable und darf sich damit noch zu den Glücklichen an diesem Abend zählen. Denn rund 90 Prozent der Anwesenden sind arbeitslos. Genau das ist aber auch der Grund, warum die meisten Besucher heute hier sind. Sie suchen beim fünften "Bloblive-Event" einen Job oder einen Investor für ihre Geschäftsidee.

Fünf Minuten für die beste Idee

Bloblive, dahinter verbirgt sich eine pfiffige Idee: Jeder darf für sich fünf Minuten lang auf der Bühne Eigenwerbung machen. Ob man sein besonderes Können oder seine Idee in den Vordergrund stellt oder einfach nur witzig ist, bleibt jedem selbst überlassen. Dadurch entsteht eine interessante Mischung aus der in den USA beliebten Stand-Up-Comedy und einem öffentlichen Markt für neue Geschäftsideen.

Brian Brentow ist 25 Jahre alt. Er steht in der Bar in San Diego auf der provisorisch aufgebauten Bühne, hält ein Mikro in der Hand und kämpft mit seiner Stimme gegen den Geräuschpegel an. "Wer hier hat schon mal Schmerzen gehabt, nachdem er lange Zeit vor dem Computer gesessen hat?" Reihenweise gehen die Hände hoch. "Genau das habe ich vermutet", sagt Brentow. Der junge Kalifornier sucht Probanden und einen finanzkräftigen Sponsoren für seinen geplanten Dokumentarfilm "Your Computer is Killing You" ("Dein Computer bringt dich um"). Das Publikum zeigt Interesse. Das Stimmengewirr verstummt. Brentow hat die Aufmerksamkeit der Bloblive-Besucher gewonnen. Zumindest für eine kurze Zeit. Fünf Minuten hat Brentow Zeit, seine Idee zu "pitchen", also an den Mann zu bringen. Danach muss er das Mikrofon weiterreichen. An den nächsten Jungunternehmer, der hofft in dieser engen Kneipe seinem Traum ein bisschen näher zu kommen.

Vom Internet in die Bar exportiert

"Blob" steht im Englischen für eine noch unausgegorene Geschäftsidee. Die "Bloblive"-Events sind eine Weiterentwicklung der Internetseite Idealblob.com, einem Online-Forum, in dem jeder Surfer seine Geschäftsidee platzieren kann. Andere User kommentieren die Vorschläge und geben Verbesserungstipps. Viele haben auf diese Weise neue Kontakte geknüpft und Geschäftspartner oder Geldgeber gefunden. Einmal im Monat wird die beste Idee mit 10.000 Dollar Preisgeld honoriert.

Seit Beginn der Wirtschafts- und Finanzkrise im vergangenen Herbst hat der "Blob" seinen Weg in die Bars gefunden. In unregelmäßigen Abständen werden die Events in Gastronomie-Betrieben abgehalten. Mit den Arbeitslosenzahlen steigt auch die Zahl der Bewerber, die sich am Bloblive-Mikrofon präsentieren möchten. Manche entfalten Entertainer-Qualitäten auf der Bühne, erzählen zwischendurch sogar Witze. Doch nicht immer gefällt den Zuschauern, was sie sehen.

Robert Solomon glaubt, das Geheimrezept zum Geldverdienen im Internet gefunden zu haben. Seine unausgegorene Idee quittiert das Publikum allerdings mit einigen Buhrufen, viele drehen ihm sogar demonstrativ den Rücken zu. "Die meisten Blobber sind es nicht gewohnt, vor Publikum frei zu sprechen. Da fallen sie auch schnell mal auf die Nase", kommentiert Brentow, der immerhin schon drei Bloblive-Events mitgemacht hat, den Auftritt seines Kollegen.

Zuschauer-Reaktionen sind ein Erfolgs-Barometer

Für die anwesenden Vertreter von Firmen, die auf der Suche nach frischen Ideen für ihre Unternehmen sind, sind die Reaktionen des Publikums Gold wert und ein ideales Barometer für die potenzielle Geschäftsidee. Gerade in Zeiten der Krise sehen viele Unternehmen die Chance, sich mit originellen Einfällen einen Wettbewerbsvorteil zu sichern.

Als Peter Drags unlängst eine Marketing-Idee für ein neues Staubsauger-Modul präsentierte, hörte der Geschäftsführer einer großen Firma sehr genau zu. "Einen Tag später bekam ich einen Anruf und hatte einen neuen Job. Besser dotiert als mein letzter und mit mehr Aussicht auf Karriere", sagt Drags stolz. Ein Beweis dafür, dass Bloblive nicht nur unterhaltsam, sondern manchmal auch sehr wirksam sein kann.


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