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60. Geburtstag: Otto? Find ich gut!

"Wir haben Grund zum Feiern, unser letzter Wille, immer mehr Promille, Promille, Promille." Mit derlei Sprüchen bespaßt Komiker Otto Waalkes seit fast 40 Jahren sein Publikum. Ans Aufhören denkt er noch lange nicht. Zum 60. Geburtstag eine Hommage an den Mann, der den Deutschen das Lachen lehrte.

Von Mark Stöhr

Es gab eine Zeit, da hätte es auch Loriot sein können. Wir saßen im Bus und fuhren bergwärts. Unten am Bodensee wohnten die Eltern, oben im österreichischen Gebirge wartete der Skilehrer. Eine aufgekratzte Truppe von Vorpubertierenden in Wollpullovern, die schon nach den ersten Metern vor die alles entscheidende Glaubensfrage gestellt wurden: Loriot oder Otto?

Natürlich Otto. Loriot war für Lehrerkinder und Weintrinker, die zwischen den Zeilen schmunzelten und dem akademischen Witz genüsslich nachsinnierten. Wir wollten uns schlapp lachen und tranken schon in aller Herrgottsfrühe Cola. Hochdeutsch konnte ohnehin keiner, da lag es nahe, gleich zu Dada überzugehen: "Hohes Gewicht, liebe Geschwollene, Angenagter". Otto brachte uns in den 80er Jahren das Sprechen bei und lieferte das überlebensnotwendige Rüstzeug fürs Zwischenmenschliche. "Du bist und bleibst das alte Arschgesicht / und damit wagst du dich ans Tageslicht / nein, ich ertrag deine Visage nicht". Damit war der Sitznachbar erst einmal kalt gestellt.

Otto Waalkes war damals wahrscheinlich der einzige Anarchist, der es in die bürgerlichen Wohnzimmer und Plattenschränke schaffte. Seine "Otto-Shows" fegten die Bürgersteige leer, seine Platten verkauften sich hunderttausendfach. Während die einen gegen die Pershings demonstrierten, die anderen ihre Haare pomadisierten und sich der große Rest über beide echauffierte, blödelte und knödelte sich Otto durch sein außerfriesisches Absurdistan.

"Otto - der Film" ist bis heute der erfolgreichste Streifen nach 1945

Er war die Ein-Mann-Volkspartei, die irgendwie alle wählen konnten, und erfand nebenbei den Zivi-Look, noch ehe es überhaupt Zivis gab. Ein Multi-Instrumentalist, der den Ton seiner Zeit traf und mit jedem Tastenschlag scheinbar mühelos Erfolg hatte. Sein Filmdebüt "Otto - der Film" trieb 1985 unfassbare 14,5 Millionen Zuschauer ins Kino und ist bis heute der erfolgreichste deutsche Film nach 1945. Nur einmal überspannte er den Bogen, als er über einen Selbstmord des Papstes kalauerte - "ja, wenn man sich beruflich verbessern kann" - und damit nicht nur die Katholiken gegen sich aufbrachte. Doch "schabadu und schabada": Die Sache war schnell wieder vergessen.

Seit fast 40 Jahren macht Otto Waalkes dieselben Witze. Höchste Zeit, aufzuhören, oder? Stimmen Sie ab!

"Hallo Echo!" - "Hallo Otto!", die Winterfrischler vom Bodensee jagten wiehernd die Serpentinen hoch. Der Tagesproviant war längst aufgebraucht, die ersten wanden sich im Cola-Rausch. "Wir haben Grund zum Reihern / zerfrisst es uns auch die Därme / schenkt es uns doch Wärme / Wir haben Grund zum Feiern / unser letzter Wille / immer mehr Promille, Promille, Promille". Der Busfahrer ließ kaum eine Nothaltebucht aus, Otto kaum einen noch so albernen Reim. Als wir endlich das Skigebiet erreicht hatten, glotzten wir auf eine grüne Wiese. Den Klimawandel gab es damals schon, den Begriff dafür noch nicht. Wir mussten höher hinauf.

Susi Sorglos küsst ihren Föhn wie ehedem

Dass Otto den Klimawandel in der Comedy-Landschaft mit Bravour gemeistert hätte, wäre ein arger Euphemismus. Er hat ihn schlicht ausgesessen und tourt unbeirrt mit seinem 20-Liter-Humor durch die Fernsehshows und Veranstaltungshallen. Als Oldtimer mit über 40 Jahren Bühnen- und Fernseherfahrung genießt er seinen Sonderstatus und bestellt geschäftstüchtig seinen Otto-Versand mit einer Best-of-DVD-Veröffentlichung nach der anderen. Die Milz sieht immer noch was, was das Auge nicht sieht, und Susi Sorglos küsst ihren Föhn wie ehedem. Die momentane Retrowelle, die seinem ehemaligen WG-Genossen Udo Lindenberg kürzlich ein Nummer-eins-Album bescherte, kommt ihm da gerade recht.

Otto macht selbst keinen Hehl daraus, dass er vor 25 Jahren in Frührente ging. Und wenn er doch noch einmal etwas neues Großes anpackt wie die beiden "7 Zwerge"-Filme, lässt er seine jüngeren Komiker-Kollegen schuften im Akkord der Gegenwart, den er sich selbst nicht mehr antun will. Warum auch? Und warum sollte man ihm daraus einen Strick drehen? Wo steht geschrieben, dass man sich ständig neu erfinden muss, wenn die wichtigste Erfindung schon gemacht ist? Ein Alterswerk von Otto jenseits der 60, das eine völlig andere Richtung einschlägt, ist schwer vorstellbar. Es würde ihm zudem genauso zerrissen wie seine kreative Verweigerung. Wir konnten es jedenfalls damals kaum erwarten, bis wir nach dem Skikurs wieder im Bus saßen. Otto ist ein prima Reise-, nein: Lebensbegleiter. "Und damit übergebe ich mich ins Funkhaus."