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Auftritt von Paris Jackson: Kinder-Psychologin attackiert den Jackson-Clan

Es war der bewegendste Moment der Trauerfeier: Die Tochter Michael Jacksons, die elf Jahre alte Paris, bricht in Tränen aus. Doch in die Rührung und das Mitgefühl mischt sich auch Kritik: Darf man ein Kind, das gerade seinen Vater verloren hat, so vorführen?

Von Jens Maier

"Oh mein Gott" schreit eine Frau im Publikum des Staples Center in Los Angeles. Paris Jackson, die elfjährige Tochter des verstorbenen King of Pop, ist auf der Bühne gerade in Tränen ausgebrochen. "Daddy war der beste Vater, den man sich vorstellen kann. Ich wollte nur sagen: Ich liebe ihn so sehr", hatte sie vor 20.000 Zuschauern in der Halle und vor einem Millionenpublikum weltweit vor dem Fernseher gesagt. Danach vergräbt sie ihr Gesicht im Schoß ihrer Tante Janet Jackson, muss von ihr gehalten und getröstet werden. Der bewegendste Moment der Trauerfeier sorgt einen Tag danach für kontroverse Diskussionen. War der Auftritt des weinenden Mädchens der ergreifende Höhepunkt oder der voyeuristische Tiefpunkt der Veranstaltung?

Dabei erntete die Trauerfeier weltweit viel Lob. Anders als viele erwartet hatten, verkam sie nicht zu einem Spektakel mit Feuerwerk und Brimborium, sondern bot einen würdevollen Rahmen für den Abschied vom größten Popstar aller Zeiten. Dessen goldener Sarg stand mit Blumen geschmückt vor der Bühne. Was dahinter ablief, war eine gelungene Mischung aus Andacht, Erinnerung, Melancholie und Abschied. Weltstars wie Usher, Mariah Carey und Stevie Wonder sangen gefühlvolle Balladen, dazwischen erzählten Freunde wie Brooke Shields oder William Robinson Anekdoten aus Jacksons Leben. Ganz am Schluss stimmten alle Teilnehmer gemeinsam auf der Bühne "Heal the World" an - auch die drei Kinder Jacksons. Eigentlich hätte die Feier hier zu Ende sein können. Doch dann tritt Paris Jackson ans Mikrofon.

"Society-Expertin" Sibylle Weischenberg empfindet den Auftritt der 11-Jährigen als Zurschaustellung. "Das ist immer ein rührender Moment, wenn die Kinder des Toten trauern oder die Kinder, die in seiner Obhut waren. Aber das kann ja nicht die Maßgabe sein", sagt sie im Frühstücksfernsehen. Der Jackson-Clan folge aber offensichtlich weiter seinem Muster und führe Kinder vor. Der Auftritt sei im Grunde bloß ein Statement an den Richter gewesen, der demnächst entscheiden soll, wo die Kinder aufwachsen. Über die Tochter sagt Weischenberg: "Die durfte nie mit der Öffentlichkeit sprechen und musste jetzt. Man hielt ihr noch das Mikrofon hin, damit sie verdammt noch mal den Eindruck erweckt: 'Die Kinder sind bei uns gut aufgehoben' (...) Das war Holzhammer-Methode. Es war ganz furchtbar."

Jacksons Kinder sind allerdings nicht die ersten, die von einem toten Elternteil öffentlich Abschied nehmen. Unvergessen sind die Bilder von John F. Kennedy Jr., wie er vor dem Sarg des ermordeten US-Präsidenten salutiert oder die Fotos der Söhne von Prinzessin Diana, die ihrer toten Mutter einen Brief mit der Aufschrift "Mummy" auf dem Sarg mitgaben. Medienwissenschaftler Jo Groebel vom Deutschen Digital Institut in Berlin spricht in diesem Zusammenhang von einer anderen Kultur im angloamerikanischen Sprachraum. Dort pflege man einen sehr viel emotionaleren Umgang mit Trauer. Man dürfe deshalb "nicht ernsthaft mit den Fingern darauf zeigen".

Doch auch in den USA sehen Psychologen das offenbar anders. Linda Blair, bekannte Buchautorin und Kinder-Psychologin, hält den öffentlichen Auftritt der Kinder für falsch. Es sei für Kinder nach dem Tod eines Elternteils das Wichtigste, dass ihr Leben normal und wie gewohnt weitergehe. Bei den Kindern Jacksons sei genau das Gegenteil passiert. "Auf einmal ins Rampenlicht gezerrt zu werden, wie es bei Paris passiert ist, kann sehr traumatisch sein. Besonders wenn ein Kind unter Schock steht", sagte sie dem Branchendienst contactmusic.com.

Zu seinen Lebzeiten hatte Michael Jackson seine Kinder streng abgeschottet. In der Öffentlichkeit mussten sie stets eine Maske tragen oder wurden mit Tüchern verhüllt. Selbst als er 2002 sein wenige Monate altes Baby aus einem Fenster des Hotels Adlon in Berlin hielt, um es den Fans zu zeigen, hatte es ein Handtuch über dem Kopf. In einem TV-Interview sagte Jackson 2003, dass er zum Schutz seiner Kinder nicht wolle, dass ihre Gesichter bekannt seien. Zwar tauchten in den Medien Papparazzi-Fotos auf, doch dass Prince Michael Joseph, 12, Paris Michael Katherine, 11, und Prince Michael II, 7, öffentlich vorgeführt werden, ist neu.

"Oh mein Gott." Der Aufschrei der Frau aus dem Publikum. Es kann ein Schrei der tiefen Trauer gewesen sein. Aber auch ein Schrei des Entsetzens. Entsetzen darüber, wie die Famillie Jackson mit dem Willen ihres verstorbenen Sohnes und Bruders umgeht und mit dessen Kindern.