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Campino im Interview: "Spaß am Krach"

Suchbild mit fünf Punks: Zum 20-jährigen Bestehen der Band holte der Fotokünstler Andreas Gursky Die Toten Hosen vor seine Kamera - zusammen mit 75 nackten Models. Ein Gespräch mit Sänger Campino.

Von Ulrike von Bülow und Hannes Ross

Auf Ihrem neuen Album "Reich und Sexy II - Die Fetten Jahre" sind die Toten Hosen mit 75 nackten Frauen zu sehen - alles Groupies?

Das sind Models. Wir wollen uns damit selber persiflieren - wenn du dich als Typ mit Ende 30, Anfang 40 zu so einem Akt hinstellst, kann das nur Selbstverarsche sein.

Haben die jungen Damen gelacht, als die blassen, dünnen Hosen ins Studio kamen?

Am Anfang war das leicht verklemmt. Es gab zwei Shootings mit jeweils etwa 40 Frauen. Unser Gitarrist Breiti musste an einem Tag ganz allein hin. Als er in den Raum kam und sich den Morgenmantel auszog, fingen die Frauen alle an zu johlen - und er wurde knallrot. Aber eigentlich lief es doch sehr professionell ab.

Nicht mal Telefonnummern haben Sie ausgetauscht?

Wir waren leider nackt und hatten nichts zu schreiben dabei.

Die Toten Hosen wurden vor 20 Jahren gegründet. Sind Sie damals auch Sänger geworden, um die besseren Frauen zu bekommen?

Es war eher der Spaß an dem Krach, am Punk, der damals hochkam. Zwischen 13 und 17 war mir Musik viel wichtiger als irgendwelche Mädchen. Schon in der Schule suchte ich den großen Auftritt.

Woher rührte dieser Selbstdarstellungstrieb?

Keine Ahnung. Da müsste man mal einen Psychologen fragen. Vielleicht, weil ich das fünfte von sechs Kindern bin. Da musste ich natürlich zusehen, wie ich mir das Essen vom Tisch hole. Das hat aufgehört, als ich Sänger einer Band wurde.

Die Toten Hosen sind heute die erfolgreichste Rockband Deutschlands. Nicht schlecht für eine Combo, über deren Anfangszeit Sie mal sagten: »Wir waren beschissen angezogen und immer so besoffen, dass wir kaum auftreten konnten.«

Unser Motto war: Mut zur Hässlichkeit. Wir waren fasziniert von Geschmacklosigkeiten. Einmal habe ich mir auf eine weiße Hose mit gelber Kreide Pissflecken gemalt - da war ich damals ganz stolz drauf. Es gab auch diese Tourneehemden aus Synthetik, die rochen nach einer Weile echt übel. Bei uns wurde der prämiert, der sie am längsten getragen hat.

Lecker. Und wie war das mit dem Suff?

Ich erinnere mich an ein Konzert in der Schweiz, das nur 15 Minuten gedauert hat. Unserem Drummer mussten die Stöcke mit Tape an die Hände geklebt werden, weil er die immer verloren hat. Ich kam auf die Bühne, hab mich erst mal langgelegt und kam von allein nicht wieder hoch.

Später sind Sie dann auf Speed umgestiegen. Ging es damit besser?

Das war die Zeit, wo wir uns Koks nur an Sonn- und Feiertagen leisten konnten. Ich bin eigentlich nicht so ein Suchttyp, ich war auch nie einer, der wirklich Suchtprobleme hatte. Aber das war damals schon schwierig, weil ich Auftritte immer verbunden hatte mit diesem Zeug.

1988 war Schluss mit lustig: Während einer Tournee kamen Sie ins Krankenhaus - Kreislaufkollaps und Stimmbandanriss.

Das war ein Hammer. Ich habe nur noch Mineralwasser und Tee getrunken. Als wir die Tour dann nachholten, waren das die ersten Konzerte meines Lebens, bei denen ich wirklich knallnüchtern war - ich fühlte mich total nackt. Aber wenn man 15 Jahre lang relativ benebelt durch die Gegend läuft, freut man sich irgendwann auch über die klaren Tage.

Trinken Sie wenigstens noch hin und wieder ein Altbier?

Meistens, wenn ich mich völlig verausgabt habe, nach dem Sport oder so. Meine Geschmacksnerven haben sich mit der Zeit verändert. Ich ekle mich nicht mehr vor einem Glas Wein. Und jeder hat Anspruch auf einen gepflegten Abschuss. Aber das sollte privat passieren - nicht auf der Bühne. Da muss ich die Kontrolle behalten. Als das Mädchen starb...

... jenes Mädchen, das 1997 bei Ihrem 1000. Konzert im Düsseldorfer Rheinstadion im Gedränge ums Leben kam ...

...als die Polizei auf die Bühne kam, wurde die niedergebrüllt; in dem Moment war derjenige am Mikro die einzige Autorität. Wenn ich die Situation nicht im Griff gehabt hätte, weil ich irgendwie besoffen oder dicht gewesen wäre - ich glaube, ich hätte mir das nie verziehen.

Hatten Sie den Schock verarbeitet, als Sie ein Jahr später wieder auf Tour gingen?

Ich habe mit der Mutter des Mädchens gesprochen; wir kennen die Familie inzwischen sehr gut und sehen uns einmal im Jahr. Sie sagte zu mir: »Rike ist nicht wegen euch gestorben, sondern sie ist bei euch gestorben« - ein Satz, den ich mein Leben lang nicht vergessen werde. Wir konnten auch nicht plötzlich in bestuhlten Sälen spielen. Der Grund, weshalb die Toten Hosen eine Existenzberechtigung haben, ist der, dass da Party ist, dass die Leute schwitzen, dass es da ein bisschen ruppig zugeht. Wenn wir diese Energie nicht mehr hätten, bräuchten wir nirgends mehr auftreten. Das könnte Reinhard Mey dann besser.

Wie erklären Sie sich die Tatsache, dass das Publikum die Toten Hosen auch nach 20 Jahren noch sehen will?

Die Leute wissen, wo wir herkommen, sie haben gesehen, wie wir in Hausbesetzerkneipen gespielt haben. Und auch wenn wir einen Haufen Geld verdienen, sind wir unseren Idealen treu geblieben.

Also Opel Kadett statt S-Klasse, Mietwohnung in Düsseldorf statt dicker Villa auf Mallorca, Lederarmband statt Rolex?

Würden uns die Fans so was übel nehmen? Ich kann sie alle beruhigen: Für mich ist ein Mercedes null interessant. Ich lebe in einer Zweizimmerwohnung, mehr brauche ich nicht. Und es gibt eine Strafgebühr für jeden in der Band, der sich mit einer Uhr auf einem Foto blicken lässt: früher fünf Mark, jetzt 2,50 Euro. Wir haben schon vor 15 Jahren beschlossen: Rock'n'Roll und Uhren - das geht gar nicht.

Die Toten Hosen haben allein in Deutschland mehr als zehn Millionen Alben verkauft, besitzen eine Plattenfirma, einen Musikverlag und ein Tour-Unternehmen. Was machen Sie mit dem ganzen Geld?

Ich reise sehr gern. Und wenn, dann lange und weit weg. Da geht schon mal was drauf. Aber mir ist Geld nicht wichtig. Mich hat das immer gelangweilt, ich habe lieber ein gutes Buch gelesen. Es war einer der letzten Ratschläge meines Vaters: »Junge, gib dein Geld doch einer Bank, die verwalten das, dann hast du Ruhe.« Die haben es dann auch verwaltet und in Aktien und Fonds investiert. Jeder weiß, dass die in der letzten Zeit ziemlich den Bach runtergegangen sind.

Sie Armer. Müssen wir uns Sorgen machen?

Der stern muss jetzt keinen Spendenaufruf starten. Mir geht's noch ganz gut, danke.

Sie haben mal gesagt, die Toten Hosen seien Ihre Ersatzfamilie. Haben Sie nie daran gedacht, eine eigene zu gründen?

Doch. Ich komme ja aus einer Großfamilie, ich weiß, wie toll das sein kann. Aber das ist der Preis, den man zahlt, wenn man so viel unterwegs ist: Es ist kaum möglich, ein vernünftiges Verhältnis aufzubauen.

Eine beliebte Ausrede.

Da mögen Sie Recht haben. Wenn mir eine Frau begegnet wäre, die bereit ist, sich so weit unterzuordnen und den Laden in Schwung zu halten, während ich auf Tour bin, dann wäre das vielleicht passiert.

Sie sollen derzeit mit einer Schauspielerin liiert sein. Warum sieht man Sie nie gemeinsam in der Öffentlichkeit?

Ich werde Ihnen nichts bestätigen und nichts dementieren. Mein Privatleben ist mein Territorium. Ich gebe der Öffentlichkeit schon viel in meinen Texten. Und es gibt genügend Beckers und Bohlens, die die Medien als Kommunikationsmittel brauchen - das kommt mir manchmal schon wie eine Therapie vor.

Sie geben noch immer den Berufsjugendlichen mit blondierter Punk-Frisur und Totenkopf-T-Shirt. Fürchten Sie sich vor dem Älterwerden?

Das sollten Sie lieber Günter Grass fragen - ich bin gerade 40! Ein junger Mann und kein alter Junge. Ich habe mir jede Falte auf ehrbare Weise verdient und auch kein Problem damit. Solange ich noch mit Gleichaltrigen Fußball spielen kann, ist doch alles in Ordnung.

Sie leiden unter keinerlei Verschleißerscheinungen nach 20 Jahren Punkrock?

Ich brauche heute nach einer durchzechten Nacht länger, um wieder am Start zu sein. Früher habe ich bei Konzerten meinen Kopf gern in die Boxen gehalten. Heute würde ich sagen: Das war ein Fehler. Ich höre ziemlich schlecht, vor allem die hohen Frequenzen.

Brauchen Sie ein Hörgerät?

Glaube ich nicht, weiß ich nicht, will ich auch gar nicht wissen. Es würde mir schwer fallen, mit so einem Ding rumzulaufen. Und noch geht es ja einigermaßen. Wenn ich ein paar Vögel hören will, kaufe ich mir so eine Zwitscher-CD und dreh die eben laut.

Die Toten Hosen haben sich bereits auf dem Düsseldorfer Südfriedhof eine Grabstätte reservieren lassen. Wollen Sie spielen, bis dass der Tod Sie scheidet?

Das mit dem Grab war anfangs nur ein Scherz. Aber dann haben wir uns überlegt: Wer so lange miteinander rumhängt, kann sich auch zusammen begraben lassen.

Was wird auf dem Grabstein stehen?

Sie hießen die Toten Hosen, und sie dachten, sie wären unsterblich.

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