Christine Neubauer Das Prachtweib von der Alm

Naturverbunden, üppig, unverfälscht: Christine Neubauer ist das Glas Kuhmilch unter den Schauspielerinnen. Und die schärfste Waffe im Quotenkampf der ARD.

Mag ja sein, dass Christine Neubauer keinen Grimme-Preis bekommen wird für die Fortsetzung von "Die Landärztin". Wer ihr bei den Dreharbeiten im österreichischen Großraming zuschaut, kann Szenen von archaischer Schlichtheit bestaunen. Knurrige Bergbauern, die beim Anblick Neugeborener dahinschmelzen wie Almwiesenbutter, fideles Trachtenvolk, das urige Instrumente schrammelt, sowie eine patente Bergdoktorin, die sich wacker gegen dörfliche Intrigen stemmt. Mutmaßlich wird die Fernsehkritik an dem Neunzigminüter kein gutes Härchen lassen.

Fest steht hingegen, dass fünf bis sechs Millionen Zuschauer sich die Gemütsschnitte genussvoll und ohne Reue reinziehen werden. Christine Neubauer ist eine scharfe Waffe im Quotenkampf. Auf dem Freitagabendplatz, den die ARD gern mit quietschbunten Gute-Laune-Streifen ihrer Filmtochter Degeto besetzt, schlug sie sich schon glänzend gegen den zeitgleich laufenden Krimi des ZDF. Die üppige Brünette füllt noch mit dem schwächsten Plot jeden Saal.

Prätentiöses Gedöns

liegt ihr fern. Freudig bekennt sie sich zur mimischen Mischkalkulation: "Mal spiele ich die Frau eines Heimkehrers, mal eine gestresste Alleinerziehende. Dazwischen sind immer die Bergfilme." Sie lacht ansteckend. "Abwechslung ist was Wunderbares. Meine Güte, was ich alles gelernt habe! Holz hacken, Trecker fahren, Kühe treiben, melken, Teig kneten, Kutschen fahren, Pfähle eintreiben, Bäume fällen. Ein Schauspieler darf nicht dastehen und sagen, hach, jetzt spiel ich mal Landwirtschaft. Ich hab einen richtigen Trizeps bekommen, fühlen Sie mal."

Über das Küssen kann sie lange, fachkundige Vorträge halten. Küssen und sich küssen lassen, das muss Christine N. praktisch in jeder Rolle, und sie nimmt diese Arbeit sehr ernst. "Wir Schauspieler küssen natürlich nicht mit Zunge", sagt sie. "Aber erst der Zungenkuss lässt den Hinterkopf so ein klein wenig kreisen; sieht man, wenn man genau hinschaut. Diese kreisende Bewegung müssen wir simulieren, damit der Kuss echt ausschaut." Sie giggelt wie ein Mädchen.

Was nun den Grimme-Preis betrifft, den Ritterschlag für deutsche TV-Schaffende: Sie hat schon zwei davon. Einen für die Rolle der Traudl in der bayerischen Familiensaga "Die Löwengrube", den zweiten für die Försterfrau Johanna in der Literaturverfilmung "Krambambuli". Die "Löwengrube" von 1987 machte Neubauer, die bis dahin mit einem Bauerntheater getingelt war, plötzlich bekannt.

Doch erst viel später kam ihre Karriere richtig auf Touren. In diesem Jahr war die Neubauer auf dem Schirm so präsent wie kaum eine andere, und das wird im nächsten Jahr nicht anders. Auf das Nachkriegsdrama "Die Frau des Heimkehrers" folgt im Januar der moderne Heimatfilm "Im Tal des Schweigens II".

Neubauer, 43, wohnhaft in München, ein Sohn, seit ewig mit demselben Mann verheiratet, malocht wie besessen. Ihre Heimatfilme für die Degeto dreht sie immer mit dem Regisseur Peter Sämann, dem Russ Meyer der Alpensaga ("Ich liebe große Brüste!"). "Nächstes Jahr machen wir dann noch 'nen Erntefilm mit der Christine", sagt einer aus der Produktion. Einen was? "Na, irgendwas mit Heu- oder Weinernte, je nach Wetter. Hauptsache, Christine ist dabei."

Wir sitzen beim "Kirchenwirt" im Postkartendorf Großraming. Der Drehort könnte ein zweites Glottertal werden, mit Themenwanderungen, Busreisen und Heizdeckenverkauf. Erdiges Ambiente, kernige Typen und simpel gestrickte Geschichten sind - so zeigen die Quoten - mittlerweile wieder angesagt, dem kollektiven Wutschrei des Feuilletons ("rückwärtsgewandt!") zum Trotz. Scheint, als würde mit jeder EU-Erweiterung, jeder Globalisierungswelle, jeder Heuschrecken-invasion das Interesse an muttererdigen Stoffen größer. Vielleicht sind's die Fernsehzuschauer auch nur leid, andauernd mit verbalem Unrat ("Fick dich selber!") beschmissen zu werden. Wie hübsch dagegen: "Werd doch glücklich mit dein Geier!" - O-Ton aus "Die Geierwally".

"Ich weiß, dass der Heimatfilm ein mieses Image hat", sagt Christine Neubauer. "Wegen der Nazizeit und so. Aber ich hab da keine Berührungsängste. Ich reise viel und merke immer wieder: Keine andere Nation hat diese Macke der Deutschen, was ihre Heimat angeht." Unter Ausländern, hat sie festgestellt, sei beispielsweise das Absingen heimischen Liedguts normal, ja obligatorisch: "In der Türkei haben die Kollegen so eine Art Busuki gespielt und dazu gesungen, aber wie! Nur ich kannte kein einziges Volkslied. 'Am Brunnen vor dem Tore, da steht ein Lindenbaum' Das war's dann schon."

Die Neuverfilmung von "Die Geierwally" geschah auf ihre Initiative hin. Weil sie zusammen mit Sascha Hehn 6,5 Millionen Zuschauer ins ökologisch-korrekte ARD-"Tal des Schweigens" gelockt hatte, fühlte sie sich stark genug, ihrer Freundin und Lieblingsproduzentin Regina Ziegler das Projekt anzutragen. Dreimal war der 130 Jahre alte Romanschinken schon verfilmt worden. Als Kind hatte Neubauer die UFA-Version gesehen, mit Heidemarie Hatheyer in der Rolle der stolzen Alpen-Emanze. "Diese Frauenfigur hat mich fasziniert und mir Angst gemacht", sagt sie, "jedenfalls wollte ich sie unbedingt spielen."

Die Geierwally reloaded: Neubauer spielt sie als studierte Bauerntochter in prallengen Jeans und sexy verschwitztem T-Shirt, die über Futtercomputer diskutiert und nebenher einen verstoßenen Adler aufpäppelt. Der Film fuhr Anfang 2005 in Deutschland eine Traumquote von mehr als sieben Millionen ein. Er bekam auch gute Kritiken. Was nicht nur an der Alpenkulisse und dem eindrucksvollen Adler Udo lag, der ihr gelegentlich sanft ins Dekolleté zwickte. Sondern vor allem an Neubauers intensiver Art, die liebesbedürftige, aber unsäglich verstockte Bergkatze zu geben. Spätestens seit der Wally muss sie niemandem mehr beweisen, dass sie viel mehr draufhat als klafterweise Holz vor und hinter der Hütte.

Letzteres natürlich auch. Bekannt geworden ist sie als die bayerische Brumme mit den riesengroßen Augen. Ausgerüstet mit saftigem Dialekt und einer Körperlichkeit, "dass die Glotze platzt", wie TV-Produzentin Ziegler schwärmt. Neubauer selbst hat mit dem Thema kein Problem. Ihre Formen wirken bei einer Größe von 168 Zentimeter zuweilen frappierend. Dabei war sie einst noch 15 Kilo voluminöser. Was sie hasst, ist das Attribut "drall", das ihr die Journaille angehängt hat. "Als würde ich gleich explodieren!" Wie wär's mit barock? "Barock ist 'ne Kirche, oder?"

Was wiegt sie denn so? "Ich habe", beteuert sie, "die Waage aus meinem Leben verbannt. Stattdessen benutze ich eine alte Jeans ohne Stretch. Wenn die mir passt, ist es okay. Es kommt auf die Form an, nicht darauf, was die Form wiegt."

Das "Vollweib" vom Dienst

wurde von Boulevardblättern immer wieder mal als Kronzeugin gegen den Schlankheitswahn aufgerufen. Prompt meldeten sich Buchverlage. Die "Vollweib-Diät" kam auf den Markt, gefolgt vom "Vollweib-Kochbuch", der "Vollweib-Beauty" und anderem Vollweibigen. Neubauer legt Wert auf die Tatsache, dass die Werke auf eigenen Erfahrungen basieren. "Viel bewegen, Salate essen, fettarmen Käse, weißes Fleisch und keinen Alkohol - also bei mir hat das gewirkt."

Was genau ist eigentlich ein Vollweib? Was dagegen wäre ein Halb-, was ein Viertelweib? "Vollweib", doziert Neubauer, nun ganz in ihrem Element, "ist mehr so ein mentales Ding. Ob man gerne eine Frau ist oder eher nicht. Mit körperlichem Volumen hat das weniger zu tun. Nicht alles, was ausufert, ist ein Vollweib." Sie kann wunderbare Sätze sagen, ohne es zu merken.

In Komödien wie "Die Schokoladenkönigin" umgibt sie immer ein Hauch von Cleo Kretschmer, der genialen Entdeckung des Münchner Spontanfilmers Klaus Lemke. Dieselbe gekonnte Naivität bei der einen oder anderen Geste, diesem oder jenem Dialog. Eine Art street credibility, die auch beim Interview mitschwingt. Kaum einer aus der Branche vermag einen Journalisten wirklich zu überzeugen, wenn er beteuert, er hielte Unterhaltung für was ganz Tolles. Die Neubauerin schon. "Was heißt hier Niveau!", ruft sie. "Entweder man findet einen Film gut oder nicht. Wenn ja, dann soll man das auch ruhig zugeben. Gute Unterhaltung, das ist das Schwerste überhaupt. Spannung im Krimi ist einfach." Ganz die resolute Wally.

Sie passt einfach perfekt in die Rollen der Klartext redenden, unverkopften, zupackenden, geerdeten Frau, die ihr auf den Vollweibleib geschneidert werden. Und weil sie dermaßen authentisch wirkt, findet man Filme mit ihr selbst dann irgendwie gut, wenn sie eigentlich grottenschlecht sind. Humor und Selbstironie hat sie auch. Und welche andere deutsche Schauspielerin - abgesehen von der wunderbaren Schreckschraube Hannelore Hoger - besitzt von dieser Kombination auch nur ein Quäntchen?

Aber manchmal muss es eben doch Kaviar sein. "Die Frau des Heimkehrers" ist ein Prestigeprojekt, auf das die Neubauer unheimlich stolz ist. Für die Rolle hat sie einiges auf sich genommen. "Weil die Frauen in der Nachkriegszeit schmaler aussahen, habe ich mich in Plastikfolie eingewickelt und bin gejoggt, bis ich acht Kilo weg hatte. War's aber wert, denn eine ganze Generation findet sich da wieder."

Als Kollateralprodukt hat sie eine "28-Tage-Intensiv-Abnehmkur" entwickelt. Demnächst vielleicht als Buch zu haben, ein Verlag wird noch gesucht. Werbevorschlag: "Die Heimkehrerfrau-Diät - abnehmen mit viel Kohlsuppe und ganz wenig Butter! Millionenfach erprobt, wirkt garantiert!"

Wolfgang Röhl print

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