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German Fashion Open: Becker - Schiffer 1:1

Der Macho, das Model, die Modechefin: Privat sind sie eng befreundet, jetzt gibt's die erste gemeinsame Kampagne. Ein Gespräch über Stilfragen.

stern: Herr Becker, Sie sitzen neben Claudia Schiffer und Gabriele Strehle, um mit uns über Mode zu sprechen. Eine neue Bühne für Sie?

BECKER: Nein, wir drei kennen uns ja schon lange. Und für Mode interessiere ich mich, seit ich 15 war. Wenn Sie in meinen Kleiderschrank schauen und in den meiner Freundin oder meiner Ex-Frau, dann werden Sie sehen: Ich habe doppelt so viel Kleidung. Was schwer ist bei diesen Frauen!
SCHIFFER: Ich habe auch schon mit 14 Modezeitschriften durchgeblättert und mir viel herausgerissen, um zu sehen, was man tragen sollte. Wenn man früh anfängt, kann man Mode schon lernen.

Herr Becker, Ihre Vorliebe für Mode teilen Sie mit anderen Sportlern. Die laufen aber wie Stefan Effenberg in Ponyfell-Jacken oder wie Oliver Kahn in ganz bunten Designerteilen herum.

BECKER: Ich glaube, jeder hat eine Zeit, in der er den Rebell raushängen lässt. Ich hatte diese Phase vor fünf Jahren. Zum Glück habe ich mich nicht tätowieren lassen. Aber auch ich wollte mit meiner Kleidung ablenken, zum Beispiel mit so einer Jacke im Leopardenmuster. Würde ich heute nie wieder anziehen, aber damals, als ich mich gerade von meiner Frau getrennt hatte, tat es gut, dass alle Welt auf meine Jacke starrte und nicht auf mich.
SCHIFFER: Ich wollte mit meiner Kleidung nie provozieren. Ging ja auch gar nicht, weil Mode mein Beruf ist, seit ich 17 war. Aber mitgemacht habe ich schon alle Trends, beruflich wie privat. Ob Versace mit den ganzen goldenen Sachen oder Chanel mit den vielen Ketten, ich hab das alles getragen. Wenn ich heute davon Fotos sehe, denke ich auch: meine Güte! Doch es hat immer Spaß gemacht, das ist ja gerade das Reizvolle an Mode.
BECKER: Grundsätzlich denke ich, dass man sich mit 35 anders anziehen sollte als mit 20 oder 25. Ich habe heute nicht mehr das Bedürfnis, mit meiner Kleidung aufzufallen. Was ich trage, soll meine Persönlichkeit unterstreichen. Im Übrigen: Warum wird bei diesem Thema eigentlich immer auf Sportler und ihre Garderobe geschaut? Fragen Sie doch mal Thomas Gottschalk nach seinem Modeverständnis.

Der könnte doch Ihre früheren Sachen auftragen.

BECKER: Ich glaube, da würde er nicht hineinpassen. Er ist ja noch größer und auch etwas breiter als ich. Aber ich finde, sein Farbgeschmack passt irgendwie zu seiner Persönlichkeit. Die Kleidung ist Teil des gesamten Arrangements von Thomas.

Frau Strehle, Sie haben sich für Ihre Firma Strenesse Claudia Schiffer und Boris Becker als Models ausgesucht. Ist das die Wiederkehr einer deutschen Handschrift in der internationalen Mode?

STREHLE: Nein, das gibt es nicht mehr. Niemand kauft heutzutage noch mit der Vorgabe, dass etwas deutsch sein muss. Mit Claudia und Boris will ich den Charakter von Strenesse betonen: Internationalität, Menschen mit Stärken, aber auch mit Ecken und Kanten. Wir sind ein Unternehmen ohne globalen Konzern dahinter, und dazu passen authentische Personen wie Claudia, Boris und Jürgen Teller, der die beiden fotogafiert hat.

Fanden Sie, dass Boris Becker eine modische Erziehung nötig hat?

STREHLE: Nein, ich urteile nicht über die Vorlieben anderer Menschen. Egal, wie jemand sich anzieht, ich sehe ja, ob er sich wohl fühlt. Und dann gibt es für mich keinen Grund, mich da einzubringen. Becker: Aber wir beide hatten schon Diskussionen. Ich dachte zum Beispiel, dass Jacketts immer breite Schultern haben müssen. Von Gabriele Strehle habe ich gelernt, dass das nicht stimmt. Im Gegenteil, ich sehe dann zu wenig körperlich aus.

Konnte Ihnen das nicht Ihre Ex-Frau beibringen? Die ist doch modisch sehr fit.

BECKER: Die könnte Ihnen bestätigen, dass ich sie beraten habe und nicht umgekehrt. Ich bin mit ihr in Geschäfte gegangen und habe gesagt: Das steht dir, und das ist zu eng. Heute hat sie natürlich einen ganz eigenen Stil. Gabriele Strehle war eigentlich die erste Frau, mit der ich mich fachlich über Mode unterhalten konnte.

War es einfach, mit zwei so großen Persönlichkeiten wie Ihnen zu arbeiten?

SCHIFFER: Ja, denn wir sind ja keine Konkurrenten im selben Business. Den Modeljob habe ich im Schlaf gemacht, und weil Boris da war, konnte ich mal wirklich Claudia Schiffer sein.
BECKER: Wir sind wirklich gut befreundet und haben schon einiges zusammen erlebt. Es lag eigentlich auf der Hand: Warum haben Becker und Schiffer noch nie zusammen gearbeitet? Ist eben noch nie jemand darauf gekommen.

Stört es Sie, dass Sie bei öffentlichen Auftritten immer gefragt werden, was Sie da tragen?

BECKER: Jetzt weiß ja zum Glück jeder, dass es Strenesse ist. Aber klar, es geht schon an die Nerven, wenn die Reporter nicht wissen wollen, wie du den Film oder die Kunst fandest, sondern als Erstes fragen: Was trägst du?
SCHIFFER: Das stört dich, weil du ein Mann bist. Ich liebe es, wenn ich allen erklären kann, was ich trage. Da ich es selbst toll finde, denke ich, dass es auch andere Frauen interessiert.

Wie fühlt man sich eigentlich, wenn einem Firmen wie Strenesse sagen, man sei die größte Persönlichkeit in der Mode- beziehungsweise in der Sportwelt?

SCHIFFER: Großartig, denn das höre ich ja nun auch nicht täglich.

Glaubt man solche Komplimente?

BECKER: Bei aller Demut, solche Urteile sind nicht wirklich überraschend, weder für Claudia noch für mich. Wir haben ja etwas geleistet, deshalb sitzen wir hier. Wir sind nicht von irgendwelchen Trends abhängig, sondern seit über 15 Jahren im Geschäft. So etwas schafft man nur mit Persönlichkeit, harter Arbeit und ein paar anderen Faktoren. In Deutschland geht man mit den eigenen Stars einfach nicht gut um. Man baut sie auf, um sie dann wieder fallen zu lassen.

Glauben Sie, dass das deutsche Publikum Ihnen nicht dankbar genug ist?

BECKER: Es müssen mich nicht alle 82 Millionen Deutschen jeden Morgen anrufen, um sich zu bedanken. Wenn ich zufällig als Chinese oder Kolumbianer auf die Welt gekommen wäre, hätte ich mit dem gleichen Willen Tennis gespielt. Aber wir beide tun im Ausland etwas für das Bild der Deutschen. Und wir haben den deutschen Pass behalten. Das wird, glaube ich, nicht genügend geschätzt.
SCHIFFER: Ich empfinde das anders. Ich spüre in Deutschland schon, dass meine Arbeit und mein Erfolg geschätzt werden. Und berühmten Menschen geht es in England oder in den USA auch nicht besser. Wer ganz oben ist, kann tief fallen. Das ist halt so, damit muss man leben. Und wenn man es kapiert hat, geht's auch ganz gut.
BECKER: Ja, es geht ganz gut, solange man nicht in Deutschland lebt. Man mag die deutschen Stars, aber wehe, sie wohnen als Nachbar nebenan. Dann wird geschaut, wie verhält der sich, wie sieht der Garten aus, hat der sein Auto falsch geparkt. Das ist das Paradoxe: Auf der einen Seite sollst du Superstar sein, auf der anderen Seite so normal wie alle anderen. Ich arbeite gerne in Deutschland, aber mein Privatleben lasse ich im Ausland. Da lebt es sich leichter.

Ihre Autobiografie, Herr Becker, ist nun auch auf Englisch erschienen. Sie, Frau Schiffer, haben noch kein Buch über Ihr Leben geschrieben. Wie lebt es sich besser?

BECKER: Ich bin eine öffentliche Person, und jeder Hansel meint, mich be- oder verurteilen zu können. Es war an der Zeit, dass ich es selbst mal aufschreibe. Schlafzimmergeschichten stehen da nicht drin. Wenn meine Kinder alt genug sind, können sie es lesen und mich fragen.

Wird es ein Claudia-Schiffer-Buch geben?

SCHIFFER: Ja, vielleicht schreibe ich es irgendwann. Bisher hatte ich einfach keine Zeit. Aber mir würde es eher darum gehen, Anekdoten aus der Modewelt zu erzählen. In 17 Jahren habe ich einiges erlebt.
BECKER: Aber du musst dann schon erzählen, was wirklich hinter den Laufstegen abgelaufen ist. Schiffer: Schmutzige Wäsche würde ich nicht waschen wollen.

Sie gehen beide sehr unterschiedlich mit Ihren Kindern um. Sie, Herr Becker, haben Ihre Kinder selten öffentlich präsentiert, Ihr Sohn, Frau Schiffer, macht hingegen schon Werbung für Schokolade.

SCHIFFER: Ich achte sehr darauf, dass für meinen Sohn keine Gefahren entstehen, aber ich kann die Öffentlichkeit nicht verhindern. Ich möchte nicht, dass Caspar Stress spürt, weil ich ihn permanent verstecke. So etwas strengt Kinder sehr an. Mein Mann und ich haben besprochen, dass er so normal wie möglich aufwächst. Die Werbung hat uns allen Spaß gemacht. Wir haben drei Tage bei uns auf Mallorca gedreht, für Caspar war es, als ob ich ihn mit der Kamera gefilmt hätte.

Warten bei Ihnen oft Paparazzi vor der Tür?

SCHIFFER: Ja, immer. Also, was soll ich machen? Ihn in der Wohnung verstecken?
BECKER: Das sind wieder so deutsche Bedenken. Woanders ist es normal, stolz auf die Familie zu sein und sie auch zu zeigen. In einem Werbespot passiert doch dem Kind nichts. Nur bei uns kommen die Wanderprediger und meinen, es könnte psychologische Spätschäden geben.

Herr Becker, Sie haben nie gemeinsam mit Ihren Kindern geworben, oder?

BECKER: Nein, aber Noah, mein Großer, spielt jetzt im neuen Video von Lenny Kravitz mit. Das hat sich so ergeben, weil Lennys Tochter Zoey und er in dieselbe Schule gehen. Noah hüpft ein paarmal mit seinem Skateboard durchs Bild, aber das war ein Spaß, keine Kampagne.

Frau Schiffer, fällt es Ihnen leicht, Kind und Karriere zu verbinden?

SCHIFFER: Früher bin ich um die Welt geflogen, ein Job in New York, der nächste in Los Angeles, vormittags Fotos mit Steven Meisel, nachmittags mit Patrick Demarchelier. Ich hab die Termine abgehakt, einen nach dem anderen, fast arrogant. Inzwischen habe ich viele Dinge neu schätzen gelernt, auch meine Arbeit. Ich weiß, mit welch großen Talenten ich arbeiten darf - Jürgen Teller zum Beispiel. Trotzdem achte ich darauf, schnell wieder nach Hause zu kommen. Ich bin jetzt im fünften Monat schwanger; mal sehen, was danach kommt. Ich könnte mir vorstellen, vier Kinder zu haben.

Interview: Jochen Siemens und Christine Mortag / print