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Gigi Hadid Ein Model? Nein: ein Popstar!

Gigi Hadid
Gigi Hadid bei der Show des Labels Moschino im Rahmen der Mailänder Modewoche
© Vittorio Zunino Celotto/Getty Images
Auf der Fashion Week in New York zeigte Gigi Hadid, wie viel Macht ein Mannequin im Zeitalter von Instagram besitzt. Die 21-Jährige pflegt ein Image, mit dem sich möglichst viele Konsumenten identifizieren sollen. Weder zu langweilig noch zu aufregend, sexy auf eine keimfreie Art.
Von Lars Jensen

Es ist egal, wo Gigi herkommt, es interessiert auch nicht, wo Gigi hinwill. Die Leute wollen nur wissen: Wo ist Gigi jetzt, in diesem Moment? In einem der SUVs mit verdunkelten Scheiben, die unter der Autobahnbrücke am New Yorker East River im Stau stehen? Hinter der weißen Tür, durch die gestresste PR-Frauen drängeln, mit Handys am Ohr? Oder dort hinten vor dem Café, wo eine Meute Fotografen ein Blitzlichtgewitter abfeuert?

Ein schwüler Freitagabend in einer Fußgängerzone am Seaport Manhattan: Das Model Gigi Hadid, 21 Jahre alt, soll gleich eine Modelinie vorstellen, die sie zusammen mit den Designern von Tommy Hilfiger entworfen hat, die "Tommy X Gigi Collection". Sie selbst sagt darüber: "Ich war mehr involviert als erwartet. Ich bin nun mal eine Perfektionistin."

@tommyxgigi

Ein von Gigi Hadid (@gigihadid) gepostetes Foto am

Wenn Gigi kommt, bricht der Verkehr zusammen

Noch vor einer Stunde waren keine Schaulustigen hier. Dann muss jemand was auf Instagram gepostet haben, denn plötzlich füllte sich der Platz. Der Seaport ist nicht groß genug für eine Modenschau im Zeitalter von Instagram. Auf der Straße bricht der Verkehr zusammen.

Gigi Hadid sitzt unterdessen tatsächlich hinter der weißen Tür, vor Fernsehkameras mit Tommy Hilfiger plappernd. Sie ist eine der mächtigsten Frauen in der Modewelt: Mehr als 23 Millionen Menschen folgen Hadid auf Instagram. Postet sie dort ein Selfie mit einer neuen Tasche im Arm und einem Hut auf dem Kopf, werden diese Teile am nächsten Tag ausverkauft sein. Weltweit. So mächtig ist Gigi, und jeder hier in diesem Schwitzkasten möchte davon profitieren.

Der digitale Branchendienst D'Marie veröffentlicht eine Rangliste, die internationale "Brands" nach ihrer Fähigkeit auflistet, Menschen zum Konsum zu bewegen. Algorithmen berechnen dieses Ranking auf Basis von Dutzenden digitalen Quellen. Hadid liegt auf Position 16, damit 63 Plätze vor dem Supermodel Gisele Bündchen, 56 Plätze vor dem Medienimperium der Zeitschrift "Vogue" und 89 vor dem Weltkonzern H & M. Sänger, Schauspieler und Modefirmen mögen mehr Follower haben als Gigi, aber nur wenige "Brands" können so viele Menschen dazu bewegen, ein Produkt direkt per Link zu bestellen.

"Gigi ist wie eine direkte Leitung ins Gehirn der Konsumenten"

Der Modemacher Tommy Hilfiger, 65, ist vielleicht kein führender ästhetischer Visionär, aber bei der Vermarktung macht ihm kaum jemand was vor. An diesem Freitag in New York sagt er: "Gigi ist wie eine direkte Leitung ins Gehirn der Konsumenten. Die Leute wollen tragen, was sie trägt. Sie wollen fahren, was sie fährt. Sie wollen essen, was sie isst. Es war klar, dass wir mit ihr etwas Besonderes unternehmen wollen."

Kennengelernt hatte man sich, als Gigi für Hilfiger auf Modenschauen lief. Da reifte beim Designer die Idee, die junge Frau als Galionsfigur zu engagieren und ihre Follower in den sozialen Medien zu #tommynow zu locken. Immerhin konnte die Marke Calvin Klein ihren Umsatz um ein Fünftel steigern, nachdem sie Kendall Jenner, 20, als Werbefigur gewonnen hatte.

Für Gigi und ihre Freundin Kendall (sie führt das D'Marie-Ranking an) wurde der Begriff "Instamodel" erfunden. Instamodels sind besonders gern befreundet, weil die gemeinsamen Fotos die Follower-Zahlen steigern. Der Reichweite zuträglich ist es außerdem, dass Hadid immer mal wieder mit dem Sänger Zayn Malik ausgeht, ehemals Teil der Teenie-Popper von One Direction.

Zayn Malik und Gigi Hadid
Gigi Hadid und ihr Freund, Sänger Zayn Malik
© Mike Coppola/Getty Images for People.com

Immer noch wundern sich viele Beobachter der Branche, dass es so weit kommen konnte: Zwei junge Frauen, Hadid und Jenner, haben sich zu Powerplayern entwickelt, denen selbst die Chefin der US-"Vogue", Anna Wintour, den Teppich ausrollt. Auch ihr Magazin muss ja irgendwie relevant bleiben.

Wie erklärt sich also der Aufstieg von Kendall und Gigi? Hadid wurde wie Jenner als Nebendarstellerin in einer Reality-Show berühmt. Ihre Mutter Yolanda war Star der Serie "The Real Housewives Of Beverly Hills". Zusammen mit ihren jüngeren Geschwistern Bella und Anwar, die mittlerweile ebenfalls als Model arbeiten, wuchs Gigi in einer schicken Villengegend in Los Angeles auf und war bereits als Kind von Kameras umgeben. Besser kann man nicht vorbereitet werden auf die exhibitionistischen Anforderungen an ein Model im 21. Jahrhundert.

Gigi Hadid und ihre Mutter Yolanda Foster
Gigi Hadid und ihre Mutter Yolanda Foster
© Grant Lamos IV/Getty Images for Tommy Hilfiger

500.000 Dollar für ein Selfie

Bis vor ein paar Jahren bestand der Job eines Mannequins aus Shootings mit Starfotografen und Auftritten bei Modenschauen. Den Rest der Zeit konnten etwa Kate Moss und Naomi Campbell in Clubs feiern oder in Hotelzimmern randalieren. Sie waren die Supermodels der Neunziger: unfassbar schön und glamourös - und unerreichbar. Das Instamodel Gigi Hadid hingegen kuratiert ein Image, mit dem sich möglichst viele Konsumenten identifizieren sollen. Weder zu langweilig noch zu aufregend, sexy auf eine keimfreie Art. Entscheidend ist, dass Frauen wie Jenner und Hadid eine kleine Spur gewöhnlich aussehen und bodenständig erscheinen, denn niemand soll vor den Kopf gestoßen werden. Die Inszenierung der Mittelmäßigkeit lohnt sich. Kendall Jenner soll bis zu 500.000 Dollar für ein Selfie einstreichen. Gigi bekommt sicher nicht viel weniger.

"Es ist wie in der Entertainmentbranche", sagt Hadid über ihr Modeldasein. "Die Leute wollen alles von dir wissen." Das sei entscheidend für ihren Erfolg. Täglich postet sie neue Bilder, die zeigen, wo sie badet, mit wem sie tanzt, wie sie sich fit hält. Sie muss auf Twitter und Facebook über die Toten von 9/11 schreiben oder über die leckersten Hamburger von New York. 

Was Gigi tatsächlich denkt, werden wir an diesem Freitag nicht erfahren. Beim Interviewtermin darf sie nur über Werbepartner sprechen oder ihr sorgenfreies Modelleben: "Wenn Kendall und ich mit unseren Freunden einen Abend verbringen, kochen wir zu Hause. Um elf sind wir im Bett, und am nächsten Morgen besteigen wir Flieger in unterschiedliche Richtungen." Sagt sie das, weil es stimmt, oder weil sie glaubt, dass die Leute es hören wollen?

Gigi Hadid und Tommy Hilfiger
Gigi Hadid und Tommy Hilfiger nach der Show des Designers bei der New York Fashion Week
© Randy Brooke/Getty Images for Tommy Hilfiger

Was die Leute wollen, weiß Tommy Hilfiger. Sie wollen, dass was passiert, und sie wollen es krass serviert. Er ließ für die Gigi-Show einen Pier im Hafen zum Vergnügungspark umbauen - mit Riesenrad, Karussell, Tattoostudio und anderen Attraktionen. Das Motto heißt "See now, buy now". Alles, was die Models vorführen, können die Zuschauer direkt kaufen. "Wer will heute noch monatelang auf die Sachen warten, nachdem er sie auf dem Laufsteg gesehen hat?", sagt Hilfiger. Das Internet kennt keine Geduld.

In den Tagen nach der Show postet Gigi drei Fotos: einen Kuss mit Tommy, eine Barbie-Puppe, als Gigi verkleidet, und einen Aufruf, das Elefantensterben zu beenden.

30K elephants killed a year? #knotonmyplanet Tie a knot. Donate. End the Slaughter. knotonmyplanet.org ???

Ein von Gigi Hadid (@gigihadid) gepostetes Video am


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