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Antisemitismus "Ich hätte mir Zivilcourage gewünscht": Gil Ofarim spricht über Vorfall in Leipziger Hotel

Gil Ofarim
Gil Ofarim hat in einem Instagram-Video über einen antisemitischen Vorfall in Leipzig berichtet
© Tobias Hase / DPA
Am Dienstag veröffentlichte Gil Ofarim ein Video, in dem er erzählt, dass er wegen seiner Davidstern-Halskette in einem Leipziger Hotel nicht bedient wurde. Vor dem Hotel protestierten am Abend Menschen, das "Westin" veröffentlichte eine Stellungnahme. Dem stern erzählt Ofarim, wie er den Vorfall erlebt hat.

Herr Ofarim, hat sich das "Westin Leipzig" mittlerweile bei Ihnen gemeldet?
Erst spät am Nachmittag gestern. Und das war auch keine Stellungnahme oder eine Form von Entschuldigung, nichts. Und es war nicht an mich adressiert, sondern an mein Management. Die wollen mit mir reden. Aber da war nichts Sonstiges.
Das Statement des Hotels wurde scharf kritisiert. Es fehlt eine klare Entschuldigung. Wie sehen Sie das?
Ehrlich gesagt habe ich gestern andere Sorgen gehabt als mein Handy zu benutzen und nachzugucken, was da passiert. Ich habe parallel noch einen Job, habe am Abend noch Theater gespielt. Ich kann nur für mich sprechen und ich bin nach wie vor fassungslos, aber nicht überrascht. Es ist nicht mein erster Kontakt mit persönlicher Anfeindung aufgrund meiner Herkunft oder Antisemitismus. Aber in der Form hatte ich es noch nie. Ich hatte es noch nie von einem Angestellten in einem Hotel, in das Menschen aus aller Welt kommen und dort übernachten. Das kannte ich so nicht.

Wie haben die umstehenden Hotelgäste und Angestellten auf die antisemitische Aussage reagiert?
Ich war allein und hätte mir Zivilcourage gewünscht. Ich muss aber gleichzeitig sagen: Es ging so schnell und war so schlimm, ich wusste nicht, ob da jemand zugehört oder es mitbekommen hat. Ich weiß nicht, ob es ein Gast war oder ein Angestellter, der den Satz zuerst gesagt hat, aber dann hat ihn der Angestellte wiederholt. Dann habe ich nach einem Manager gefragt, woraufhin mir gesagt wurde, dass der heute leider nicht da sei. Ich war fassungslos, mir ging es echt beschissen. Aber ich bin dankbar, dass Menschen es durch mein Video mitbekommen haben und was jetzt über mich einprasselt ist verrückt, aber gleichzeitig so wichtig.
Sie sagen, dass es Sie nicht überrascht hat und Sie öfter Anfeindungen erleben. Können Sie das erläutern?
Es passiert mir nicht monatlich, so ist es nicht. Aber in meinem Leben ist es schon öfters vorgekommen. Ich war in München auf einer jüdischen Schule, die bis zur vierten Klasse ging. Auf dem Gymnasium fragte mich ein Mitschüler auf dem Schulhof, ob ich Jude sei. Als ich das bejahte, sagte er: "Du weißt schon, Dachau ist nicht weit von hier." Das sind so Sätze, die einem in Erinnerung bleiben. Und nachdem was jetzt passiert ist, war es einfach zu viel. Es reicht. Ich setze mich seit Jahren für den Kampf gegen Antisemitismus ein. Aber ich frage mich, wo das noch hinführen soll. Ich war wenige Tage zuvor in einer Sendung zu Ehren des Klarinettisten Giora Feidman, wo es auch um Antisemitismus ging und habe diese Geschichte vom Schulhof erzählt. Ich weiß nicht, ob das polarisiert oder irgendwelche Menschen triggert. Aber das war zwei, drei Tage zuvor und dann passiert mir in Leipzig ausgerechnet das. Klar, wenn man sich für so eine Sache einsetzt, macht man sich zur Zielscheibe.


Hatten Sie schon mal das Gefühl, Ihren Davidstern verstecken zu müssen?
Nicht dass ich mich erinnern könnte, nein.
Sie haben auf Instagram unter anderem Ihren Kollegen Gregor Meyle und Jeanette Biedermann gedankt. Wieso?
Ich war zuvor in einer Fernsehshow, die die beiden moderieren. Und es war ein toller Tag, ich war eigentlich total glücklich. Tolle Sendung, es ging endlich wieder um Livemusik. Ich habe mich dann verabschiedet und wurde ins Hotel gebracht. Nachdem das passiert war, habe ich draußen mit meiner Managerin telefoniert, die sich sofort darum gekümmert hat, dass mich jemand von der Produktion abholt. Ich wurde dann in ein anderes Hotel gebracht, bin ins Zimmer und habe versucht, mich hinzulegen. Und dann haben sich die zwei bei mir gemeldet und gesagt, sie seien jetzt unten und ich müsse unbedingt runterkommen. Das war großartig. Die gesamte Band ist geschlossen da gewesen. Die waren zwei, drei Stunden bei mir, was sehr guttat.
Wie haben Sie die Reaktionen auf Ihr Video erlebt?
Ich habe das ehrlich gesagt nicht mitbekommen. Heute erzählte man mir, dass Menschen vor dem Hotel demonstrieren, um Flagge zu zeigen und gegen Antisemitismus zu protestieren. Das bedeutet mir persönlich sehr viel, aber es geht hier nicht um mich, sondern grundsätzlich um das Problem der Diskriminierung in diesem Land. Wir haben Antisemitismus, Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer Sexualität, unterschiedlicher Hautfarbe, gegen alles, was irgendwie "anders" ist. Aber ganz ehrlich: Deutschland ist bunt. Deutschland ist so viel mehr als diese braune Suppe.

Gil Ofarim spricht über Antisemitismus-Vorfall in Leipziger Hotel


Was muss sich ändern?
Ich habe keine Ahnung. Wenn ich das Rezept dafür hätte, glauben Sie mir, ich hätte es schon längst weitergegeben. Iris Berben saß in der Gala (Anm. d. Red: zu Ehren Giora Feidmans) neben mir und sagte, dass wir in der Verantwortung sind, aufzuklären. Und vielleicht hängt es auch an der Bildung in diesem Land und es muss noch mehr getan werden. Aber ich weiß es einfach nicht. Wichtig ist nur, aufzustehen und Zivilcourage zu zeigen. Und das nicht durchgehen zu lassen.
Sie haben überlegt, ob Sie Ihr Video überhaupt hochladen. Was hat Sie am Ende dazu bewogen?
Man darf nicht schweigen. Man muss den Mund aufmachen und klar was dagegen machen. Es reicht irgendwann mal. Es reicht wirklich.


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