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Halbfinale Türkei - Deutschland: Das "Wir" gewinnt

Fußball-Euphorie in ganz Deutschland: Heute Abend treffen die deutsche und die türkische Nationalmannschaft im EM-Halbfinale aufeinander. stern.de hat sich im Hamburger Multikulti-Stadtteil Altona umgehört, was die Fans beider Nationen vom Spiel erwarten.

Von Christian Weiß

Altona ist das Kreuzberg Hamburgs. Türkische Dönerläden und Geschäfte, Teebars, Schmuckboutiquen und Reisebüros reihen sich hier neben deutsche Eckkneipen und Bäcker. Auch bei den Fahnen herrscht friedliches Nebeneinander: Schwarz-rot-gold und türkischer Halbmond bestimmen das Straßenbild.

Man kommt dieser Tage nicht an ihnen vorbei: Flaggen und Fahnen jeglicher Nationalität. Sie klemmen an Autodächern, hängen von Balkonen und an Fenstern. Zum EM-Halbfinalspiel der deutschen Mannschaft gegen die türkische jedoch fällt den Hamburgern eines ganz besonders auf: Der Fußball wird gemeinsam gefeiert.

"Schwer zu sagen, wer gewinnt", meint Gemüsehändler Ahmed Capars, 28, in der Ottensener Hauptstraße. "Mein Wunschergebnis ist ein Sieg für die Türkei, aber im Grunde soll der gewinnen, der besser spielt." Er lacht und sagt, mit dem Autokorso nach St. Pauli fahre er, egal, wie das Spiel ausgeht. Das habe er auch bei den letzten Partien so gemacht.

100 Meter weiter im Bey Kebap an der Bahrenfelder Straße ist die Stimmung am Tag vor dem Spiel ähnlich heiter. "Es macht einfach Spaß. Frankreich ist ausgeschieden und Portugal und Italien, aber wir sind noch dabei. Das ist unglaublich", sagt Imbiss-Besitzer Cengiz Ege, 30. "Ich hoffe auf ein tolles Spiel mit Verlängerung. Dann soll der Glücklichere gewinnen."

In seinem kleinen Lokal werde wie die letzten Male die Hölle los sein, so Ege, und auf der Straße werde dann weitergefeiert. Ob seine türkischen Freunde nicht sauer seien, wenn er sich auch für Deutschland freue? "Nein, nein", sagt Ege, "das war die ganze EM über so. Es gab immer zwei Gründe, sich zu freuen: Wenn Deutschland gewonnen hat und wenn die Türkei gewonnen hat. Darum wird jetzt auch gefeiert." Und wenn es die Türkei ins Finale schaffen sollte? "Gott behüte", sagt Ege und lacht laut.

Ein paar Straßen weiter belädt ein junger Mann gerade sein Auto. Deutsche und türkische Fahnen wehen auf dem Dach. "Nein, ich bin Deutscher", sagt Daniel Schrader, 30, schmunzelnd und begrüßt im Vorbeigehen Nasim, einen Freund aus dem Viertel. "Aber von hier bis zum Spritzenplatz ist alles so multikulti, wir kennen dieses Nationale hier gar nicht." Sein bester Kumpel ist Türke. Die beiden kennen sich bereits aus dem Kindergarten, und Schrader war schon oft in der Türkei bei Nasims Familie zu Besuch. "Ich drücke Deutschland die Daumen, aber wenn die Türkei gewinnt, würde ich sogar fremdgehen", sagt er lachen. Beim ersten türkischen Autokorso sei er auch mitgefahren.

Gewinner ist die Freundschaft

In ganz Altona sind Kinder in den verschiedenen Trikots zu sehen, und es herrscht eine gespannte, aber dennoch lockere Vorfreude auf das alles entscheidende Spiel.

Auf dem Weg durch die Große Bergstraße versperren riesige deutsche und türkische Fahnen fast den Blick auf den Döner-Laden Side Restaurant. Drinnen grüßt Murat Turgut, 29, und ist so gut gelaunt, dass er einem Kunden mit zu wenig Geld den Döner billiger verkauft. Auf Turguts T-Shirt sind beide Nationalflaggen zu sehen. Der Spruch darunter bringt die Stimmung in der Stadt auf den Punkt: "EM 2008. Deutschland - Türkei. Egal wer gewinnt, wir kommen weiter!" Turgut ist froh über dieses Halbfinale, obwohl er es während der Arbeitszeit ansehen muss, auf dem wahrscheinlich kleinsten Fernseher der Welt.