Henry Hübchen Der Hübchenspieler


Von Kadettfahrer bis Mastroianni auf Ostdeutsch: Dieser Mann kann viele Rollen. Aber am besten spielt Henry Hübchen sich selbst.

Neulich Abend bei Kerner sah Henry Hübchen aus wie der Marcello Mastroianni Berlin-Pankows, hing lässig im Talksessel und sagte lange Zeit nichts. Aber wenn die Kamera auf sein Gesicht schwenkte, dachte man: Junge, Junge, ihr Kerners, Hahnes, Westerwelles und alle anderen an diesem Abend, Schluss mit der lauen Langeweile, dem seifigen Geplapper, zieht euch warm an! Der Hübchen - man sieht es am Leuchten seiner Augen - holt nämlich gerade aus zu einer seiner berüchtigten Attacken als Rächer der Enterbten und Hüter alter Werte. Keiner kann das so hinterhältig, graziös, gemein und komisch wie er.

Als Kerner sagt: "Herr Hübchen, Sie waren in der DDR nicht bloß am Theater ein Star - Sie waren gleich zweimal Landesmeister im Surfen", und beflissen staunt, dass man in der DDR surfen konnte, kommt es aasig zurück: "Sie haben wahrscheinlich auch geglaubt, dass wir die Bäume selbst geschnitzt haben." Jubel im Publikum, Betretenheit in der Runde. Im Übrigen habe es nicht Surfen geheißen, fährt Hübchen durchtrieben fort, sondern Brettsegeln. Jawohl, Brettsegeln, sagt er ins allgemeine Gejohle, das sei doch wohl die treffende deutsche Bezeichnung für den Vorgang. Oder? Und ein Star - immer diese Amerikanismen - sei er auch nicht, weder als Schauspieler noch damals als DDR-Brettsegel-Betriebs- und Volkssportmeister.

Einspruch! Denn klar ist der Hübchen ein Star. An Frank Castorfs wilder Volksbühne ist er sowieso seit Jahren der Held. Wer außer ihm könnte so groß den Kadettfahrer und Spießer geben? Wer fällt so begnadet aus der Rolle und rutscht auf seinem Text ebenso virtuos aus wie auf Matjesfilets? Er ist "der beste Slapstickspieler des Vaterlandes", schrieb die "Zeit". Und ein Liebhaber-Darsteller von Seltenheitswert. In dieser Rolle werde er immer noch besser, sagte der Kritiker Benjamin Henrichs, als Hübchen wieder mal einen Theaterpreis abräumte, "weil die Verwitterungsspuren des Lebens, das gewissermaßen Abgelatschte, den Zauber eines Schauspielers noch nur erhöhen".

Aber Henry Hübchen

macht nicht bloß Theater, sondern auch Fernsehen und Kino. Er ist der von "Polizeiruf 110". Unvergessen auch sein Auftritt als TV-Dauerglotzer in "Sonnenallee", und spätestens jetzt dürfte er als Jaeckie Zucker in Dani Levys neuem Film "Alles auf Zucker" derart berühmt werden, dass er sich morgens in Pankow, wo er wohnt, kaum mehr aus dem Haus trauen wird. Neulich soll schon jemand gesagt haben: "Ich hab den Hübchen auf der Straße gesehen. Mann, sah der versoffen aus." Dabei war er bloß zum Bäcker gegangen, noch nicht rasiert und unausgeschlafen.

Er könnte es sich längst gemütlich machen in seiner Prominenz. Tut er aber nicht, schließlich lebt man ja noch. Und falls nicht ohnehin Fallstricke und Stolpersteine am Wegrand liegen, dann schafft er sie eben selbst dorthin. Das hat er mit Jaeckie Zucker gemein. In der brillanten Familienkomödie ist Zucker ein Windhund und Schlitzohr, dem alle am Ende seufzend vergeben. In der DDR ein beliebter Sportreporter, versucht er seit der Wende, sich als passionierter Glücks- und Billardspieler mehr schlecht als recht über Wasser zu halten.

Als seine Mutter stirbt, stellt sich heraus, dass Jaeckie Zucker eigentlich Jakob Zuckermann heißt und Jude ist. Seit die Mutter ihn 1961 beim Mauerbau in Ost-Berlin zurückließ, hat er mit "diesem Club nichts mehr zu tun". Dumm bloß, dass Mama Zuckermann verfügt hat, sein reicher, religiös lebender Bruder und er dürften das Erbe nur antreten, wenn sie sich aussöhnen und gemeinsam die siebentägige Totenwache halten. Was daraus folgt, ist, zwischen Herzinfarkt und Hochleistungssport, ein hochkomischer Zusammenprall der Kulturen.

Zucker - eine Rolle, wie Hübchen auf den Leib geschrieben. "Schön wär's", nölt er beim gedeckten Apfelkuchen im "Adlon" und kriegt einen wehen Blick. Eigentlich könnte ja wirklich mal einer auf die Idee kommen. Aber es sei wie immer gewesen: "Man bekommt ein Angebot und sagt ja oder nein." Und zwar nach Hübchens hundert Prozent sicherem Drehbuch-Qualitätstest: "Ich setze mich bequem hin und fange an zu lesen. Wenn ich mal nicht einschlafe, dann ist an dem Drehbuch wahrscheinlich was dran." Und bei so einer Rolle, da könne man ohnehin kaum nein sagen.

Jedenfalls er nicht.

Weil vieles an Jaeckie eben doch wie Henry ist. Jaeckies Motto zum Beispiel: "Das ganze Leben ist ein Match." Ein Spieler ist Hübchen auch, neuerdings auch mit dem Queue: "Billard ist eine kleine Leidenschaft von mir geworden." Wie Zucker ist er Atheist, Sozialist, überzeugter Ost-Berliner und 1947 geboren. Schon als Kind war er ein Star im DDR-Fernsehen, 1974 wurde er an die BerlinerVolksbühne engagiert. Seine große Zeit kam, als er Anfang der Achtziger Frank Castorf traf.

Sie lernten sich bei einer gemeinsamen Freundin kennen, Gregor Gysis Schwester, und bis heute ist unklar, wer sich damals arbeitsscheuer an Gabrieles Gasheizung rumdrückte. Und ob nun Hübchen dem Castorf die Kartoffelsuppe mit den Halberstädter Würstchen und den Mocca Fix weggegessen und -getrunken hat oder umgekehrt. Jedenfalls sind die beiden seitdem unzertrennlich. Hübchen wurde für Castorf, was Mastroianni für Fellini war: Muse, Medium, Stichwortgeber, Alter Ego. Kaum ein Castorf-Stück, in dem Hübchen nicht mitspielte. Das hat ihn aber nie davon abgehalten, sich geradezu leidenschaftlich am Theater zu langweilen und gewissermaßen grundsätzlich mit den Umständen zu hadern. "Ich stehe bis zum Hals in der Scheiße. Aber die Aussicht ist gut." Das sagt Zucker. Könnte auch von Hübchen sein.

Christine Claussen print

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