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Jackson-Prozess: "Er wird nicht schuldig gesprochen"

Kaum ist der letzte Zeuge im Jackson-Prozess vernommen, orakeln Kommentatoren über das mögliche Urteil. In spätestens zwei Wochen soll Klarheit herrschen.

Kein Auftritt des früheren "King of Pop" im Zeugenstand, um sich selbst zu verteidigen. Keine Parade von Star- Zeugen wie Elizabeth Taylor, Eddie Murphy, Stevie Wonder oder Diana Ross. Mehr als 300 mögliche Entlastungszeugen hatte die Verteidigung zum Auftakt des Missbrauchprozesses gegen Michael Jackson in Aussicht gestellt, am Ende aber nur 50 aufgerufen. Acht Wochen hatten die Anwälte des Popstars ursprünglich für ihren Schlagabtausch mit der Staatsanwaltschaft angesetzt. Doch schon nach knapp drei Wochen zog die Verteidigung im "Jahrhundertprozess", dem 60. Verhandlungstag, einen ersten Schlussstrich. Die Anwälte seien zuversichtlich und würden einen Auftritt des Sängers vor der Jury nicht für nötig halten, sagte Jacksons Sprecherin Raymone Bain dem Sender CNN.

Ganze Arbeit von Staranwalt Mesereau

Trotz seines schnellen Vorgehens hat Star-Verteidiger Thomas Mesereau viele Prozessbeobachter davon überzeugt, dass ein Freispruch Jacksons möglich ist. Er habe die Glaubwürdigkeit des angeblichen Jackson-Opfers, der als Beschuldiger auftritt, und von dessen Mutter stark in Zweifel ziehen können, meinten am Mittwoch viele US- Kommentatoren. Als letzter Zeuge griff ihm dabei US-Schauspieler Chris Tucker ("Rush Hour") kräftig unter die Arme. Der Komödiant berichtete von seinem Eindruck des Jungen, eines früheren Krebspatienten, den er einst mit Geld und Geschenken versorgte. Er erzählte von seinem wachsenden Misstrauen gegen die Familie. Der Junge sei «gerissen», die Mutter "besessen" und "mental" gestört, führte Tucker aus. Im Frühjahr 2003 habe er Jackson gewarnt, dass "etwas nicht stimmt".

Nach Darstellung der Jackson-Verteidiger ist die Mutter eine geldgierige Betrügerin, die sich an Prominenten bereichern wollte und ihre Söhne zum Lügen anstiftete. Die Familie habe die Vorwürfe gegen Jackson erfunden. Der 46 Jahre alte Popstar soll den damals 13- Jährigen missbraucht und ihm Alkohol gegeben haben. Zudem habe er mit einigen Mitarbeitern ein Komplott geschmiedet, die Familie auf seiner Neverland-Ranch gefangen zu halten und sie zu einer entlastenden Videoaussage zu zwingen, nachdem Jackson und der Junge Hand in Hand in einer umstrittenen TV-Dokumentation zu sehen waren.

Freunde nehmen Jackson in Schutz

Zahlreiche Anrufe des Jungen lösten auch bei dem prominenten Talkmaster Jay Leno Misstrauen aus. Der kleine Krebspatient habe ihn aber nicht um Geld gebeten, räumte Leno vor der Jury ein. Ex- Kinderstar Macaulay Culkin sammelte Pluspunkte für die Verteidigung, als er jedweden Missbrauch durch Jackson vehement abstritt und die Vorwürfe als "absolut lächerlich" abtat. Die gemeinsamen Nächte im Bett des Popstars seien harmlos gewesen, sagte der heute 24-jährige Schauspieler. Wie Culkin nahmen zwei junge Männer, die von Anklagezeugen als Jacksons Belästigungsopfer aus den 90er Jahren dargestellt worden waren, den Popstar als gönnerhaften Freund in Schutz.

Etliche Zeugen, die auf Jacksons Neverland-Ranch arbeiteten oder zu Gast waren, beschrieben den Beschuldiger und dessen jüngeren Bruder als ungezogene Besucher, die sich heimlich an Jacksons Alkoholvorräten bedienten und Unfug trieben. Während ihrer angeblichen "Gefangenschaft" habe die Familie auf Jacksons Rechnung teuer eingekauft und luxuriös gelebt. Einer Anwaltsassistentin soll die Mutter anvertraut haben, dass sie ihre Kinder zu guten Schauspielern machen wollte, "um ihnen sagen zu können, was sie erzählen sollten". Der jüngere Bruder des angeblichen Opfers hatte im Zeugenstand bereits zugegeben, in einem früheren Gerichtsverfahren unter Eid falsche Angaben gemacht zu haben.

Kommentatoren rechnen mit Freispruch

"Er wird nicht schuldig gesprochen", prophezeite vor diesem Hintergrund "Fox News"-Kommentator Roger Friedman. Es gebe einfach zu viele Zweifel an Jacksons Schuld. "Spätestens in zwei Wochen haben wir ein Urteil", glaubt Mike Taibbi vom Sender MSNBC. Nach den Schlussplädoyers könnte die Jury - acht Frauen und vier Männer - schon Ende nächster Woche über Jacksons Schicksal entscheiden. Der Popstar plane bereits seinen Umzug nach Europa oder Afrika, will Friedman aus zuverlässigen Quellen erfahren haben.

Barbara Munker, DPA / DPA