Als vor wenigen Monaten erste öffentliche Vorwürfe gegen den Liedermacher Konstantin Wecker wegen einer sexuellen Beziehung zu einer Minderjährigen erhoben wurden, entschuldigte er sich noch für den „Ausfall“. Nun haben sich drei weitere Frauen zu Wort gemeldet. Auch mit ihnen soll er sexuelle Kontakte gehabt haben, bevor sie volljährig waren. Die Vorwürfe erstrecken sich über mehrere Jahrzehnte.
Die drei heute erwachsenen Frauen hatten sich nach dem Bericht der „Süddeutschen Zeitung“ nach Erscheinen der ersten Vorwürfe an die Redaktion gewandt. Sie alle berichten, im Alter von jeweils 17 Jahren intime Begegnungen mit dem deutlich älteren Musiker gehabt zu haben. Die Fälle sollen sich über einen Zeitraum von rund 25 Jahren erstrecken.
Weitere Vorwürfe
Wecker hatte den Ende 2025 von einer Frau unter Pseudonym erhobenen Vorwurf eingestanden, mit ihr eine sexuelle Beziehung geführt zu haben, als sie gerade einmal 15 Jahre alt war. Der Musiker hatte sich öffentlich für das Jahre zurückliegende Geschehen entschuldigt und sein Verhalten als „moralisch unangemessen“ bezeichnet. Gleichzeitig verwies er auf eine Phase schweren Alkoholkonsums und gab an, sich nur lückenhaft erinnern zu können.
Den nun bekannt gewordenen Berichten nach scheint es sich laut „SZ“ allerdings nicht um ein vereinzeltes Fehlverhalten, sondern um ein Muster zu handeln. Auch die drei Frauen schildern, sie hätten Wecker als Jugendliche bei Konzerten kennengelernt und seien danach in engeren Kontakt mit ihm geraten. Aus den Begegnungen seien schließlich intime Beziehungen entstanden.
Drei Frauen, drei Jahrzehnte, ein Alter
Eine der Frauen ist die heute 38-jährige Marie Franz. Sie berichtet, nach einem Konzert 2005 in ein Hotelzimmer eingeladen worden zu sein. Kurz darauf sei es zu sexuellen Kontakten gekommen. Selbst wenn es damals einvernehmlich passiert sei, betont Franz rückblickend das Machtgefälle zwischen einem gefeierten Künstler und einer 17-jährigen Bewunderin.
Auch Friederike Schupelius schildert eine Beziehung, die sie mit 17 Jahren zu Wecker gehabt habe. Aus E-Mail-Kontakten und Treffen bei Konzerten habe sich eine engere Verbindung entwickelt. Sie sagt, sie habe sich emotional abhängig gefühlt. Später seien bei ihr eine schwere depressive Episode sowie eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert worden. Auch Krankenakten aus psychologischer Behandlung, welche die „Süddeutsche Zeitung“ einsehen konnte, beschreiben bereits einen Zusammenhang mit einem „bekannten Liedermacher“.
Die dritte Frau, die unter dem Pseudonym Anne Wolf auftritt, berichtet von einer Begegnung Anfang der 1990er-Jahre nach einem Konzert. Auch sie sei damals 17 Jahre alt gewesen. Nach ersten Kontakten sei es zu weiteren Treffen gekommen, bevor der Kontakt abbrach. Heute bewertet sie die Situation als Folge ihrer jugendlichen Verehrung und fehlender Distanz.
Umfangreiche Belege
Nach Einschätzung der „SZ“ sind die Aussagen auch nach teils monatelanger Prüfung plausibel. Neben den Frauen konnten auch zahlreiche Personen aus dem Umfeld befragt werden. Zu den Nachweisen gehörten Tagebücher, Nachrichten, E-Mails sowie eidesstattliche Versicherungen der Betroffenen und ihres Umfelds. Mehrere Wegbegleiter bestätigten demnach, dass die Frauen bereits früher von den Vorfällen berichtet hätten.
Gemeinsam ist den Schilderungen die Beschreibung eines deutlichen Machtgefälles. Die Frauen berichten, Wecker habe ihnen Nähe, Aufmerksamkeit und besondere Bedeutung vermittelt und sei zugleich eine zentrale Bezugsperson geworden. Er sei geschickt darin gewesen, den sehr jungen Frauen ein Gefühl zu vermitteln, sich gesehen zu fühlen.
„Schöne Belohnung“
Die problematische Dynamik zwischen einem prominenten Künstler und minderjährigen Fans scheint ihm dabei zumindest teilweise bewusst gewesen zu sein. Sie sei „eine schöne Belohnung“ für seine Arbeit, soll er Franz gesagt haben. Zudem hatte er zwei der Frauen zum Schweigen über die Beziehung gedrängt.
Im Fall von Friederike Schupelius kam es laut dem Bericht später zu finanziellen Zahlungen im Zusammenhang mit Therapiekosten und familiären Belastungen. Mindestens 5000 Euro seien nachvollziehbar, so die „SZ“. Schupelius’ Mutter hatte diese Entschädigung von dem Sänger verlangt, dabei auch auf eine mögliche Rufschädigung hingewiesen.
Konstantin Wecker schweigt
Wecker selbst will sich offenbar nicht zu den Vorwürfen äußern. Damit konfrontiert, teilte sein Anwalt der Zeitung mit, der Musiker sei aus gesundheitlichen Gründen nicht in der Lage, sich zu Vorgängen aus der Vergangenheit zu äußern oder sich daran zu erinnern. Eine entsprechende ärztliche Bescheinigung wurde vorgelegt.
Strafrechtlich relevante Vorwürfe erhebt keine der Frauen. Im Zentrum der Kritik steht die Frage nach Verantwortung, Machtgefälle und moralischer Grenze bei Beziehungen zwischen einem prominenten Erwachsenen und minderjährigen Fans und den Folgen für deren weiteres Leben. Ihr damaliges Ich wäre vermutlich verärgert darüber, dass sie diese Vorwürfe jetzt öffentlich mache, gibt sich Franz gegenüber der Zeitung überzeugt. Die heute 38-Jährige hat ein Buch über die Erfahrung geschrieben, das bald erscheinen soll. „Es gibt einen Unterschied zwischen dem, was legal ist, und dem, was moralisch in Ordnung ist.“
Quelle: „Süddeutsche Zeitung“