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Kolumne: Hier spricht der Boomer "Einfach mal machen": Wieso die FDP der neue Punk sein könnte

FDP-Chef Christian Lindner
FDP-Chef Christian Lindner wird öfter als "Rockstar" bezeichnet. Dabei wäre "Punkstar" vielleicht passender.
© Malte Krudewig / DPA
Das Gelächter war groß, als auf Twitter behauptet wurde, die Liberalen hätten irgendetwas mit Punk zu tun. Dabei ist an dem Vergleich mehr dran als es auf den ersten Blick scheint, meint unser Autor.
Von Frank Schmiechen

Es ist ein großes Missverständnis. Punk war nie links. Im Gegenteil. Punk war die Gegenbewegung zur linken Einheitsfront der Hippies. Die hatten es sich in den 70er-Jahren so richtig gemütlich gemacht. Mit ihren Jugendzentren, die von der Stadt bezahlt wurden, mit ihren langen Haaren, den Demos, Bundeswehrparkas und Musik von Konstantin Wecker, Bettina Wegner und Pink Floyd. Viel zu gemütlich. 

Doch dann kam Punk und blies die heimelige Stoffeligkeit weg. Plötzlich schossen kleine, unabhängige Plattenlabels aus dem Boden. Man entwarf neue Mode. Unzählige Fanzines entstanden. Das waren Magazine, die einfach zusammengetackert und geklebt wurden. Punks eroberten das Radio. Durch den Urknall der Sex Pistols entstanden Tausende Bands, die sich auf neues musikalisches Terrain wagten.

Man wollte sich nicht mehr auf das Land zurückziehen und Gemüse anbauen, sondern die Städte erobern. Syph aus Düsseldorf forderten: "Zurück zum Beton!" Rabiat. Mit viel Energie. Manchmal mit Gewalt. Wie das eben ist, in der Jugend. Die Kerzen wurden ausgepustet, statt Tee gab es Dosenbier, alte Platten wurden verkauft, die Haare trug man kurz.

"Neu starten" – auch ein Motto der FDP

Auf Staatsknete wollte niemand angewiesen sein. Lieber besorgte man sich Jobs. Der Proberaum wurde selber bezahlt. Keiner wartete auf Kohle oder Räume von der Stadt. Es wurde gemacht, nicht gewartet. Oft reichten die musikalischen Kenntnisse eigentlich nicht aus, um eine Band zu gründen. Doch das hielt niemanden ab. Drei Akkorde. Rudimentäres Schlagzeug. Reicht. Einfach mal machen. Ausprobieren. Aus Fehlern lernen. Neu starten. 

Entdeckergeist ist Punk. Aufstehen statt Liegenbleiben ist Punk. Wenn man das Revue passieren lässt, klingt es fast wie ein Manifest für die Startup-Szene oder die Liberalen. Viele Punks und New Waver der ersten Generation sind zu erfolgreichen Managern oder Künstlern geworden. Zum Beispiel Mark Chung, der Bassist von Abwärts und Einstürzende Neubauten. 1984 gründete er einen Musikverlag. Später ging er als Senior Vice President von Sony Music nach London. 

Mitte der 80er-Jahre kamen plötzlich die Bettel-Punks mit ihren großen Hunden. Die lungerten zum Beispiel am Mönckebergbrunnen in Hamburg herum, waren irgendwie links, warteten auf ihre Sozialhilfe, Schnaps und standen auf Mitgröhl-Schunkel-Rock von den Toten Hosen. Die neuen Hippies. Der richtige Punk war längst gestorben oder hatte sich in New Wave verwandelt. Aber vielleicht kehrt er gerade zurück. In einer neuen Verkleidung. Wenn man ganz genau hinschaut, kann man ihn erkennen. 

les

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