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Leonardo DiCaprio: Leo Musterstar

Höflich, entspannt, umweltbewusst - und dazu noch ein hübscher Kerl. Leonardo DiCaprio lässt einen wieder an das Gute glauben.

Von Irmgard Hochreither

Sieht er gut aus? Ist er nett? Ist er groß? Wie war's denn? Selten genießt man so viel Aufmerksamkeit nach der Rückkehr von einem Termin. Also, Leute, ganz schnell vorweg: Ja, er ist wirklich supernett. Was man schon daran erkennen kann, dass Leonardo DiCaprio am liebsten seine (deutsche) Großmutter mitschleppt zu Filmpremieren. Auch hier in Rom ist Oma Helene aus Oer-Erkenschwick dabei. Und neulich, bei einem Madonna-Konzert im New Yorker Madison Square Garden, da rettete er zwei Rollstuhlfahrer, die von der johlenden Menge abgedrängt wurden, und bot ihnen Plätze in seinem VIP-Bereich an. In Hollywood haben sie ihm außerdem den Spitznamen "Mister Umwelt" gegeben. Seit sieben Jahren fährt er ausschließlich Hybridautos, engagiert sich für den Schutz von Walen, Delfinen und Fischottern und kämpft mit einer eigenen Stiftung für den Erhalt von Lebensräumen auf unserer Erde.

Der Kerl macht aber nicht nur als Gutmensch was her, er ist durchaus auch was fürs Auge. Beim Blick in sein Gesicht summt man nicht mehr automatisch "Der Mond ist aufgegangen". Größer ist er, und schlanker als erwartet, ein schlaksiger Typ, der mit seinen 32 Jahren immer noch den Eindruck erweckt, als sei er gerade frisch aus dem Ei geschlüpft. Und wenn er in Jeans und T-Shirt mit leicht hängenden Schultern durchs Foyer schlurft, um draußen schnell mal eine zu rauchen, dann möchte man ihm hinterherrufen: Junge, halt dich gerade! Irgendwie wirkt Leonardo Superstar auf sympathische Weise deplatziert in diesem überladenen Plüsch- und Golddekor des teuersten und feinsten römischen Hotels direkt an der Spanischen Treppe.

"Viele Leute wären froh, wären sie an meiner Stelle"

Draußen vor dem Portal stehen freundlich lauernd die Fotohandy-Jäger aus aller Welt den sonnenbebrillten Bodyguards gegenüber und warten geduldig auf ihre Chance. Möchte der Mann da nicht manchmal um sich schlagen bei so viel aufdringlicher Zuneigung von Fans und Paparazzi? "Was soll's", meint der Gejagte mit einem ergebenen Grinsen, "viele Leute wären froh, wären sie an meiner Stelle. Ich fühle mich vom Schicksal begünstigt und bin ein glücklicher kleiner Bastard." Bei so viel Gelassenheit fällt einem das Lamento eines "Time"-Journalisten ein, der einst jammerte, DiCaprio sei immer so furchtbar relaxed, dass man das Gefühl habe, man spreche mit einem Surfboard.

Drinnen vertreibt sich - etwas weniger geduldig - die Meute der internationalen Filmjournalisten die Wartezeit bei Espresso und Keksen. Dass wir es hier mit einer Hollywood-Performance der A-Klasse zu tun haben, kann man schon am Großaufgebot der PR-Dienstleister ablesen, die mit todernsten Mienen herumhuschen und im Wisperton Informationen austauschen. Das Ganze erweckt den Anschein, als sei man in Geheimverhandlungen über die Abschaffung von Atomwaffen geraten. Dabei geht es nur um die Vermarktung eines neuen Films.

Schon die dritte Zusammenarbeit der Superstars

Nur? Immerhin handelt es sich um "Departed: Unter Feinden" der Regie-Legende Martin Scorsese, der in der US-Presse schon jetzt als der erfolgreichste in dessen gesamter Karriere gilt. Ab 7. Dezember ist er auch bei uns zu sehen. Nach "Gangs of New York" und "Aviator" ist "Departed: Unter Feinden" die dritte gemeinsame Arbeit von DiCaprio und Scorsese. Der ließ sich dafür von dem Hongkong-Kultthriller "Infernal Affairs" inspirieren und schuf einen brutalen, blutigen Macho-Film, angesiedelt im Gangstermilieu der irischen Mafia Bostons.

Das düstere Katz-und-Maus-Spiel beginnt damit, dass DiCaprio als Undercoveragent eingeschleust wird, um den Chef der Verbrecherbande ans Messer zu liefern. "Leo" als gehetzter, innerlich zerrissener Typ, als knallharter Kerl, zugleich aber hochneurotisch und verletzlich. "Leos Gesicht", schwärmt der Regisseur, "ist ein Schlachtfeld für moralische Konflikte." Als Gegenspieler agiert Matt Damon, ein Maulwurf der Mafia in Diensten der Polizei. Und ein satanischer Jack Nicholson mimt den Gangsterboss, der, nach Art aller Gangsterbosse, will, dass sich die Welt nach seinen Regeln dreht. Die amerikanischen Kritiker sind sich einig wie selten: So brillant waren DiCaprio und Scorsese lange nicht. Da könnte sogar ein Oscar drin sein. Für beide. Und wenn nicht? Dann hat zumindest Leonardo eine zweite Chance. Denn auch sein Politthriller "Blood Diamond", der Anfang Dezember in den USA anläuft, gilt als preisverdächtig.

Der Held ist ein bisschen schlapp, als wir am frühen Abend an einem runden Konferenztisch Platz nehmen, der einer Nato-Tagung alle Ehre machen würde. Sieben Stunden Interviewmarathon hat DiCaprio hinter sich, und immer noch strahlt er positive Energie aus. Kein bisschen männliche Diva, kein Hauch von Zickigkeit, durch und durch charming boy, aufmerksam, höflich und völlig entspannt. In Momenten wie diesen wird deutlich: Der Junge weiß, was er will, und er kennt das Geschäft aus dem Effeff. Mit 14 Jahren drehte er den ersten Werbespot, mit 19 feierte er neben Robert De Niro in "This Boy's Life" seinen Kinodurchbruch, und mit 23 versank er im erfolgreichsten Film aller Zeiten neben der "Titanic" in den eisigen Fluten des Atlantiks. Weltweit geliebt, beweint und bekreischt. Der Mann hat sich seine Lorbeeren längst verdient. Aber er ist zu clever, um sich darauf auszuruhen.

Leonardo, schreiben die heimischen Journalisten, habe mit "Departed" endgültig seine Jungenhaftigkeit hinter sich gelassen, er sei nun ein Mann. Ist das so? "Keine Ahnung", sagt er wenig beeindruckt und kriegt einen ganz unmännlichen Kicheranfall, "mit solchen Sprüchen kann ich nichts anfangen. Ich will nicht beeinflussen, wie jemand über mich denkt. So was endet schnell im Desaster. Für mich bedeutet Männlichkeit, dass ich Verantwortung übernehme für alles, was ich tue." Gehört zu einem starken Mann auch die Fähigkeit, seine verwundbaren Seiten zu zeigen? Denkpause, dann: "Das gehört sicher zu den härtesten und kompliziertesten Dingen, die wir tun sollten. Gewalt ist ja oft nur eine Maskerade, die Dinge verbergen soll, die wehtun."

Behütetes Elternhaus in schlechter Gegend

Da spricht offenbar ein Fachmann. Leo wuchs auf in Los Feliz, einem weniger feinen Viertel Hollywoods, in der Nachbarschaft von Drogendealern und Prostituierten. Seine Helden der Kindheit hießen Schwarzenegger und Stallone. Er beobachtete das Leben in einer Hardcore-Version: Schlägereien, sexuelle Übergriffe, Heroinsüchtige auf Entzug. Dass diese Umgebung keinen schlechten Einfluss auf ihn hatte, hält er seinen Eltern zugute. Zwar ließen sich der Italo-Amerikaner George DiCaprio, ein Performancekünstler, Autor und Vertreiber von Underground-Comics, und die deutschstämmige Anwaltsgehilfin Irmeline ein Jahr nach der Geburt ihres Sohnes scheiden, aber das Hippie-Pärchen kümmerte sich weiter gemeinsam um den Nachwuchs. "Meine Mutter hat alles getan, um mich auf gute Schulen zu schicken", sagt Leonardo, "und mein Vater machte mich mit Künstlern, Malern und Schriftstellern bekannt."

Der beste Ratgeber, sagt er, sei bis heute sein Daddy. "Er ist meine Buddha-Figur, der klügste und gebildetste Mensch, den ich kenne. Auf seine Ratschläge kann ich mich immer verlassen, auch weil sie völlig uneigennützig sind." Das klingt rührend schwärmerisch und echt. Nach wahrer Liebe und aufrichtiger Bewunderung. Fachliche Kompetenz und intellektuelle Überlegenheit scheinen DiCaprio ohnehin zu beflügeln. Eine ähnlich große Begeisterung hegt er für seinen Freund und Ersatzvater Scorsese. "Marty lebt und denkt und fühlt Kino. Er ist ein Besessener, ein wandelndes Lexikon." Wie sehr der junge Schauspieler den alten Meister verehrt, lässt sich vielleicht heraushören aus den sehr leise gesprochenen Sätzen: "Auch ich möchte diesen Beruf ausüben bis zum Ende meiner Tage. Und etwas hinterlassen, das zählt."

Es geht um Hingabe. Womöglich mit ein Grund, weshalb der umschwärmte Leo noch immer Single ist. Die Filme fressen offenbar einen großen Teil seiner Leidenschaft, für die Liebe bleibt da nicht viel mehr übrig als leichte, unverbindliche Spielerei. Dafür spräche die Liste der Laufsteggazellen, die mehr oder weniger flüchtig durch sein Liebesleben ziehen. Verbürgt sind die Namen Amber Valetta, Kristen Zang und Gisele Bündchen. Und dann wäre da noch die aktuelle Begleiterin Bar Rafaeli, eine israelische Modelschönheit, von der böse Menschen behaupten, sie sei doch bloß ein geklontes Bündchen und zähle deshalb nicht wirklich als "Neue". Da könnte was dran sein. Immerhin bekannte DiCaprio kürzlich in einem Interview, "die Richtige" noch nicht gefunden zu haben. Dazu sein Bekenntnis: "Wenn man in meinem Alter ist und die Hormone verrückt spielen, dann gibt es wenig anderes als Sex in deinem Kopf." Und: Er wisse ohnehin nicht, ob er überhaupt jemals heiraten werde.

Sieht ganz so aus, als könne nicht einmal "Spider-Man" Tobey Maguire, sein bester Kumpel aus Kindertagen und kürzlich Vater geworden, Leo in Richtung Familienbildung anregen. Bei seinem Beuteschema - "ich mag Mädchen, die intelligent sind, lustig und hübsch" - könnte die Suche jedenfalls auch in Zukunft spannend bleiben.

Seine weiblichen Fans wird es freuen. Die dürfen sich nun weiter der Illusion hingeben, dass der "Titanic"-Held noch "zu haben" ist. Obwohl der sein Herz in Wahrheit längst verschenkt hat: an das Kino. Und an die Krillfresser in den Weltmeeren.

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