Seit sechs Wochen steht Marius Borg Høiby vor Gericht. Mehrere Frauen, allesamt mutmaßliche Opfer von Vergewaltigung oder häuslicher Gewalt, haben unter Tränen ausgesagt. Exfreundinnen von Marius haben von toxischen Beziehungen voller Eifersucht und Kontrolle berichtet. Textnachrichten voller Kraftausdrücke wurden verlesen. Während vor Gericht fast täglich verstörende Geschichten um den Sohn von Mette-Marit laut werden, bleibt der Palast still.
Eva Grinde, Royal- und Politikkommentatorin der Zeitung „Dagens Næringsliv“, hat den Prozess akribisch verfolgt. Als Expertin für das norwegische Königshaus arbeitet sie zudem an einem Buch über die Krise der Monarchie. Mit dem stern hat sie über den möglichen Ausgang des Prozesses gesprochen und die künftige Rolle von Mette-Marit.
Frau Grinde, der Prozess gegen Marius Borg Høiby geht in der kommenden Woche zu Ende. Wie hat die norwegische Öffentlichkeit das Verfahren bisher wahrgenommen? Wie ist die öffentliche Meinung über Marius?
Es gibt ein riesiges Interesse an dem Prozess, die mediale Berichterstattung war dementsprechend umfangreich. Ich denke, die Menschen in Norwegen finden den Fall äußerst ernst und schockierend. Die Details und die Dinge, die ans Licht gekommen sind, wirken sich verheerend für den Sohn von Mette-Marit aus. Es ist klar geworden, dass er – um es vorsichtig zu formulieren – erhebliche Probleme hat.
Was denken Sie selbst über den bisherigen Verlauf des Prozesses? Hat Sie etwas überrascht oder schockiert?
Man kann den Fall in zwei Teile spalten. Zum einen geht es um Vergewaltigungsvorwürfe, zum anderen um Gewalt in Beziehungen. Wie missbräuchlich die Ex-Beziehungen von Marius waren, wurde vor Gericht sehr eindrücklich beschrieben. Das Beweismaterial war sehr düster und schwer auszuhalten. Gewissermaßen hat man dadurch aber einen einzigartigen Einblick in die Dynamik solcher Beziehungen erhalten.
Die Königsfamilie hat Marius zwar im Gefängnis besucht, sich aber weder beim Prozess gezeigt noch Stellung dazu bezogen. Überhaupt ist es seit Veröffentlichung der Epstein-Akten, in denen Mette-Marit erwähnt wird, auffallend still um sie geworden. Welche Strategie könnte dahinterstecken?
Man muss die beiden Aspekte trennen. Marius ist kein Adeliger, sondern ein gewöhnlicher Bürger, der wie jeder andere Norweger behandelt werden sollte. Auffällig ist auch, dass es keine Nachfragen gab, wenn die königliche Familie vor Gericht erwähnt wurde. Niemand ist tiefer darauf eingegangen. Ich glaube, es war den Prozessparteien wichtig, das gesamte Verfahren von der Tatsache zu trennen, dass er der Sohn der Kronprinzessin ist.
Was die Epstein-Akten betrifft, wurde den Menschen in Norwegen versprochen, dass Mette-Marit sich dazu äußern werde. Dadurch sind die Erwartungen an eine vollständige Erklärung enorm gestiegen. Es wird nicht einfach werden, diese zu erfüllen. Wenn die Kronprinzessin in die Öffentlichkeit tritt, müssen all ihre Aussagen nachvollziehbar sein.
Ihre Beliebtheit hat allerdings schon jetzt großen Schaden genommen.
Absolut. Ihre Popularität ist drastisch gesunken. Fast die Hälfte der norwegischen Bevölkerung sagt inzwischen, dass sie nicht Königin werden sollte. Das ist ein großer Unterschied zu früheren Zeiten, in denen sie sehr beliebt war. Das Tragische an der ganzen Geschichte ist, dass ihre Heirat in die königliche Familie einem Märchen glich und das Bild einer sehr inklusiven und modernen norwegischen Monarchie geprägt hat. Aber im Moment befindet sich dieses Märchen auf einem historischen Tiefpunkt.
Sie sagten es bereits: Mette-Marit wurde im Prozess immer wieder erwähnt. Unter anderem soll sie Marius von der bevorstehenden Festnahme unterrichtet und ihm geholfen haben, demolierte Wohnungseinrichtung zu reparieren. Was denken Sie, wie viel Mette-Marit über den Absturz ihres Sohnes wusste?
Das ist genau die Frage, die bislang nicht beantwortet wurde: Wie konnte es so weit kommen? Viele Menschen in Norwegen verstehen, wie unglaublich schwierig so eine Situation mit einem erwachsenen Kind sein kann, das sich problematisch verhält. Damit können sich viele Menschen identifizieren. Trotzdem handelt es sich hier aber auch um das Staatsoberhaupt.
Es ist insbesondere ziemlich schockierend, dass Marius regelmäßig Partys im Keller von Gut Skaugum, der Residenz des Kronprinzenpaares, gefeiert hat – ohne jegliche Kontrollen und ohne dass man wusste, wer genau anwesend war. Das wirkt wie eine Sicherheitslücke.
Marius lebte teilweise selbst auf Gut Skaugum. Vieles, das im Prozess – und auch schon zuvor – zur Sprache kam, deutet darauf hin, dass Mette-Marit zumindest von einigen alarmierenden Eskapaden ihres Sohnes wusste. Grundsätzlich prallen hier zwei Dinge aufeinander: die offiziellen Rollen der königlichen Familie und das Recht auf ein Privatleben. Offenbar wurde in diesem Fall dem privaten Bereich mehr Raum gegeben.
Privatleben ist ein gutes Stichwort. Marius wirft den Medien vor, ihn seit Jahren zu verfolgen und negativ über ihn zu berichten. Wie berechtigt sind seine Anschuldigungen?
Die Behauptung, er sei seit seinem dritten Lebensjahr fast jeden Tag von den Medien verfolgt worden, halte ich für eine große Übertreibung. Und für bemerkenswert, wie stark die Kinder der königlichen Familie von den Medien abgeschirmt wurden – zumindest bis zu deren 18. Lebensjahr. Das war eine bewusste Strategie von Mette-Marit und dem Palast. Die Medien haben sich dem gefügt und waren meiner Meinung nach sehr respektvoll.
Marius selbst betont zwar, dass er nicht in der Öffentlichkeit stehen wolle, trotzdem ist er auf Partys und Events über den roten Teppich gegangen und hat Beziehungen mit Influencerinnen geführt. In einem solchen Leben ist es logisch, dass man viel Aufmerksamkeit auf sich zieht, erst recht nach den Ereignissen im August 2024. Seit Marius das erste Mal verhaftet wurde, ist der mediale Druck enorm gewachsen.
Am 19. März ist der letzte Gerichtstag. Wann ist mit einem Urteil zu rechnen?
Das wird einige Wochen dauern. Die Richter müssen erst zusammenkommen und alle Beweise sorgfältig prüfen. In der kommenden Woche werden beide Seiten ihre Schlussplädoyers halten. Dabei alle Beweise und die Ereignisse des Prozesses zusammenfassen und ihre Schlussfolgerungen vor dem Gericht präsentieren. Ich bin gespannt, welche Argumente dabei die wichtigste Rolle spielen.
Was wäre Ihrer Meinung nach ein realistisches Urteil? Und was erwartet die Öffentlichkeit?
Es ist ziemlich sicher, dass es ein Urteil geben wird, das auch eine Gefängnisstrafe beinhaltet, denn er hat bereits einige Punkte der Anklage eingeräumt. Eine gewisse Strafe steht also von Anfang an im Raum. Ausschlaggebend sind die Vorwürfe, die er bestreitet – und das sind die schwerwiegendsten. Ich denke, viele Menschen erwarten, dass er zumindest in einigen dieser schweren Punkte ebenfalls schuldig gesprochen wird.
Was bedeutet das Urteil für das norwegische Königshaus?
Marius gehört zwar zur Familie, aber nicht zum Königshaus im institutionellen Sinne. Ein Freispruch ist nahezu unmöglich. Ob er schließlich zwei oder vier Jahre Gefängnis bekommt, macht keinen großen Unterschied. Der Schaden ist bereits angerichtet. Ich denke aber, dass der Epstein-Fall noch schädlicher für die Monarchie ist, weil es dabei unmittelbar um die zukünftige Königin geht.
Wie könnte es die Monarchie aus der Krise schaffen? Kann Mette-Marit ihren Ruf noch retten?
Man kann nicht sagen, dass dies der Untergang der Monarchie wäre. Die norwegische Königsfamilie ist extrem beliebt. Die Menschen lieben den König und die Königin. Selbst jetzt sprechen sich noch 60 Prozent der Norweger für die Monarchie aus. Es braucht sehr viel, um diese Institution ernsthaft zu erschüttern. Für Mette-Marit könnte der Weg zur Königin allerdings schwieriger werden. Die Menschen in Norwegen erwarten, dass sie erklärt, was es mit den Epstein-Akten auf sich hat. Wenn sie noch Königin werden soll, muss sie eine Erklärung liefern, die die Menschen verstehen und glauben können.
Foto von Eva
Es ist möglich, dass sie das Vertrauen zurückgewinnt, wenn sie – ähnlich wie damals bei ihrer Verlobung – in einem großen Interview offen über alles spricht. Aber je länger sie diese Fragen nicht beantwortet, desto mehr entsteht der Eindruck, dass hinter den Kulissen verschiedene Optionen erwogen werden. Außerdem ist sie sehr krank. Deshalb ist es auch denkbar, dass sie sich zurückzieht und niemals den Titel der Königin tragen wird.