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Nach den Nacktbildern von Las Vegas: Vom Party-Prinzen zum Prinz der Herzen

Bei seinem ersten öffentlichen Auftritt nach den Nacktfotos von Las Vegas startete Prinz Harry eine Charmeoffensive. Doch die ist gar nicht nötig. Nie war der Prinz beliebter.

Von Jens Maier

Dieses Mal ist er vollständig angezogen: Jackett, Hose, Hemd, Krawatte und Lederschuhe. Trotzdem ist der Prinz an diesem Abend ein Totalausfall - modisch gesehen zumindest. Wie ein Versicherungsvertreter sieht er aus. Sein dunkelblauer Anzug hängt ihm schlabbernd über der Hüfte. Die rosafarbene Krawatte mit dem Fischgrätenmuster scheint er aus dem Kleiderschrank von Prinz Charles geklaut zu haben. Aus dem Party-Prinz ist Prinz Bieder geworden. Wäre da nicht sein Lausbubenlächeln, würde wohl niemand ahnen, dass unter dem Zwirn der Mann steckt, der mit Nacktfotos aus Las Vegas Schlagzeilen gemacht hat.

Nach seiner Party-Sause rief am Montagabend wieder die Pflicht als Nummer drei der britischen Thronfolge. Prinz Harry absolvierte seinen ersten öffentlichen Auftritt nach der Veröffentlichung seiner Party-Bilder. In London nahm er an einer Preisverleihung der Wohltätigkeitsorganisation WellChild teil, die sich für schwerkranke Kinder einsetzt. Das Medieninteresse war riesig. Vor dem Hotel warteten Dutzende von Fotografen und Reportern auf die Ankunft des Prinzen. Wie würde Harry damit umgehen, dass Millionen Menschen weltweit ihn halbnackt gesehen haben? Würde er vor Scham rot anlaufen? Sich aus Unsicherheit strikt ans Protokoll halten: Hände schütteln, Smalltalk und lächeln?

Prinz Harry witzelt über seine Schüchternheit

Nichts dergleichen. Prinz Harry wirkte locker und entspannt. Zwar ging der 27-Jährige mit keinem Wort auf die Schlagzeilen über die Nacktfotos ein, dennoch war der Prinz mutig genug, das Thema in einer Rede anzureißen. Er sei nie zu schüchtern, um sich hervorzutun, witzelte er - und hatte damit die Lacher auf seiner Seite. Ein kleiner Junge hatte vor der Preisverleihung angekündigt, Harry auf Las Vegas ansprechen zu wollen. "Ich bin froh, dass Sie Ihre Kleidung anhaben", wollte er ihm sagen. Doch der Prinz, der dies vorher mitbekommen hatte, ging lachend und mit wedelndem Zeigefinger auf ihn zu und meisterte so auch diese Situation souverän.

Selbst Boulevardblätter, die in der vergangenen Woche noch über "Harry und seine Kronjuwelen" gelästert haben, waren am Dienstag voll des Lobes über die Rückkehr des Prinzen in die Öffentlichkeit. Das war noch 2005, als Harry schon einmal für Negativ-Schlagzeilen sorgte, ganz anders. Nach seinem Auftritt bei einer Kostümparty in einer Nazi-Uniform wurde er zum Problemfall für die Royals. "God save the Queen (Gott schütze die Königin) … vor dem Prinzen", schrien die Zeitungen und betitelten die Bilder in großen Lettern mit "Hitlerjugend". Charles solle ihm mal ordentlich die Leviten lesen, forderten einige Zeitungen - und hätten sie gekonnt, hätten sie ihm wohl persönlich den Hintern versohlt.

Nur 22 Prozent nehmen ihm seine Nackt-Eskapaden übel

Seitdem hat der Prinz viel gelernt. Aus dem Bengel von damals ist ein verantwortungsvoller junger Mann geworden. Im Frühjahr beendete er seine Ausbildung zum Kampfhubschrauberpiloten als Jahrgangsbester. Er vertritt immer häufiger das Königshaus bei offiziellen Anlässen und bekommt dafür viel Lob. Keinen einzigen Patzer hat er sich auf dem politischen Parkett bislang geleistet. Das scheinen die Briten zu würdigen. In einer Umfrage der "Sunday Times" hat das Image des Prinzen unter den Nacktfotos kaum gelitten. 68 Prozent der Befragten waren der Meinung, es sei akzeptabel, wenn Harry sich als junger, alleinstehender Mann bei einer privaten Urlaubsreise amüsiere. 75 Prozent meinten sogar, sie hätten trotzdem ein positives Bild von ihm. Nur 22 Prozent waren der Meinung, Harry habe mit den Partyeskapaden über die Stränge geschlagen.

Es scheint, als würden die Briten Harry fast alles verzeihen. Zumindest aber weiß die Öffentlichkeit inzwischen, sein Verhalten einzuordnen. Was ist schon ein nackter Prinz gegen einen spanischen König, der auf Steuerzahlerkosten auf Großwildjagd geht, einen schwedischen Monarchen, der unlängst zugeben musste, jahrelang Affären gehabt zu haben oder einen britischer Thronfolger, der seiner ehemaligen Mätresse, die heute seine Ehefrau ist, einst ins Telefon flüsterte, er möchte ihr "Tampon" sein? Der Party-Prinz ist der Prinz der Herzen. Seine Eskapaden wirken wie eine Verjüngungskur für die britische Monarchie. Er ist der Royal, mit dem man ein Bier trinken möchte. Und er ist derjenige, dessen Poster junge Mädchen sich an die Wand pinnen würden - nackt viel lieber als im Anzug.