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Offener Brief: Stieftochter wirft Woody Allen sexuellen Missbrauch vor

In einem offenen Brief in der "New York Times" erhebt Woody Allens Stieftochter Missbrauchsvorwürfe gegen ihren Stiefvater - und geht dabei sehr ins Detail.

Von Frank Siering, Los Angeles

Der Regisseur Woody Allen gilt in Hollywood als ein stilles, aber merkwürdiges Genie. Einer der gerne in dunklen New Yorker Kneipen seine Klarinette spielt, aber glanzvolle öffentliche Auftritte, die seine zweifelslos großartigen Errungenschaften in der Filmwelt ehren, immer wieder ablehnt.

So auch vor Kurzem, als er von der "Hollywood Foreign Press" einen Golden Globe für sein Lebenswerk entgegennehmen sollte. Allen ist in diesem Jahr für sein Original-Drehbuch zum Film "Blue Jasmine" für einen Oscar nominiert. Bislang dachten seine berühmten Fans, darunter Scarlett Johansson, Owen Wilson, Rachel McAdams und viele andere A-Listen-Stars in Hollywood, dass der mittlerweile 78-jährige Allen einfach ein ziemlich exzentrischer Typ sei.

Ruf von Woody Allen steht auf dem Spiel

Ein offener Brief in der "New York Times" könnte das Image des einflussreichen Regisseurs jetzt für immer zerstören. Allens Stieftochter Dylan Farrow, der Amerikaner hatte sie zusammen mit seiner Ex-Frau Mia Farrow adoptiert, wirft dem Filmemacher erneut sexuellen Missbrauch vor und geht dabei sehr ins Detail.

Das erste Mal habe ihr Stiefvater sie sexuell belästigt, als sie gerade mal sieben Jahre alt war, schreibt Dylan in dem Brief. Dann beschreibt die Adoptivtochter konkret einen Vorfall, der sich in einer "dunklen" Kammer des Elternhauses ereignet haben soll. "Er sagte mir, dass ich mich auf den Bauch legen und mit der elektrischen Eisenbahn meines Bruders spielen soll. Dann missbrauchte er mich sexuell", schreibt sie. Er habe ihr dabei zugeflüstert, das dies ihr Geheimnis sei. "So lange ich mich erinnern kann, hat mein Vater Dinge getan, die ich nicht mochte", führt Farrow weiter aus.

Keine Anklage erhoben

Mia Farrow und Allen hatten sich 1992 nach zwölf Jahren getrennt. In einem Sorgerechtsprozess erhob die Schauspielerin den Verdacht, Allen habe das Mädchen sexuell missbraucht. Daraufhin verlor er das Sorgerecht für Dylan, die heute unter anderem Namen in Florida lebt. Laut Allen habe sich seine damalige Ehefrau diese Vorwürfe ausgedacht, weil sie von seiner Affäre mit der anderen gemeinsamen Adoptivtochter Soon-Yi Farrow erfahren habe. Soon-Yi wurde später Allens Ehefrau.

Die Vorwürfe Farrows wurden untersucht, aber ein Staatsanwalt in Connecticut entschied, dass keine Anklage gegen Allen erhoben werde. Die Begründung: Seine Adoptivtochter Dylan sei zu "fragil", um eine solche Verhandlung psychisch durchhalten zu können.

In der "Vanity Fair" hatte Dylan vor Kurzem schon einmal über die mutmaßlichen sexuellen Belästigungen durch ihren Adoptivvater gesprochen. In dem offenen Brief in der "New York Times" erhärtet sie jetzt die Anschuldigungen und verleiht ihnen Nachdruck. Demnach sei es weitaus "schlimmer gewesen", als bislang von vielen vermutet wurde, so Dylan. ,"Er ist damit durchgekommen, und das verfolgt mich bis heute", so die Stieftochter in ihrem Brief.

Dylan habe psychisch so sehr unter den mutmaßlichen Übergriffen ihres berühmten Vaters gelitten, dass sie angefangen habe sich mit einem Messer Wunden zufügen. "Ich hatte unheimliche Angst, von einem Mann berührt zu werden", so Dylan weiter.

Hollywood habe ihre Qual noch verschlimmert

Hollywood habe ihre Qual noch verschlimmert, denn fast alle "haben weggesehen". "Jedes Mal, wenn ich meinen Peiniger auf einem Poster oder im TV gesehen habe, konnte ich meine Panik kaum unterdrücken, solange bis ich einen Ort fand, an dem ich wieder alleine sein und mich endlich gehen lassen konnte", so Dylan weiter.

"Was, wenn es dein Kind gewesen wäre, Cate Blanchett?", wendet sich Dylan direkt an die australische Schauspielerin, die in Allens Film "Blue Jasmine" die Hauptrolle spielt. Sie spricht auch andere Stars aus Allen-Filmen direkt an, unter ihnen Alec Baldwin, Emma Stone, Scarlett Johansson und Diane Keaton.

Warum die heute 28 Jahre alte Dylan, die nach eigenen Aussagen glücklich verheiratet ist, ausgerechnet jetzt an die Öffentlichkeit geht, beschreibt sie so: ,"Wenn ich nichts gesagt hätte, dann würde ich es auf meinem Sterbebett bedauern." Dylan spreche ihren Leidensweg auch deshalb öffentlich an, weil sie ,"anderen Opfern von sexuellem Missbrauch eine Stimme geben will."