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Ottfried Fischer: Das geraubte Lächeln

Jeder sah, wie schwerfällig sein Körper geworden war, wie ausdruckslos sein Gesicht. Das machte Ottfried Fischer zum Gegenstand von Hohn, Spott und Parodien. Jetzt gab der Volksschauspieler bekannt, dass er an Parkinson leidet.

Von Alexander Kühn

Die Ratte Parkinson beißt fest zu. Langsam saugt sie dich aus. Sie raubt dir das Lachen und das Stirnrunzeln, lässt deinen Mund offen stehen, dass dir der Speichel rinnt wie einem Kleinkind. Deinen Verstand lässt sie in Frieden, umso mehr hat sie Freude daran, dich aussehen zu lassen wie einen Trottel.

Du bist Ottfried Fischer. Das Publikum liebt dich. Du bist Volksschauspieler, bayerisch, gemütlich, Bulle von Tölz, Pfarrer Braun - kannst aber nicht mehr zeigen, was du fühlst, dein Gesicht ist versteinert, die Miene eingefroren. Du bist politischer Kabarettist seit 30 Jahren, heller, schneller Kopf - bewegst dich aber nur noch in Zeitlupe, sprichst wie ein Roboter.

Was denken die Leute: dass du ein miserabler Schauspieler bist? Dass die Legionen von Schweinsbraten und Würsteln dich ungelenk gemacht haben? Oder halten sie dich, ganz simpel, für ein schlichtes Gemüt - Pfundskerl, aber nicht sehr helle? Wenn ihm einer "fette Sau" hinterherrufe, kratze ihn das nicht, hat Ottfried Fischer einmal gesagt. Unterstelle ihm dagegen jemand mangelnde Intelligenz, dann tue ihm das weh.

Zielscheibe für Parodien

Jetzt, da der 54-Jährige seine Krankheit öffentlich gemacht hat, sollte man sich im Internet noch einmal die Persiflagen auf ihn ansehen, man findet sie auf Youtube oder Myvideo. Wie Bastian Pastewka als Otti Fischer Kindern die Weihnachtsgeschichte erzählt, teilnahmslos, ausdruckslos, am Ende gerade noch das Weißbierglas stemmen kann, um ihnen zuzuprosten. Oder diesen Ausschnitt, er stammt aus der Comedy-Reihe "Switch Reloaded", die auf Pro Sieben läuft: Der Komiker Bernhard Hoëcker parodiert den "Bullen von Tölz" als gesichtsgelähmten Fettsack, die Augen wie tot, der restliche Körper kaum lebendiger; von zwei Pflegern wird er auf einer Sackkarre durch Wald und Wiesen geschoben, einen Mord soll er aufklären, doch er lallt nur unverständliches Zeug.

Irre lustig, bis zum vergangenen Freitag. Mit einem Mal tragisch. Schriftlich, mit dürren Worten, gab Ottfried Fischer an jenem Tag bekannt, dass er an Parkinson leidet. Sein Handy blieb ausgeschaltet, Bitten um Rückruf beantwortete sein Management mit dem Hinweis, es sei alles gesagt. Kollegen vom Fernsehen und vom Kabarett hatten die Krankheit seit Jahren erahnt, darüber gesprochen hatte er mit kaum einem. Fern der Kamera, so heißt es, ist Fischer schüchtern, einer, der lieber die kalte Suppe auslöffelt, als sich beim Kellner zu beschweren; in der Schule nannten sie ihn Tomato, weil er so schnell rot wurde.

Vermutlich war seine Erklärung an die Presse ein Hilfeschrei: Hallo, ich bin krank! Ich kann nichts dafür! Lasst mich meine Arbeit machen, solange es noch geht! Denkbar auch, dass er Boulevardzeitungen zuvorkommen wollte, die vielleicht mit Veröffentlichung gedroht hatten; in der Mitteilung über seine Krankheit stand, er wolle "die Angst vor ihrer möglichen Entdeckung beenden". Oder er war schlicht des Dementierens müde.

Spekulierten Zeitungen über seine Gesundheit, weil er bei Dreharbeiten erschöpft war und zwischen den Einstellungen einschlief - dann trat Renate Fischer, seine Ehefrau, auf den Plan: "Wenn einer 14 Stunden im Schnee vor der Kamera steht, steht ihm das zu." Die Null-Mimik? Sei seine eigene Spielweise der wenigen Mittel, sagte Ottfried Fischer; und zugegeben: Bisweilen erhöht es die Komik durchaus, wenn man beim Witzigsein dreinschaut, als gehörte man nicht dazu. Sprachen Journalisten ihn konkret auf Parkinson an, sagte er tapfer: "Ich bin zwar dick, aber gesund." Und dass er mit seinem Körper zufrieden sei. "Das ist mein Markenzeichen. Mehr sag i ned."

Beliebtes Thema: sein Gewicht

Kaum ein Interview, in dem er sich nicht zu seiner Leibesfülle äußern musste. Diät, ja. Auch mal Trennkost. Aber essen mache Spaß, gehöre zum Leben wie Sex. Golf spielen, gelegentlich schwimmen, ansonsten nur geistige Bewegung. Zum Arzt gehe er nur, wenn es sich gar nicht vermeiden lasse. Zum Ritual war es geworden, sein Gewicht abzufragen: mal 186 Kilo, dann 150, im Schnitt 160.

Nun sind es nicht Knödel und Leberkäs, die ihn niederringen, sondern es ist die Schüttellähmung, die jeden treffen kann. Eine Viertelmillion Deutsche. Muhammad Ali, den größten Boxer aller Zeiten, der nun als Pflegefall dahinsiecht. Den athletischen Papst Wojtyla, Skifahrer, Schwimmer, den sie zu einem dicklichen Greis im Rollstuhl entstellte. Manfred Rommel, Stuttgarts früheren Oberbürgermeister. Und den Hollywoodstar Michael J. Fox.

"Ich habe Angst, ein Pflegefall zu werden", sagte Fischer kurz vor seinem 50. Geburtstag, und es ist nicht zwangsläufig so, dass dies bald eintritt. Wer Parkinson hat, wacht nicht plötzlich im falschen Körper auf, wie Gregor Samsa, der sich bei Kafka über Nacht in einen Käfer verwandelt hat. Parkinson raubt einem die Kräfte über Jahre. Im besten Fall, eingestellt auf die richtigen Medikamente, wird Fischer noch einige Jahre drehen können. Sein Management hat am Wochenende gleich die Termine seiner Fernsehauftritte verschickt, bis einschließlich September 2009. Einmal im Monat "Ottis Schlachthof ", Kabarett im Bayerischen Fernsehen. Ab Herbst dreht er für Sat 1 neue Folgen des "Bullen von Tölz". Alles wie bisher, nur mit verminderter Schlagzahl.

Anerzogene Existenzangst

Es gab Zeiten, da machte Fischer zwölf Filme im Jahr. Lehnte kein Angebot ab, was er mit einer anerzogenen Existenzangst erklärte: "Als Bauernsohn weiß man, dass man im Sommer das Heu einfahren muss, damit man im Winter was zum Verfüttern hat." Die Kinder sollten gut versorgt sein. Und natürlich seine Frau Renate, die er am Abend des Mauerfalls beim Sechs-Tage-Rennen kennengelernt hatte, er war prominent, sie Radioreporterin, wenige Monate später heirateten die beiden.

Renate Fischer wurde zu seiner Managerin. Vermietete ihn nur zu Höchstgagen. Sie ist bei Sendern und Produktionsfirmen nicht sonderlich beliebt, weil sie sehr zum Sicheinmischen neigt. Bei Sat 1 gab man ihr den Namen "Tretmine", ihr Mann bezeichnet sie als "Bodenstation des Unternehmens Fischer". Konflikte, so erzählten die beiden in einem Interview, laufen bei ihnen zu Hause so ab: Sie tobt, er schweigt, sie tobt noch mehr.

Zu ihren Aufgaben zählte Renate Fischer es stets, ihren Dicken, wie sie ihn nennt, vor anderen Frauen in Sicherheit zu bringen. Einmal passte sie nicht auf. Schon hatte er was mit einer Dame aus dem Wiener Rotlichtmilieu, das war vor zwei Jahren. Die Boulevardpresse stopfte damit über Tage ihr Sommerloch, zumal Ottfried Fischer auch noch einen Bordellbesuch beichtete. Ein Ausbruch aus einer festgefahrenen Ehe, hatte man damals gedacht. Mag sein, muss man heute sagen - aber vielleicht noch mehr der Versuch, die Fesseln des eigenen Körpers zu sprengen.
Mitarbeit: Rupp Doinet

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