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Porträt Sophie Marceau: "Ich brauche das Gefühl, geliebt zu werden"

Als pubertierende Vic wurde sie mit "La Boum" berühmt - sie war Bond-Girl, spielte die Prinzessin von Wales in "Braveheart" und entwickelte sich vom netten Mädchen zur verführerischen Femme Fatale. Jetzt darf Sophie Marceau in der Komödie "Lol" die Mutter spielen.

Von Irmgard Hochreither

Wer immer auf die Idee gekommen ist, die Traumfrau der Franzosen für den Interview-Marathon in ein stickiges Berliner Konferenzzimmer von ausgesuchter Scheußlichkeit zu sperren, hat damit bestimmt keinen Masterplan verfolgt. Doch der hässliche Rahmen verstärkt die Wirkung. In ihrem kornblumenfarbenen tulpenförmigen Designer-Röckchen und einem raffiniert geschnittenen T-Shirt gleicher Couleur erscheint Sophie Marceau in dem düsteren Raum wie eine duftige blaue Blume auf einem stinkenden Misthaufen. Alles in Hochform: die Figur, der Teint, die Haare, die Laune. Und schon sitzt man, wie zuvor Generationen von Journalisten beiderlei Geschlechts, in der Venusfalle, ist betört von der französischen Mädchenfrau, die mit einem Lächeln jeden verzaubert. Oder mit entwaffnenden Sätzen wie: "Ich mag Verführung. Auch als Zeichen des Interesses, das ich für jemanden habe. Und ich brauche das Gefühl, bewundert, geliebt und betrachtet zu werden."

Seit den 80ern beherrscht die geborene Verführungskünstlerin den Flirt mit dem Leben. Damals hatten sich weltweit Millionen von Kinobesuchern in dieses freche Nymphchen verliebt. In den trotzigen Schmollmund, die zart gebräunte Pfirsichhaut, die asiatischen Mandelaugen, den aufmüpfigen Charme der 14-jährigen Pariser Göre Vic aus dem ultimativen Partyfilm "La Boum - die Fete". Jetzt ist das einstige Teenie-Idol 43 Jahre alt und kehrt - manche sagen, schöner denn je - als allein erziehende Mutter der 15-jährigen Lola (Christa Theret) auf die Leinwand zurück.

Komödie "Lol" als "La Boum" reloaded

"Lol" ist eine federleichte Komödie über das Erwachsenwerden, das Chaos der Gefühle, das hormongesteuerte Spannungsfeld zwischen Freundschaft und Autorität von (geschiedenen) Müttern zu ihren pubertierenden Töchtern. "La Boum" reloaded, sozusagen. Liebe in Zeiten von Chatrooms, SMS-Botschaften und multimedialem Mode- und Schönheitsterror. Was bleibt, sind die ewig gleichen Missverständnisse, denen allerdings im neuen Jahrtausend mit einer gehörigen Portion jugendlicher Coolness begegnet werden muss. Lol steht nicht nur als Kürzel für Lola, sondern auch für das Netz-Ikon "laughing out loud". Lautes Lachen als Waffe der Generation 2.0. Zum Beispiel wenn die Mutter mal wieder "voll peinlich" mit ihren Freunden kifft, sich von einem gut aussehenden Polizisten anmachen lässt oder sich in Sex mit dem Ex, Lügen und Geheimnisse verstrickt.

"Männer leiden an ihrem Ego"

Sophie Marceau hat keine Sekunde gezögert, das Rollenangebot anzunehmen. "Die Geschichte", sagt sie, "hat mich berührt und zum Lachen gebracht. Weil in ihr so viel Esprit steckt und eine genaue Bobachtung der Frauen von heute. Liebe, Gefühle, Missverständnisse, das beschäftigt uns, egal, ob wir 15 oder 40 sind. Nur die Welt ist komplizierter geworden, und die jungen Leute stehen heute unter einem besonders hohen Druck, ihren Platz zu finden." Eine echte Herausforderung auch im wahren Leben bei der Erziehung der eigenen Kinder, die ohne Vater aufwachsen. "Klar", meint sie nachdenklich, "auch mein Sohn braucht männliche Identifikationsfiguren. Aber viele Männer leiden an ihrem Ego und kompensieren das, indem sie die Muskeln spielen lassen und sinnlose Hierarchien aufbauen." Doch dann wischt sie das ernste Thema mit einem unbekümmerten Lachen vom Tisch und flötet, "alle von Frauen erzogenen Männer, die ich kennengelernt habe, sind Superjungs. Ehrlich. Sie sind liebenswürdig, intelligent, sexy – und sie lieben Frauen."

Mädchen von nebenan erobert Filmwelt

Sie selbst war dreizehn und ging noch zur Schule, als sie sich um die Rolle in "La Boum" bewarb. Mit 16 zog die Tochter eines Lastwagenfahrers und einer Brasserie-Wirtin aus der Pariser Vorstadt in die eigene Bude, verdiente eigenes Geld, lebte nach ihrem eigenen Kopf. So habe sie sehr früh gelernt, Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. "Das Kino" sagt sie, "hat mir geholfen, stark zu werden." Das schöne Mädchen von nebenan reifte zu Frankreichs Superfrau. Zu einem unabhängigen, flirrenden Wesen, nach dem sich die Männer der Grande Nation verzehrten, auch wenn ihnen soviel Eigenständigkeit immer auch ein bisschen Angst einjagte. Man bewunderte sie in Kostümschinken, Mantel- und Degenfilmen, liebte sie als Prinzessin von Wales in Mel Gibsons Oscar-Sieger "Braveheart", lobte sie als beste Bond-Gegenspielerin aller Zeiten und war schockiert über bizarre Nacktrollen in erotischen Skandalfilmen.

Angst vor dem Traualter

"Ich bereue nichts", sagt die Schauspielerin, Regisseurin und Autorin eines autobiographischen Romans. Es klingt überzeugend und gilt wohl auch fürs turbulente Liebesleben. Vom polnischen Regisseur Andrej Zulawski, der Chérie Sophie zum Schrecken der Franzosen einst hinter den Eisernen Vorhang nach Warschau entführte, hat sie den 14-jährigen Sohn Vincent und mit dem amerikanischen Produzenten Jim Lemley die siebenjährige Tochter Juliette. Die Väter blieben auf der Strecke. "Wenn man das Gefühl hat, die Liebe ist weg, hat es keinen Zweck, die Augen zu verschließen." Basta. Immer war sie es, die den Schlussstrich zog. Keiner hat es je geschafft, ihr einen Ehering an den Finger zu stecken. "So eine Hochzeit ist ein unglaublicher Akt. Das macht mir angst, weil ich glaube, dass die Männer plötzlich einen irren Besitzanspruch entwickeln." Die Frau, die von sich selbst sagt, "ich bin noch nie verlassen worden", möchte sich die Freiheit bewahren, hopp hopp zu gehen, wenn sie es für richtig hält.

Im Augenblick gehört ihr Herz dem Schauspieler-Kollegen Christopher Lambert. Vielleicht gelingt es dem "Highlander", sich einen dauerhaften Platz in Sophies Welt zu erobern. Jedenfalls hören Pariser Gazetten bereits die Hochzeitsglocken läuten. Doch die freiheitsliebende Französin lächelt nur und orakelt, "ich kann mir schon vorstellen, dass ich eines Tages den Schritt wage, aber es ist nichts beschlossen." Bis dahin kann sich der Neue noch einmal einer Selbstprüfung unterziehen. "Ein Mann", fordert Sophie Marceau in aller Bescheidenheit, "muss intelligent, unabhängig, aufmerksam, großzügig, sehr männlich und sehr weiblich sein." Pause. Dann ein herausforderndes Grinsen, "ziemlich viel verlangt, ich weiß." Aber sie weiß auch - sie hat noch jeden gekriegt, den sie wollte. Ob mit oder ohne Trauschein.

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