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Präventiv-Amputation: Was uns Angelina Jolies Brüste angehen

Schockzustand im Showbiz, Freude in der Brustkrebs-Awareness-Bewegung. Jolie stärkt mit ihrer mutigen Entscheidung die Diskussion über das Selbstbewusstsein krebskranker Frauen.

Von Sophie Albers, Cannes

Am Dienstagmorgen reden die Filmjournalisten in Cannes über nichts anderes, dabei ist Angelina Jolie nicht einmal hier: Der Hollywoodstar hat sich präventiv beide Brüste amputieren lassen, um zu verhindern, dass sie - wie die eigene Mutter - in jungen Jahren an Krebs stirbt. Was für ein Ort für solch eine Nachricht! Beim glamourösesten aller Filmfestivals spielen Frauenbrüste schließlich noch eine größere Hauptrolle als sowieso schon im täglichen Leben: sei es auf Werbebannern, die sie formvollendet in Szene setzen, Extrem-Dekolletés auf dem roten Teppich, die sie ausstellen, Bikinis, die sie gerade eben bedecken, Filmszenen, in denen sie für sich stehen. Brust=Frau=sexy, lautet die Formel, die uns jeden Tag tausendfach vorgerechnet wird. Dazu muss man nicht mal in Cannes sein. Und nun das.

Die Frau, die als eine der schönsten der Welt gilt, die in keinem Erotik-Ranking fehlt, deren Körperkurven seit Beginn ihrer Hollywoodkarriere Thema und auf Hochglanz poliert in jedem Frauen- und Männermagazin zu sehen waren, ausgerechnet sie stellt sich vor die versammelte Gossip-Welt und zeigt verbal ihre frischen Narben. Sie berichtet von Operationen, Schläuchen, die aus dem Brustgewebe kommen und Gentests, die Tausenden Frauen das Leben retten könnten, wenn sie denn billiger wären. Und sie macht ihre eigene Brust-sexy-Gleichung auf: "Ich fühle mich nicht weniger als Frau", schreibt sie in dem Artikel "Meine medizinische Entscheidung" in der "New York Times", mit dem sie an die Öffentlichkeit gegangen ist. "Ich fühle mich stark, weil ich eine starke Entscheidung getroffen habe, die in keinster Weise meine Weiblichkeit schmälert."

Plötzlich hören alle hin, das ist großartig!

"Ihre freiwillige Öffentlichmachung könnte zu einer Aufmerksamkeitssteigerung in astronomischer Höhe führen", schreibt das Branchenblatt "Entertainment Weekly". "Und damit das Leben anderer Frauen retten, die diese Möglichkeit eines Tests oder einer Präventivmaßnahme nicht kennen." Man kann gar nicht häufig genug schreiben, dass allein in Deutschland jeden Tag rund 50 Frauen an Brustkrebs sterben.

Die Bedeutung von Jolies offensivem Umgang mit ihrer Entscheidung ist wahrlich nicht hoch genug einzuschätzen. "Endlich, endlich, endlich hat eine Hollywoodgröße verstanden, dass es ums Überleben geht", sagt Uta Melle, die mit ihrem "Amazonen"-Projekt in Deutschland schon für große Aufmerksamkeit gesorgt hat. "Was nun passiert, ist vergleichbar mit dem ersten Auftritt von Liz Taylor, als sie anfing, sich für den Kampf gegen Aids einzusetzen. Plötzlich hören alle hin, plötzlich fängt die Diskussion an. Das ist großartig! Egal, was vorher war, jetzt hören die Menschen endlich zu und überdenken ihre vorgefassten Meinungen."

Und vielleicht wird es irgendwann auch keine überflüssigen Bemerkungen mehr geben wie der Kommentar "Armer Brad" auf Facebook.

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