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Prozess gegen den Leibarzt des "King of Pop" Der mysteriöse Doktor Murray


Der Prozess gegen Conrad Murray, den Leibarzt von Michael Jackson hat begonnen. Laut Staatsanwalt ist er schuld am Tod des "King of Pop". Doch der Beweis dürfte schwierig werden.
Von Jens Maier

Er könnte in die Geschichtsbücher eingehen. Zwar wird er nicht in einem Atemzug mit Lee Harvey Oswald, dem mutmaßlichen Mörder von John F. Kennedy, oder mit Mark David Chapman, dem Killer von John Lennon, genannt werden. Denn Vorsatz war bei Dr. Conrad Murray wohl nicht im Spiel. Aber dennoch könnte es bald über den Arzt aus Texas heißen, dass er den größten Popstar aller Zeiten auf dem Gewissen hat: Dr. Conrad Murray wird beschuldigt, für den Tod von Michael Jackson verantwortlich zu sein.

Mehr als zwei Jahre nach Jacksons Tod steht der ehemalige Leibarzt Jacksons jetzt wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht. Da die vierwöchigen Verhandlungen live im Fernsehen übertragen werden, wird mit einem riesigen medialen Interesse gerechnet. Der Murray-Prozess könnte in den USA der größte seit dem Freispruch von O.J. Simpson werden. Und der Ausgang scheint ebenso ungewiss.

Die Staatsanwaltschaft will beweisen, dass Murray Jackson fahrlässig getötet hat. Dass er dem chronisch schlaflosen Popstar jeden Tag - auch an seinem Todestag - Spritzen mit dem Narkosemittel Propofol verabreicht hat. Dass er ihn - als Jackson ins Koma fiel - nur stümperhaft medizinisch versorgt hat. Und dass er letztlich den Herzstillstand des 50-Jährigen herbeigeführt hat. Doch ist die Schuldfrage wirklich so klar? Der Tod des "King of Pop" eine logische Folge von Murrays Handeln - und damit eine Verurteilung des Arztes, dem bis zu vier Jahre Haft drohen, eine ausgemachte Sache?

Oberstaatsanwalt David Walgren verlässt sich in seiner Anklage vor allem auf medizinische Sachverständige: Sie sollen beweisen, dass kein verantwortungsvoll handelnder Arzt der Welt das Narkosemittel Propofol außerhalb eines Krankenhauses zum Einsatz gebracht hätte, schon gar nicht ohne die entsprechende Möglichkeit, die Herz- und Kreislauffunktionen des Patienten zu überwachen. Trotzdem wird es Walgren nicht einfach haben, die aus sieben Männern und fünf Frauen bestehende Jury ohne jeden Zweifel von der Schuld Murrays zu überzeugen. Denn Murrays Verteidiger Ed Chernoff will im Gegenzug beweisen, dass Jackson medikamentensüchtig und verzweifelt war. Er soll Murray gezwungen haben, ihn ständig mit Propofol-Nachschub zu versorgen.

Eine amerikanische Karriere

Um den Hintergrund von Murrays Engagement für den Mega-Popstar zu verstehen, muss man einen Blick auf seine Vita werfen. Der Arzt wird 1953 im Inselstaat Grenada geboren und wächst in ärmlichen Verhältnissen ohne seinen Vater, einen US-Amerikaner, auf. Die meiste Zeit verbringt er bei seinen Großeltern, die einfache Farmer waren. Schon früh zeigt sich sein Ehrgeiz. Murray will ein besseres Leben führen, als es seine Mutter tat, die nach Trinidad & Tobago auswandern musste, um dort eine besser bezahlte Arbeit anzunehmen. Und der kleine Conrad ist begabt. Er absolviert die High School und nimmt einen Job als Lehrer an, um sich eine College-Ausbildung zu finanzieren. Schon früh hat er erkannt, dass Bildung seine einzige Chance ist, dem Elend seiner Familie zu entfliehen.

1980, zwei Jahre nachdem er seinen Vater zum ersten Mal in Houston besucht hat, kehrt er seiner alten Heimat endgültig den Rücken und beginnt im Land der angeblich so unbegrenzten Möglichkeiten ein Medizinstudium. Und in der Tat bieten ihm die USA Chancen, die er entschlossen nutzt: An der Texas Southern University in Houston schließt er mit magna cum laude ab. Es folgen Stationen in Nashville, Minnesota und Kalifornien, eher er sich mit einer Praxis in Las Vegas niederlässt. Als Arzt genießt er zu dieser Zeit einen guten Ruf. Privat jedoch hat er schon damals massive finanzielle Probleme.

Der Mann mit Vorliebe für schnelle Autos, vor allem für BMWs, hat Schulden. Der Berg an Verbindlichkeiten wächst und wächst. Die "Los Angeles Times" berichtete später, dass gegen ihn und seine in Las Vegas ansässige Firma "Global Cardiovascular Associates" allein 2008 drei Urteile verhängt wurden, die einen Schuldspruch im Wert von 435.000 Dollar nach sich ziehen. Schon 1992 meldet Murray im kalifornischen Riverside Insolvenz an. Fünf Steuerpfändungen werden in den Jahren zwischen 1993 und 2003 gegen ihn persönlich ausgesprochen. Trotzdem lebt Murray auf großem Fuß. Er besitzt Häuser in Nevada, Texas und in Kalifornien, fährt mit dicken Limousinen durch die Gegend. Vor allem seine Geldsorgen dürften den Ausschlag gegeben haben, 2009 als persönlicher Leibarzt Jacksons anzuheuern.

Murray war finanziell von Jackson abhängig

Jackson und Murray sollen sich 2006 in Las Vegas kennengelernt haben, als der "King Of Pop", der sich gerne in der Spielerstadt aufhielt, einen Arzt für seine Kinder braucht. Aus den beiden werden Freunde. Und als Jackson 2009 einen Arzt sucht, der ihn auf seine "This-Is-It"-Tour vorbereiten sollte, fällt seine Wahl auf Murray. Gegen den Willen des Jackson-Clans und des Konzertveranstalters AEG setzt Jackson den Kardiologen als Leibarzt durch. Für diesen ist der Jackson-Auftrag die Rettung aus seinem finanziellen Chaos. 150.000 Dollar Gehalt soll er monatlich bezogen haben.

Doch offenbar reicht auch dieses Geld nicht aus, um seine finanziellen Schwierigkeiten zu lösen. Der Schuldenberg wächst weiter. Murray ist von Michael Jackson finanziell abhängig. Will er nicht, dass sein Gebilde aus Verbindlichkeiten zusammenbricht, muss er seinen Auftraggeber bei Laune halten. Blieb ihm am Ende also gar nichts anderes übrig, als den um Propofol bettelnden Jackson seinen Wunsch zu erfüllen? Diese Frage könnte der Dreh- und Angelpunkt des gesamten Prozesses werden. Die Verteidigung wird alles daran setzen, Jackson als drogenabhängige und herrschsüchtige Person darzustellen. Die Strategie dahinter: Die Jury soll glauben, dass Jackson Murray durch dessen finanzielle Abhängigkeit dazu gezwungen hat, ihm das Narkosemittel zu spritzen. Die tödliche Dosis aber, die soll ein medikamentabhängiger und lebensmüder Jackson sich selbst verabreicht haben.

Murray hat in der Öffentlichkeit bislang geschwiegen. Nur im August 2009 meldete er sich in einem Internetvideo zu Wort. "Ich habe alles getan, was ich konnte", sagte er damals. "Ich habe die Wahrheit gesagt. Und ich vertraue darauf, dass die Wahrheit am Ende siegt." Die zu finden, das wird die Aufgabe der Jury sein. Sie wird am Ende entscheiden, als was Conrad Murray in die Geschichtsbücher eingeht: Als tragische Figur im schleichenden Niedergang von Michael Jackson oder als der Mann, der den größten Popstar aller Zeiten auf dem Gewissen hat.


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