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Rainer Langhans wird 75: "Ich habe mein Leben lang nicht gearbeitet"

Vom polygamen Bürgerschreck zum spirituellen Asketen: Rainer Langhans ist auf dem Weg zu sich selbst. Auch mit 75 bleibt er in seiner Lebensführung radikal - und von "normalen Menschen" unverstanden.

Rainer Langhans wird 75 Jahre alt

Rainer Langhans war sowohl in der Kommune 1 als auch im Dschungelcamp

Sexuelle Revolution, freie Liebe, Kommune 1 – damit ist der Name Rainer Langhans verknüpft. Seine Beziehung zum Fotomodell Uschi Obermaier gehört zur Geschichte dieser Zeit. An diesem Freitag wird der Ex-Kommunarde 75 Jahre alt - und erklärt, wieso er fünf Jahrzehnte nicht richtig verstanden wurde.

"Ich habe die sexuelle Revolution ausgerufen, gelebt, ja. In Wirklichkeit habe ich aber eine sehr viel größere Revolution gezeigt und gelebt - aber niemand verstand das." Es gehe nicht um Sex – der sei sogar ein Hindernis auf dem Weg zum Glück und verhindere Liebe. "Wir erfahren etwas, was viel mehr ist als der jämmerliche Sex." Denn: "Freie Liebe ist von Sex und Körper befreit."

So dusselig wie alle anderen

Treffpunkt München-Schwabing. Langhans, Autor und Grimmepreisträger ("Schneeweißrosenrot"), kommt ganz in Weiß, sein Markenzeichen. Mit einem alten Fahrrad. Die Mähne: weiß. Der Dreitagebart: weiß. Das Styling passt perfekt. Aber Materielles ist ihm nicht wichtig. Es gehe darum, "aus diesen alten, traurigen Körpern mit ihrem Leid" herauszukommen - und um die schwere Erfahrung, doch wieder in diesen Körper hinein zu müssen."

Langhans: "Da versuche ich jetzt etwas zu erklären, was Sie vermutlich nur sehr bedingt verstehen. Und was Sie vor allem anderen nicht erklären können." Frage: "Weil ich auch so dusselig bin wie alle anderen?" Langhans: "Ja natürlich.

Langhans bewegt sich in Gefilden fernab "normaler" Menschen. Er hat sich mit sich auseinandergesetzt, versucht, sich selbst zu überwinden - und Schritte gemacht in Sphären, die viele nie betreten.

"Ich habe mein Leben lang nicht gearbeitet. (...) Mein Körper ist sehr reduziert und um den in dieser reichen Gesellschaft zu erhalten, reichen gelegentliche Jobs", sagt er. "Ich lebe von der Hand in den Mund." Die Meinung der Leute: "Ich bin ein Spinner. Ich tue nichts." Denn: "Ich gehe nach innen. Das ist für sie nichts."

"Ich wollte damit nichts zu tun haben"

In gewisser Weise sei er ein Misanthrop (Menschenhasser), aber im Laufe der Jahre habe er verstanden, dass die Menschen "nicht wirklich grässlich sind, sondern nur in einem Wahn befangen". Nun möge er sie. "So mühsam das war - und ist: Ja, ich bin heute glücklicher denn je."

Langhans wurde als erstes von vier Kindern in Oschersleben bei Magdeburg geboren. "Ich habe schon als kleines Kind diese Welt nicht verstanden. Ich empfand das alles als Lüge und konnte und wollte damit nichts zu tun haben." Er kam ins Internat. Dann Bundeswehr. Später studierte er in Berlin Jura und Psychologie, ohne Abschluss.

Sie diskutierten, feierten, liebten

Im "Argumentclub" und im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) fand er Gleichgesinnte. "Dann plötzlich waren alle so wie ich, und ich war erlöst aus dem Unglück meiner Jugend." Er wurde Mitbegründer der "Kommune 1". Frauen, Männer und Kinder lebten dort zusammen, ließen sich gemeinsam nackt fotografieren. Sie diskutierten, feierten, liebten - ein Gegenentwurf und Bürgerschreck.

Sie wandten sich gegen die Nazi-Generation, den Schah und den Vietnam-Krieg. Ihre frechen, kreativen Aktionen wie das gescheiterte Pudding-Attentat auf US-Vizepräsident Hubert H. Humphrey machten Schlagzeilen. Die Kommune galt als eine Keimzelle der 68er-Revolte.

"Uschi war total eifersüchtig"

Seit Jahrzehnten lebt Langhans in München, erst mit fünf und nun mit vier Frauen in einem Netzwerk. Von den Medien "Harem" genannt, wirkt es eher wie eine Art Klostergemeinschaft. Meditation gehört zum Tagesablauf, etwas Sport, Spaziergänge. Vor allem sucht die Gruppe - gemeinsam und jeder für sich - innere Entwicklung. Es gibt nicht nur geistige Höhen, sondern auch menschliche Abgründe: Eifersucht oder Zickenkrieg. "Frauen können ja nicht miteinander", meint Langhans. Manche Frau verstehe nicht, dass sie ihn nicht besitzen könne. So sei es auch mit Obermaier gewesen. "Uschi war total eifersüchtig."

Frage: "Ist im Harem neben einem Langhans kein anderer Mann möglich?" Antwort: "Das müssen Sie die Frauen fragen." Eine der Frauen habe lange versucht, mit einem Mann zusammen zu sein. Aber er habe den Weg nach innen zunächst nicht mitgehen können. Mit vielen Ex-Kommunarden liegt Langhans im Clinch. Auch sie hätten nicht mitgehen können.

Der Slogan "Das Private ist politisch" gilt für ihn weiter, demnach sei er ein hochpolitischer Mensch. Die Chance auf Weltfrieden sieht er nicht mehr in Kommunen, sondern in Communitys im Internet. "Die Leute sind da drin zum ersten Mal in einem großen Umfang miteinander freundlich. 1,3 Milliarden Freunde, das gab es noch nie in der menschlichen Geschichte." Sein Handy klingelt. Ton: Vogelzwitschern.

DPA
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