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Verhaftung von Nadja Benaissa: "Das ist eine moderne Form der Hexenjagd"

Die Kritik an der Verhaftung von Nadja Benaissa nimmt zu. Die No-Angels-Sängerin werde durch das Vorgehen der Staatsanwaltschaft in fataler Weise vorverurteilt, kritisieren sowohl Medienexperten als auch die Aids-Hilfe. Die hessische Justiz hält trotzdem unbeirrt an der U-Haft fest.

Von Jens Maier

No-Angels-Sängerin Nadja Benaissa bleibt weiter in Untersuchungshaft. Ihm liege bislang weder eine Haftbeschwerde noch ein Haftprüfungsantrag vor, sagte Staatsanwalt Ger Neuber in Darmstadt. Benaissas Verteidiger, Dr. Christian Schertz, hatte gestern angekündigt, gegen die Anordnung der Untersuchungshaft vorgehen zu wollen und die hessische Justiz scharf angegriffen. Inzwischen mehrt sich auch die Kritik aus anderen Reihen.

"Wir sind der Auffassung, dass der Haftbefehl ein Übermaß darstellt", sagt Schertz. Auch die Art und Weise, wie die Staatsanwaltschaft die Verhaftung seiner Mandantin an die Öffentlichkeit getragen habe, kritisiert er. "Die Persönlichkeitsrechte von Frau Benaissa wurden verletzt." Im Gespräch mit stern.de sagte Schertz, dass er vor der Pressemitteilung versucht habe, den Staatsanwalt in einem Telefonat mit Hinweis auf das geltende Recht von der Mitteilung abzubringen.

Die Deutsche Aids-Hilfe (DAH) sieht in der Verhaftung und dem HIV-Outing der No-Angels-Sängerin Nadja Benaissa "eine moderne Form der Hexenjagd". "Wir wollen die Sängerin nicht reinwaschen, wenden uns aber gegen den medialen Beißreflex", sagt der DAH-Sprecher Jörg Litwinschuh. "Der Fall passt natürlich fantastisch in die Boulevard- und Mediengesellschaft, weil es um eine berühmte Frau, Sexualität und eventuelle Schuld geht." Dennoch dürfe es keine Vorverurteilung geben. Es sei wahrscheinlich das erste Mal überhaupt, dass eine sehr prominente Frau "geoutet" wird, was ihre HIV-Infektion angeht.

"Ich hoffe, dass das nicht Ausdruck einer neuen restriktiveren politischen Haltung gegenüber dem Thema HIV und Aids ist", sagt Litwinschuh. Bisher sei Deutschland mit einem liberalen Kurs in der HIV-Prävention sehr gut gefahren, habe trotz steigender Zahlen weltweit eine der niedrigsten Quoten bei Neuinfektionen. Wenn nun die Verantwortung für den angeblich ungeschützten Sexualverkehr nur einer der beteiligten Personen zugeschoben werde, sei das nicht gut.

Massive Kritik übt auch PR-Berater Frank Wilmes, der beschuldigte und angeklagte Prominente berät. Die Öffentlichkeitsarbeit "habe einen fatalen Vorverurteilungscharakter", sagt Wilmes. Die Beschuldigte sei ohne Rücksicht auf die sozialen, beruflichen und finanziellen Folgen bloßgestellt worden. Der Staatsanwalt müsse aber so ermitteln, "dass die Persönlichkeitsrechte der Beschuldigten gewahrt und die Unbefangenheit von Richtern, Zeugen und Sachverständigen nicht verletzt wird", erklärt Wilmes.

Die bayerische Jugendministerin Christine Haderthauer hat die Verhaftung der No-Angels-Sängerin Nadja hingegen als gerechtfertigt bezeichnet. "Es ist eine ganz klare vorsätzliche Körperverletzung, wenn man selber mit Aids infiziert ist und ungeschützt Geschlechtsverkehr hat", sagte die CSU-Politikerin am Mittwoch dem Radiosender Antenne Bayern.

Nadja Benaissa soll einen Mann bei ungeschütztem Sex mit HIV angesteckt haben, obwohl sie von ihrer Infektion wusste. Die Staatsanwaltschaft habe nicht die Haftgründe dringender Tatverdacht und Wiederholungsgefahr ignorieren können, rechtfertigte Neuber das Vorgehen gegen die 26-Jährige.

mit DPA/AP / AP