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Nadja Benaissa im Interview: "Die Zeit mit den No Angels war ein Albtraum"

Über das Leben und Leiden von Nadja Benaissa ist in den vergangenen Monaten viel geschrieben worden. Im Interview mit dem stern erzählt die 28-Jährige, wie sie mit ihrer Schuld umgeht, warum sie ins Drogenmilieu abrutschte und die Zeit bei den No Angels die Hölle war.

HIV-positiv, alleinerziehend, vorbestraft. Seit Nadja Benaissa im April 2009 verhaftet wurde, kennt ganz Deutschland die 28-Jährige nicht nur als Mitglied der Mädchenband No Angels. Benaissa ist eine Angeklagte, eine Verurteilte, eine Straftäterin. Ende August erhielt sie zwei Jahren Haft auf Bewährung, weil sie trotz Aidserkrankung ungeschützten Sex hatte und einen Mann mit dem Virus infizierte. Wie es dazu kommen konnte, dass die frühere Gymnasiastin, aufgewachsen in einer hessischen Kleinstadt, in das Drogenmilieu von Frankfurt am Main abrutschte, erzählt Benaissa in ihrer Biografie "Alles wird gut", die gerade erschienen ist - und im Interview mit dem stern.

"Ich hatte eine intakte Familie. Ich kam aber früh in die Pubertät, und damit war mein Vater überfordert", sagt Benaissa. Ihr Vater Mohammed stammt aus Marokko und war "sehr, sehr streng", so Benaissa. "Bei uns wurde, wenn ein Kuss im Fernsehen kam, umgeschaltet, weil, das ist ganz peinlich." Benaissa rebellierte, zerschnitt ihre Jeans, hörte Punkmusik. Später stahl sie sie sich heimlich aus dem Haus, fand die falschen Freunden, die "Kontakt zu Dealern" hatten und rauchte schließlich ihre erste Crackpfeife. Benaissa war damals 15 Jahre alt. Statt in die Schule zu gehen, trieb sie sich im Drogenmilieu von Frankfurt am Main herum, liebte einen Mann, der mehr als doppelt so alt war wie sie.

Benaissas Absturz ist in den vergangenen Monaten vielfach skizziert worden. Mit 14 wurde sie drogensüchtig, mit 16 schwanger, kurz darauf erfuhr sie von ihrer HIV-Infektion. Bei wem sie sich angesteckt hat, will sie nicht verraten. "Ich kann es mir denken", sagt Benaissa im stern. Sie habe nie daran gedacht, den Mann anzuzeigen. Stattdessen wollte sie die Krankheit als "Chance" begreifen. "Du musst dein Leben ändern, sonst bist du in ein paar Monaten wirklich tot." Benaissas Chance war die Castingshow "Popstars". Dort wurde eine Mädchenband gesucht, die deutsche Antwort auf die Spice Girls. Dass Benaissa am Ende zu den fünf Gewinnerinnen zählte, überraschte sie selbst. "Ich wollte nur eine professionelle Kritik hören", sagt sie.

Stattdessen unterschrieb sie einen Vertrag, der ihr Leben für die kommenden Jahre regelte. "Training, Auftritte, Interviews, Drehtermine, Konzerte, keine Zeit zum Essen, keine Zeit für gar nichts, selbst die Toilettenpausen waren vorgeschrieben." Ihre Tochter Leila, heute elf Jahre alt, verbrachte die meiste Zeit bei der Familie des Produzenten. "Ich habe jeden Tag gehofft, dass ich rausgeschmissen werde. Aber das passierte nicht." Der Rauswurf kam erst vor ihrem Gerichtsprozess. Rückblickend sei die Zeit bei den No Angels "ein Albtraum" gewesen.

jum