HOME

Was macht eigentlich ...: ... Henry Thomas?

Mit elf Jahren rührte der amerikanische Schauspieler Millionen Kinobesucher zu Tränen - als "Elliot", der mit seinem außerirdischen Freund E.T. auf dem BMX-Rad über die Straße strampelt.

Mr. Thomas, hassen Sie E.T.?

Warum sollte ich eine Puppe hassen? Nein, heute genieße ich es, dass man sich noch an mich erinnert. Auch wenn viele meinen Namen nicht kennen.

Es gab durchaus Zeiten, da wünschten Sie sich, Ihr kleiner außerirdischer Freund wäre nie auf der Erde gelandet.

Als Kind hatte ich enorme Probleme, mit dem Erfolg und seinen Folgen klarzukommen. Als der Film ins Kino kam, ging ich ja schon wieder zur Schule. Das war verdammt hart. Auf dem Schulhof wurde ich blöd angemacht oder verdroschen, Tag für Tag. Und ich bekam Post von Pädophilen. Darauf war ich nicht vorbereitet.

Sie hatten doch bereits vor "E.T." in einem Film mitgespielt ...

... in dem Melodrama "Raggedy Man" mit Sissy Spacek und Sam Shepard. Aber das kann man nicht vergleichen. "E.T." hielt sich ewig in den Kinos, kam dann auf Video raus, lief im Fernsehen - der Film war ständig präsent. Das Studio machte unendlich viel Geld. Da wurde mir erst klar, dass Film ein Geschäft ist. Für mich war es ja ein großer Spaß. Ein Hobby. Naiv, wie ich war, hatte ich bis dahin gedacht, für die Erwachsenen am Set sei das auch nur ein Freizeitvergnügen.

Drew Barrymore, die kleine Gertie aus "E.T.", verkraftete ihren frühen Ruhm weit schlechter als Sie. Mit neun Jahren betrank sie sich, mit zehn rauchte sie ihren ersten Joint, schließlich versuchte sie, sich umzubringen.

Drew war ein Star. Sie war immer in den Medien. Ihre Mutter wollte das, sie selbst wollte das auch. Mir war es nie wichtig, berühmt zu sein, ich gehörte auch nicht zur Hollywoodszene. Ich bin am Ende der Welt aufgewachsen, in einem texanischen Städtchen mit zwei-, dreitausend Einwohnern, vielen Kühen und Pferden.

Haben Sie noch Kontakt zu Drew?

Nein. Auch zu den anderen Darstellern kaum. Bei Jubiläen sehen wir uns, aber wir hängen jetzt nicht ständig miteinander rum, nur weil wir vor 25 Jahren in "E.T." mitgespielt haben. Für uns ist das weniger wichtig als für den Rest der Welt.

Und zu Steven Spielberg?

Nach "Gangs of New York", wo ich Leonardo DiCaprios Kumpel spielte, schrieb er mir ein paar nette Zeilen. Da habe ich gestaunt. Dass Steven Zeit findet, sich mit meiner Arbeit auseinanderzusetzen - der hat doch so viel um die Ohren!

Wollten Sie nie etwas anderes werden als Schauspieler?

Als Kind habe ich darüber nicht nachgedacht. Erst in den vergangenen Jahren wurde mir bewusst, dass ich nie eine Ausbildung abgeschlossen habe - und so für nichts anderes qualifiziert wäre. Tja, dann bleibe ich eben im Filmgeschäft; auch wenn ich kein Superstar bin. Es war einfach so, dass ich in jedem Film neben jemand Berühmterem spielte. In "Gangs of New York" war das Leo, in "All die schönen Pferde" Matt Damon.

Woran arbeiten Sie zurzeit?

Ich habe einige kleine Filme gedreht, auch fürs Fernsehen. Jetzt bin ich viel zu Hause, lese Drehbücher, warte auf Angebote.

Ihre Tochter Hazel ist jetzt zwei. Werden Sie mit ihr irgendwann "E.T." anschauen?

Wenn sie fünf, sechs Jahre alt ist, bestimmt. Sie weiß ja, dass Mama und Papa Schauspieler sind. In meinem Haus hängen Kinoplakate von mir als Kind. Wenn Hazel hier ist, zeigt sie darauf und ruft: "Papa, Papa!"

Sollte ein Produzent Hazel eine Rolle in einem Film anbieten ...

... dann würde ich ihr nicht verbieten, das Angebot anzunehmen. Aber ich würde ihr raten: Genieß dein Leben, Hazel, solange du jung bist - arbeiten kannst du immer noch.

Interview: Alexander Kühn / print