Was macht eigentlich ... ... Joachim Gauck?


Zehn Jahre lang war der Pfarrer und Mitbegründer des Neuen Forums "Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes" - kurz der Gauck-Behörde.

Ein Jahrzehnt trug die Stasi-Akten- Behörde in der Öffentlichkeit Ihren Namen. 2000 war Schluss. War es schmerzhaft, plötzlich nicht mehr so gefragt zu sein?

Das Interesse ging schon zurück, aber ich hatte nicht das Gefühl, plötzlich draußen zu sein. Nur: Ich habe kein politisches Amt angeboten bekommen. Als Parteiloser war ich möglicherweise für die verschiedenen Lager nicht so verwendbar.

Moment. Der damalige Innenminister Schily wollte Sie zum Chef der Bundeszentrale für politische Bildung machen. Warum wollten Sie nicht?

Dort waren Strukturveränderungen erforderlich, und ich war der Ansicht, das müsste jemand mit politischer Hausmacht anfassen. Vielleicht habe ich gedacht, dass mir doch noch etwas in der ausübenden Politik angeboten wird. Von heute aus gesehen, hätte ich es machen können.

Doch es kam das Fernsehen. 2001 versuchten Sie sich als TV-Talker - und wirkten unglücklich. Lampenfieber?

Nein, Rollenunsicherheit. Ich musste neu lernen, war plötzlich Lehrling. Dazu kam, dass es eine Gesprächssendung sein sollte - zwei nicht ganz Dumme sollten sich unterhalten. Wie ein langes Stück in der "Zeit".

Und man ahnt das Quotenproblem.

So kam es. Dann leiden Medienleute. Das wollte ich nicht. Ich hatte einen Vertrag für 20 Sendungen. Die habe ich gemacht und rechtzeitig bekannt gegeben, dass ich mich dann verabschiede.

Sie blieben weiter politischer Aufklärer.

Vor allem im Verein "Gegen Vergessen - Für Demokratie". Seit 2003 bin ich Vorsitzender - ein Ehrenamt. Wir haben regionale Arbeitsgruppen und machen Veranstaltungen vorrangig über die Folgen von Diktatur.

Sie halten Vorträge in Ost und West. Beobachten Sie dabei unterschiedliche Reaktionen im Publikum?

Ja. Bei Wessis gibt es oft eine Betroffenheit, wenn sie zum ersten Mal intensiver hören, wie alltäglicher Anpassungsdruck in der Diktatur funktioniert. Viele Ossis haben die Neigung, mehr an die angenehmen Seiten zu denken, an Erinnerungen, die nicht wehtun. Aber was ich erzähle, tut weh. Das Fehlen von Freiheit, das Verlieren von Selbstachtung. Das geht tiefer. Dann kommt Wut hoch, Scham oder Trauer.

Wie gelungen ist die bisherige Entschleierung des Mysteriums für Staatssicherheit?

Wir wissen heute sehr viel über die Wirkungsweise der Stasi, ihre Unrechtmäßigkeit. Aber ich habe früh davor gewarnt, die Aufarbeitung der DDR-Geschichte auf das Thema Stasi zu reduzieren. Das hat nun dazu geführt, dass die Kommandogeber, die Parteibonzen, vergleichsweise komfortabel durchgekommen sind. Die müssten uns doch jeden Tag dankbar dafür sein, wie sanft sie gelandet sind.

Und was ist mit dem Fall Gregor Gysi?

Das ist die zweite Aufführung eines bekannten Stücks. Erfreulich ist das nicht.

Sie sind ein Kind der Ostsee. Bis zur Wende haben Sie Rostock kaum verlassen - Schule, Studium, Kirchendienst. Wie sehr empfinden Sie sich noch als Ostdeutscher?

Ich kann mein Leben in der DDR nicht einfach verwerfen. Ich war in Rostock Pastor - und nicht in Lübeck. Das macht einen Unterschied.

Finden Sie Zeit zur Muße?

Ich lese viel, meist historische Stoffe, Biografien. Und ich höre gern Musik, klassische. Gelegentlich fällt mich Rührung an bei bestimmten Ost-Bands. Wir hörten "Über sieben Brücken musst du gehn", und wir wussten, es geht um die Sehnsucht nach einem anderen Leben. Überhaupt diese Sehnsucht damals ...

Interview: Dieter Krause print

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