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Was macht eigentlich ... Jamie Shea


Der promovierte Historiker kam im Frühjahr 1999 zu trauriger Berühmtheit: Der Brite musste als Sprecher der Nato täglich die Strategien ihrer Streitkräfte im Kosovokrieg erläutern

Der promovierte Historiker kam im Frühjahr 1999 zu trauriger Berühmtheit: Der Brite musste als Sprecher der Nato täglich die Strategien ihrer Streitkräfte im Kosovokrieg erläutern. Jamie Shea, 46, lebt mit Frau und zwei Kindern in Brüssel. Die 78 Tage des Kosovokriegs war er die Stimme der Nato

stern: Als Nato-Sprecher im Kosovokrieg haben Sie den Begriff des »Kollateralschadens« geprägt. Gemeint waren zivile Opfer von Nato-Bomben. Der Ausdruck wurde jetzt in Deutschland zum »Unwort des Jahres« gewählt. Verstehen Sie die Empörung?

Shea: Ich bedauere sehr, dass ich diesen Ausdruck benutzt habe. Es ist ein schlimmes Wort. Im Nachhinein sage ich: Ich hätte es auch zum Unwort gewählt. Das war ein militärischer Ausdruck, den ich übernommen habe.

stern: Wie oft haben Sie während der 78 Tage des Kosovokrieges gelogen?

Shea: Gelogen haben wir nicht - wir haben nicht wissentlich die Unwahrheit gesagt. Wir haben Fehler gemacht. Und wir haben versucht, daraus zu lernen.

stern:War es nur ein Fehler, als die Nato abstritt, einen Zivilkonvoi bombardiert zu haben, obwohl sie es getan hatte?

Shea: Ein echter Fehler. Es gab mehrere Angriffe am selben Tag - und wir hatten etwas verwechselt. Immerhin waren wir weit besser als Winston Churchill. Er gab im Zweiten Weltkrieg eine Pressekonferenz pro Monat. Wir hatten tägliche Briefings. Das erhöht das Fehlerrisiko. Aber die übergroße Masse unserer Informationen war korrekt. Ich bin mir sicher: Verglichen mit früheren Konflikten haben wir einen neuen Maßstab für Transparenz und Offenheit gegenüber den Medien gesetzt.

stern: Sie waren der TV-Star der Nato und wurden weltweit berühmt. War es schwer, zur Normalität zurückzukehren?

Shea: Ich bin ja nicht absichtlich, sondern zufällig berühmt geworden. Das lässt sich genauso wenig konservieren wie die Farbe aus dem Sommerurlaub. Neulich hat mich in einem New Yorker Deli-Shop ein Mann angesprochen. Er sagte: Ich kenne Sie. Sie sind doch der Typ, dem ich letzte Woche diesen Gebrauchtwagen verkauft habe. Vor sechs Monaten hätte er gesagt: Sie sind doch Jamie Shea.

stern: Sie sollen während des Kosovokrieges viel Fanpost von Frauen bekommen haben - sogar Wohnungsschlüssel.

Shea: Absolut richtig. Und neun von zehn Briefen kam von deutschen Ladies. Seitdem weiß ich: Wenn ich mich je scheiden ließe, müsste ich nach Deutschland gehen.

stern: Britische Zeitungen haben Ihnen Ihren Cockney-Akzent und Grammatikfehler vorgeworfen. Hat Sie das getroffen?

Shea: Also, bitte! Ich habe einen Doktor in Geschichte von der Universität Oxford. Ich kann korrektes Englisch - sonst wäre ich nicht Nato-Sprecher. Aber wenn man 16 Stunden am Tag arbeitet, kommt der Akzent am Ende stärker raus - aus Müdigkeit.

stern: Sie dienen der Nato seit über sechs Jahren als Sprecher. Gab es nie interessante Angebote großer Firmen?

Shea: Ich werde sicher nicht mein Leben lang bei der Nato bleiben - obwohl mich dieser Job immer noch fasziniert. Ja, es gab verlockende Angebote. Aber man sollte bei solchen Fragen immer extrem diskret sein - ehe etwas passiert.

stern: Halten Sie immer noch Vorlesungen an den Unis von Brüssel und Washington?

Shea: Ja, obwohl ich feststellen muss, dass die Studenten oft weniger an meiner akademischen Brillanz als an meinen Geschichten aus dem richtigen Leben interessiert sind. Eine ehemalige Studentin ist jetzt übrigens Producerin von ABC News in New York. Die rufe ich an, wenn ich den Nato-Generalsekretär in den USA ins Fernsehen bringen will.

stern: Ist es richtig, dass Sie nie eine Uniform getragen haben? Auch nie eine Waffe?

Shea: In Großbritannien gibt es eben seit 1958 keine Wehrpflicht mehr. Ich habe Tausende von Büchern über Kriege und Schlachten gelesen, habe aber nie in einem Panzer gesessen. Man hat mir nach dem Kosovo-Einsatz angeboten, in einem Militärjet mitzufliegen. Das habe ich nie angenommen. Würde ich in so einer Maschine sitzen, bekäme ich wahrscheinlich eine Herzattacke.

Hans-Martin Tillack

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