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Was macht eigentlich...: Detlev Albers

"Unter den Talaren - Muff von 1000 Jahren": Im November 1967 enthüllte er an der Hamburger Uni das berühmteste Transparent der Studentenbewegung

"Unter den Talaren - Muff von 1000 Jahren": Im November 1967 enthüllte er an der Hamburger Uni das berühmteste Transparent der Studentenbewegung

Zur Person:

Der heute 59-Jährige war zur Zeit der Transparent-Aktion Jurastudent im achten Semester. Nach seinem Examen 1969 assistierte er drei Jahre Carl Friedrich von Weizsäcker, er promovierte 1974 in Berlin als Politikwissenschaftler und ist seit 1979 an der Uni Bremen Professor für Politik mit Schwerpunkt Europäische Integration. In die SPD war Albers 1966 eingetreten, deren Bundesvorstand gehört er seit 1999 an. Den Bremer Landesvorsitz übernahm er 1995

Können Sie eigentlich noch in den Spiegel schauen?

Danke der Nachfrage, wieso sollte ich nicht?

Der Weg von der Speerspitze der 68er-Studentenbewegung hin zum gut dotierten Lehrstuhl und in die Führungskader der SPD setzt doch sicher einige Geschmeidigkeit voraus…

Das sieht nur im Ergebnis so aus. Immerhin wollte man mich wegen marxistischer Umtriebe schon zweimal aus der Partei schmeißen! Ich bin mir ziemlich treu geblieben.

Haben Sie 1967 eine leise Vorstellung gehabt, was Ihre Aktion auslösen würde?

Überhaupt nicht. Uns war vorher hauptsächlich mulmig zumute. Erst als plötzlich der Saal explodierte und ein Professor schrie "Ihr gehört ins KZ!", wurde mir langsam klar, was wir angestoßen hatten. Später wurde dann immer wieder versucht, mich von Lehrveranstaltungen auszuschließen.

Auf dem Foto sehen Sie eher wie ein adretter Chorknabe denn wie ein Revoluzzer aus.

Das macht der Anzug. Der war noch vom Abitur. Und außerdem war ich auch kein Krawallmacher. Ich wollte Pianist werden.

Warum ist nichts daraus geworden?

Maos Satz - "Wer Beethoven spielt, ist reaktionär" - hat bei mir dazu geführt, dass ich jahrelang kein Klavier mehr angefasst habe. Unfassbar, welchen Schwachsinn wir damals geglaubt haben! Gott sei Dank war ich ja nicht der Einzige?

Immerhin haben Sie und Ihre Mitstreiter dazu beigetragen, die Universitäten zu öffnen und Verkrustungen zu sprengen.

Es stimmt schon, die 68er waren nicht erfolglos. Aber wenn ich sehe, was heute an den Universitäten los ist, dann frage ich mich, ob eine zweite Studentenrevolte nicht doch ganz gut täte. Von wirklicher Mitbestimmung der Studentenschaft ist in der Realität heute kaum noch die Rede! Stattdessen werden unsinnige Studiengebühren diskutiert und das amerikanische Universitätssystem verklärt. Es wäre wieder Zeit für neue Proteste.

Wie gehen Ihre Studenten mit einem Professor um, der selbst in der Studentenbewegung ganz vorn dabei war?

Für die einen sind die 68er Gruftis, und die anderen kennen uns nicht mehr. Ich glaube aber, dass ich mit meiner Idee der kritischen Wissenschaft von damals auch heute die jungen Leute erreichen kann.

Oder sind Ihre Studenten heute einfach nur zu lahm?

Das kann man so pauschal nicht sagen. Es gibt doch massenhaft Studenten, die jetzt zu Mahnwachen und Friedensmärschen gegen den Irak-Krieg gegangen sind. Oder die bei "Attac" mitmachen. Ich würde mir nur wünschen, dass sich mehr junge Leute in unseren Parteien gegen Verkrustungen stemmen und uns lang gedienten Funktionären Dampf machen.

Genügt Ihnen die Rebellion Ihrer Partei gegen die Agenda 2010 nicht für den Augenblick? Am 25. Mai haben Sie Wahlen in Bremen. Die große Klatsche für die SPD ist doch wohl absehbar.

Nein, nein. Da bin ich viel optimistischer. Es gibt keine Rebellion, sondern Widerstände gegen einzelne Vorhaben des Bundeskanzlers. Aber die muss er sehr ernst nehmen.

Sonst kommt Oskar Lafontaine zum Parteitag, provoziert einen Skandal und rettet die Linke?

Sicher nicht! Durch die Geschichte mit dem Transparent damals habe ich eines gelernt: Man erregt nur dann wirklich Aufsehen, wenn man sich auf die Inhalte konzentriert. Das Ziel ist die produktive Provokation. Nicht die Selbstdarstellung. Und deshalb kann Oskar bleiben, wo er ist; auch wenn wir einen Kopf wie ihn dringend bräuchten.

Interview: Christoph Wirtz