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Was macht eigentlich...: Lee Seong-hee

Die Nordkoreanerin wurde im Frühling 2002 brutal von der Polizei daran gehindert, mit ihrer Tochter ins japanische Konsulat der chinesischen Stadt Shenyang zu flüchten

Zur Person

Die Nordkoreanerin wurde im Frühling 2002 brutal von der Polizei daran gehindert, mit ihrer Tochter ins japanische Konsulat der chinesischen Stadt Shenyang zu flüchten.
Die Familie lebt heute in einer kleinen Stadt in Südkorea. Während Lee derzeit noch arbeitslos ist, absolviert Kim auf Staatskosten eine Ausbildung als Computerfachmann. Außer den beiden gelang damals noch fünf anderen Familienmitgliedern die Flucht, unter ihnen die Eltern von Lee, die nun in Seoul wohnen. Nach wie vor verstecken sich bis zu 200 000 Nordkoreaner in China. Für das Frühjahr prognostizieren die Vereinten Nationen eine erneute Hungersnot in Nordkorea. Kleines Foto: Lee Seong-hee wird am 8. Mai 2002 vor den Augen ihrer Tochter von chinesischen Polizisten daran gehindert, auf das Gelände des japanischen Konsulats zu gelangen.

Das Interview mit Lee Seong-hee führte Matthias Schepp

Frau Lee, wie geht?s Ihrer Tochter?

Gut. Wir haben eine Einzimmerwohnung in Sunchon, 300 Kilometer südlich der Hauptstadt Seoul. Han-mi hat zum ersten Mal in ihrem Leben Spielzeug. Ihr Lieblingsstofftier, ein Hase, heißt Cleo. Sie ist eine normale Vierjährige. Aber wenn sie die Fotos aus Shenyang sieht, drischt sie mit ihren Händen auf die Polizisten und jammert: Männer schlagen Mama!

Quält auch Sie die Erinnerung noch?

Ich spüre noch immer die Hände der Polizisten auf meinem Körper. Die Japaner halfen nicht, obwohl wir auf Konsulatsgelände waren und Asyl beantragen wollten. Ich kämpfte um mein Leben und krallte mich am Eisenzaun des Konsulates fest. Fünf Männer waren nötig, um mich loszureißen. Ich war sicher, dass man mich in Nordkorea erschießen würde. Denn das war schon unser zweiter Fluchtversuch.

Wann flüchteten Sie zum ersten Mal?

Im Sommer 1999. Über den Tumen-Fluss an der Grenze zwischen Nordkorea und China. Ich war mit meiner Tochter im vierten Monat schwanger.

Warum wollten Sie Ihre Heimat verlassen?

Der Hunger in unserem Dorf wurde immer schlimmer. Die Kinder waren zu schwach, um zur Schule zu gehen, einige Bauern starben an Entkräftung. Wir aßen Weizenbrei, Reis, manchmal auch Gräser.

Sie lebten lange im chinesischen Untergrund. Wie war das?

Wir hatten ständig Angst, entdeckt zu werden, weil wir ja kein Chinesisch sprechen. Mein Mann verdingte sich bei Bauern für umgerechnet einen Euro pro Tag. Viele Flüchtlingsfrauen verkauften sich als Prostituierte. Ich nicht, aber ich habe daran gedacht, denn wir brauchten Geld für die Geburt meiner Tochter. Ein Südkoreaner half uns. Aber im März 2001 nahmen uns chinesische Geheimpolizisten fest. Ein Nachbar hatte uns verraten.

Wie wurden Sie dann behandelt?

Im chinesischen Gefängnis bekamen wir genug zu essen, sogar Schweinefleisch. Und Zigaretten. Dort lebten die Gefangenen besser als die meisten Menschen in Nordkorea. Dann lieferten uns die Chinesen nach Nordkorea aus, wo ich nach einem Monat und jeder Menge Schläge freikam. 30 Gefangene waren auf 15 Quadratmetern eingepfercht. Wir mussten uns beim Schlafen abwechseln, weil kein Platz zum Hinlegen war. In der Ecke gab es ein Klo, das fürchterlich stank. Alle hatten Läuse und froren erbärmlich.

Was geschah mit Ihrem Mann?

Er musste in ein anderes Lager und magerte auf 40 Kilo ab. Dann entkam er.

Wie gelang Ihnen die zweite Flucht?

Wir bestachen nordkoreanische Grenzsoldaten. Mein Mann wollte unbedingt raus. Er sagte: Ich will noch einmal Fleisch essen. Wenn ich dann sterbe, ist es egal.

Was geschah nach Ihrer Festnahme?

Wir waren einige Tage im Gefängnis und wurden dann, dank der internationalen Aufmerksamkeit, über die Philippinen nach Seoul abgeschoben.

Wie gefällt Ihnen das Leben in Südkorea?

Wir haben immer noch Angst vor nordkoreanischen Agenten. Wir haben gehört, dass sie einen Überläufer getötet haben. Eigentlich wollte ich niemandem ein Interview geben.

Warum sprechen Sie trotzdem mit uns?

Die Welt darf die nordkoreanischen Flüchtlinge nicht vergessen. Die Regierungen sollen Druck auf China ausüben, damit wir dort als Flüchtlinge behandelt werden und nicht zurückgeschickt werden. Und ich hoffe, dass Nord- und Südkorea irgendwann auf friedlichem Weg vereinigt werden - so wie Deutschland.

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