was-macht-eigentlich Jacques Santer


Der Präsident der EU-Kommission musste im Frühjahr nach vierjähriger Amtszeit wegen des Vorwurfs der Vetternwirtschaft und des Missmanagements in der Brüsseler Behörde zurücktreten

Der Präsident der EU-Kommission musste im Frühjahr nach vierjähriger Amtszeit wegen des Vorwurfs der Vetternwirtschaft und des Missmanagements in der Brüsseler Behörde zurücktreten STERN: Herr Santer, bis vor wenigen Wochen waren Sie der mächtige Präsident der EU-Kommission. Jetzt sind Sie einfacher Europaabgeordneter. Kein tiefer Sturz?

SANTER: Ich fühle mich als Abgeordneter sehr wohl. Die Bürger haben mich gewählt und mir damit auch eine neue Legitimität gegeben.

STERN: Stimmt es, dass Ihre Frau Ihnen von der Kandidatur abgeraten hat?

SANTER: Sie hat mir abgeraten, Abgeordneter zu werden, weil sie nach 32 Jahren Ehe mehr Zeit für unser Familienleben wollte. Da musste ich ihr leider einen Strich durch die Rechnung machen.

STERN: Worauf wollen Sie sich im Parlament konzentrieren?

SANTER: Ich habe mich für den Auswärtigen Ausschuss gemeldet - aber nur als einfaches Mitglied.

STERN: In einem Brief an die EU-Regierungschefs haben Sie den Wirrwarr in der EU-Balkanpolitik beklagt.

SANTER: Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht verzetteln. Da gibt es den UN-Verwalter des Kosovo, außerdem die EU-Wiederaufbauagentur - und es gibt Bodo Hombach als Koordinator für den Stabilitätspakt. Und dann arbeiten noch weitere Spezialgesandte, für Bosnien zum Beispiel. Alle haben eigenes Personal, eine eigene Verwaltung. Ich finde, Bodo Hombach sollte das koordinieren - aber besser von Thessaloniki aus als von Brüssel. Mein Nachfolger Romano Prodi ist der gleichen Meinung.

STERN: Packt Prodi die Reform der Kommission richtig an?

SANTER: In seiner Kommission ist Neil Kinnock für die Reformen zuständig. Er war schon in meiner Zeit Kommissar und kennt die Probleme.

STERN: Kinnock sagt, zu Ihrer Zeit habe man nicht entschieden genug reformiert.

SANTER: Wir sind in der Tat auf Schwierigkeiten gestoßen - es gab sogar einen Streik in der Kommission, weil sich die Beamten nicht einbezogen fühlten. Prodi wird mit den Gewerkschaften kooperieren müssen.

STERN: Als Präsident konnten Sie belastete Kommissare nicht entlassen. Hat es Prodi nun leichter?

SANTER: Prodis Lösung ist gut: Wenn das Parlament einem Kommissar das Misstrauen ausspricht, muss der Präsident dessen Entlassung oder Versetzung erwägen. Ich hätte mir diese Möglichkeit auch gewünscht...

STERN: Hätten Sie gerne die französische Kommissarin Edith Cresson entlassen, die einen Freund mit einem Job versorgte, obwohl er nicht qualifiziert war?

SANTER: Ein Rücktritt von Edith Cresson vor einem Jahr im September hätte die Sache natürlich entschärft.

STERN: Haben Sie versucht, ihr das klarzumachen?

SANTER: Sie hat Verfehlungen immer bestritten. Sie hat öffentlich erklärt, sie habe nichts getan, was in Frankreich nicht üblich sei. Ich möchte das nicht kommentieren.

STERN: Am 10. Oktober kandidieren Sie für den Gemeinderat der Stadt Luxemburg. Wollen Sie sich wirklich noch mal mit Zebrastreifen und Kindergärten abgeben?

SANTER: Ich war immer bürgernah. Und Luxemburg ist eine europäische Hauptstadt. Das Amt des Bürgermeisters ließe sich mit dem des Parlamentariers kombinieren.

STERN: Wie stehen die Chancen, dass Sie gewählt werden?

SANTER: Leicht wird es nicht. Die Stadt hatte noch nie einen christdemokratischen Bürgermeister. Das ist einer der Gründe, warum meine Partei auf mich als Kandidaten zählt.

Mit Jacques Santer sprach STERN-Redakteur Hans-Martin Tillack.


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