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TV-Seelentröster: Was macht eigentlich Jürgen Fliege?

Der evangelische Pfarrer Jürgen Fliege wurde Mitte der 90er Jahre durch seine Talkshow zum TV-Seelentröster. Im stern erzählt er, wie es ihm heute geht.

Mit "Fliege" wurden Sie zu einem der bekanntesten Nachmittags-Talker. Mittlerweile ist es still um Sie geworden. Hätten Sie Lust auf eine mediale Wiederauferstehung?

Nein. Es ist ganz schön in der Stille. Manchmal wünscht man sich als alter Mensch, dass man das, was man erfahren hat, weitergeben kann. Ein paar Seminare mit Medienleuten oder Theologen würde ich noch machen.Aber mit Hallo! und Glitter von oben eine Treppe runterzukommen ist nicht meine Welt.

Als Pfarrer im Ruhestand: Worin finden Sie heute Ihre Erfüllung?.

Beim Sex und beim Salatpflanzen! Da bin ich glücklich, denn da wird Schöpfung produziert. Ich gärtnere unheimlich gerne. Mehrmals im Jahr fahre ich nach La Palma, allerdings nicht wegen der Sonne, sondern um meine Kartoffeln, Avocados und Bananen zu ernten. Das könnte ich auch hier, aber La Palma ist eine Bauerninsel. Dort gibt es noch inneren Frieden. Natürlich ist das ökologischer Wahnsinn, aber gleichzeitig für mich auch so etwas wie eine spirituelle Hochzeit. Anzupflanzen und zu ernten – das ist wie ein Schöpfungsakt.

Früher waren Sie so etwas wie eine moralische Instanz. Durch zahlreiche Skandale haben Sie Ihre Reputation verloren. Hat Sie das sehr verändert?

Die Skandale gingen von mir aus, deshalb muss ich sie mir auch zurechnen. Ich schiebe sie keinem anderen in die Schuhe. Vorlaut wie ich schon in der Grundschule war, konnte ich mir manches nicht verkneifen. Da bekommt man eben einen Shitstorm

Massive Kritik fingen Sie sich ein, als Sie 2011 die "Fliege-Essenz" verkauften, ein von Ihnen durch Beten und Handauflegen gesegnetes Wasser, angeblich mit heilenden Kräften. Haben Sie das bereut?

 Ja, schon am nächsten Tag! Die Idee war richtig, aber die Ausführung scheiße. Ich wollte die Leute erreichen, die im Wartezimmer bei ihrem Onkel Doktor saßen. Wenn man diesen Menschen eine Medizin verschreiben könnte, die ihnen helfen würde, zuversichtlich zu sein, wäre das hilfreich.

Ihnen wurde vorgeworfen, sich am Leid der Leute bereichern zu wollen.

Verdient habe ich daran nichts und wollte es auch nicht. Das macht aber nichts, dass mir das in die Schuhe geschoben wurde. Das ist der Preis für Mut und Leichtsinn.

Die evangelische Kirche leitete ein Disziplinarverfahren gegen Sie ein, weil der Verdacht bestand, Sie hätten Ihre Amtspflichten verletzt. Wie ging es aus?

Da ist nichts daraus geworden! Es wurde sich darauf geeinigt, dass es sich um ein großes Missverständnis handelte. Das Verfahren wurde nach zwei Jahren beigelegt. In der Zeit war der Ruf sowieso ruiniert.

Das muss einen Menschen hart treffen. Wie war das für Sie?

Schwierig. Es war ein Schlag in den Nacken. Ich habe Monate gebraucht, um mich davon zu erholen.

Wie sieht Ihr Leben heute aus?

Ich schreibe viel, sitze gerade an einem neuen Buch über Beten für Kirchenverweigerer. Außerdem begleite ich mit meiner Stiftung Menschen seelsorgerisch durch schwierige Zeiten. Wir finanzieren zum Beispiel Zuschüsse für einen Diabetiker-Warnhund, wenn jemand kein Geld hat. Ich suche jedes Jahr zehn neue Geistliche, Pfarrer oder Imame, die mir dabei helfen. Das tut mir gut.

Gehen Sie noch oft in die Kirche?

Nein. Gottesdienste besuche ich eher selten. Da geht es mir wie so vielen Menschen: Am liebsten bin ich in der Kirche, wenn sie leer ist. 

Interview: Sabine Hoffmann
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