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Jubiläum: "taz"-Gegner übernehmen Blatt

"Feindliche Übernahme" bei der "taz": Unter Federführung von "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann haben "Lieblingsgegner" der "taz" für einen Tag die Regie beim links-alternativen Blatt übernommen.

"Feindliche Übernahme" bei der "taz": Unter Federführung von "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann haben "Lieblingsgegner" der "tageszeitung" (taz) am Freitag für einen Tag die Regie beim links-alternativen Blatt übernommen. Die Wochenend-Ausgabe wurde unter anderen vom früheren Regierungssprecher und einstigen "Bild"-Chef Peter Boenisch, von Fernsehpfarrer Jürgen Fliege und Ex-Verteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD) gestaltet. Vor genau 25 Jahren war die erste Probenummer der "taz" erschienen.

Kurz nach Beginn der Redaktionskonferenz wurde Diekmann die Leitung des Blattes von Chefredakteurin Bascha Mika übertragen. Der "Bild"-Chef, wegen der Satire über eine angebliche Operation zur Penisverlängerung gegen die "taz" vor Gericht erfolgreich, zeigte sich versöhnlich mit der kleineren Konkurrentin aus Berlin: "'Bild' und 'taz' sind die einzigen überregionalen Boulevardzeitungen." Manchmal würde er "taz"-Schlagzeilen wie "Holzmann rettet Schröder" auch in seinem Blatt gerne lesen.

Schirrmacher bescheinigt "taz"-Lesern Masochismus

Die "taz" hat Diekmann einen journalistischen Coup zu verdanken: Zur Jubiläumsausgabe hat Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) dem Blatt zum ersten Mal ein Interview gegeben - "darum werden uns 'Stern' und 'Spiegel' beneiden, mit denen Kohl seit Jahren ja nicht mehr spricht". Für Schlagzeilen dürfte auch Oskar Lafontaine sorgen, der zur Gründung einer "Arbeitsgemeinschaft der Sozialdemokraten in der SPD" aufruft.

Der "Bild"-Chef, nur einen Steinwurf von der Springer-Zentrale an der Kochstraße in Berlin-Kreuzberg entfernt, wünscht sich die Ausgabe als journalistische Leistungsschau - nicht als Juxnummer. Nur der "viel zu frühe Redaktionsschluss" um 17.30 Uhr wurmt ihn. Weil die Grünen-Politikerin Claudia Roth, von der "taz" einst als "Gurke des Jahres" betitelt, wegen Krankheit abgesagt hat, überredet er die PDS-Politikerin Gabi Zimmer zu einer Abrechnung mit Fidel Castro. "Ronald Schill darf in Kuba einreisen, Roth nicht - das sollte unbedingt in die Geschichte", schlägt der Interimschef vor.

Der "FAZ"-Mitherausgeber Frank Schirrmacher ist auch in der Geburtstags-"taz" präsent. Der Frankfurter Feuilletonchef bescheinigt den "taz"-Lesern Masochismus. Regelmäßig würden sie von Abo-Nötigungen und Schließungsdrohungen ("taz"-Auflage: 61.000) geplagt - und blieben dem Blatt doch treu.

Pastor Fliege bringt mit einem "Wort zum Sonntag" die "taz"-Leser auf den rechten Weg

Im Sport-Teil unter Hobby-Radler Scharping äußert sich Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) zur Frage, ob sich Grüne über einen WM-Titelgewinn von Michael Schumacher freuen dürfen ("Ja, sie dürfen"). Auch dies eine Premiere: Die "Öko"-Zeitung lässt sonst die Formel 1 rechts liegen. Politiker-Hilfe bekommen die Berlin-Seiten: Bausenator Peter Strieder (SPD), der frühere "Regierende" Eberhard Diepgen, Brandenburgs Ministerpräsident Jörg Schönbohm (beide CDU) und Werbeprofi Axel Wallrabenstein berichten über Lokales zwischen "Kopftuchurteil" und Grundsteinlegung.

Pastor Fliege zeigt sich besorgt, dass die "taz" zu einer "Bild"-Zeitung mutieren könnte, will in einem "Wort zum Sonntag" die Leser auf den rechten Weg bringen ("Die kommen ja sonst nie auf die Knie") und wünscht sich in einem Artikel der richtigen "tazler" eine Antwort auf die Frage, "warum wir die größten Arschlöcher" sind. Das wissen nicht alle "Lieblingsfeinde". RTL-Chefredakteur Hans Mahr outet sich sogar als langähriger "taz"-Freund.

Esteban Engel, dpa