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Schwere Vorwürfe Medienbericht: Ikea soll Möbelteile in Strafgefangenen-Lagern in Belarus produziert haben lassen

Eine Ikea Filiale
Es ist nicht das erste Mal, dass Ikea mit Häftlingsarbeit in Verbindung gebracht wird
© Loic Venance / AFP
Laut einer internationalen Recherche hat der Möbelgigant Ikea jahrelang Teile von Zulieferern bezogen, die Zwangsarbeiter in Strafgefangenen-Lagern und Gefängnissen in Belarus einsetzten. Auf Anfrage reagierte das Unternehmen ausweichend.

Egal ob ein "Billy"-Regal oder ein "Lack"-Beistelltisch: Fast in jeder Wohnung findet man das ein oder andere Produkt aus dem Hause Ikea. Das schwedische Möbelhaus lockt nach wie vor mit guter Qualität zu günstigen Preisen. Doch wo genau die Einrichtungsstücke herkommen, wissen die Wenigsten. Das Recherchekollektiv "WeReport" will nun im Auftrag der Non-Profit Organisation "Disclose" herausgefunden haben, dass Ikea viele Verkaufsschlager bis zum russischen Angriffskrieg auf die Ukraine in Strafgefangenen-Lagern und Gefängnissen in Belarus herstellen ließ.

Ikea bezog Materialien aus Strafgefangenen-Lagern und Gefängnissen in Belarus

Demnach seien bis Anfang des Jahres unter anderem Holz, Vorprodukte, Spanplatte aber auch ganze Möbel aus den Zuchthäusern der Diktatur gekommen. Etwa die Hälfte der belarussischen Ikea-Zulieferer sollen in den vergangenen zehn Jahren Kontakte zu Strafkolonien unterhalten haben. Dabei handele es sich um Zwangsarbeitslager, die für Misshandlungen, Folter und das Verschwinden von Menschen bekannt seien, so die Tageszeitung taz, die die Recherche veröffentlicht hat. 

Ab 1999 habe Ikea Kontakt nach Belarus aufgebaut. In den folgenden 20 Jahren sei der durchgängig von Diktator Alexander Lukaschenko regierte Staat nach Polen zum zweitgrößten Holzlieferanten für das schwedische Möbelhaus geworden. Die sich immer weiter verschlechternde Menschenrechtslage in dem Land habe laut taz nicht zum Umdenken bei Ikea geführt. 

Aber nicht nur Möbel kamen offenbar aus der Zwangsarbeit belarussischer Gefangener. Besonders eng soll Ikea mit dem Unternehmen "Mogotex" zusammengearbeitet haben, das unter anderem Handtücher, Tischdecken und Vorhänge herstellt. Mogotex soll mit mindestens vier Strafkolonien kooperiert haben – noch im Sommer 2021 mit dem Arbeitslager "IK-15". 

Der Zeuge und ehemaliger Gefangene Tsikhan Kliukach berichtet gegenüber dem Portal "Disclose" von unzumutbaren Zuständen in dem Lager: "IK-15 ist ein Ort des absoluten Horrors, wo Lukaschenkos Henker schalten und walten, wie sie wollen." NGOs hätten bestätigt, dass der 19-Jährige zwischen Mai 2021 und März 2022 zehn Monate in "IK-15" eingesperrt war, weil er in Minsk gegen die Regierung demonstriert hatte.

Mindestens sechs Ikea-Partner sollen mit Jugendgefängnis in Belarus kooperiert haben

Mogotex habe laut interner Dokumente ebenfalls mit dem Jugendgefängnis "IK-2" in Babrujsk im Zentrum von Belarus kooperiert. Der Gefängnisleiter von IK-2 stand zwischen 2006 und 2014 wegen "unmenschlicher Behandlung politischer Gefangener" auf der Sanktionsliste EU. 

Disclose-Informationen zufolge haben zwischen 2014 und 2019 mindestens sechs belarussische Partner von Ikea mit diesem Jugendgefängnis zusammengearbeitet.

Darunter auch die Borwood-Gruppe, der größte Verband öffentlicher Holzproduzenten des Landes. Ein Tochterunternehmen dieser Gruppe soll beispielsweise im Jahr 2016 das "IK-2"-Gefängnis mit der Lieferung von "Holzbrettern" beauftragt haben. Interessanterweise zertifiziert nach den Standards von Ikea.

Laut belarussischem Innenministerium sollen alleine in holzverarbeitenden Strafkolonien knapp 8000 Gefangene arbeiten. Der Straßburger Politikwissenschaftler und Experte für Protestbewegungen in Belarus, Yauheni Kryzhanouski, erklärte gegenüber Disclose, die Produktion in den belarussischen Strafkolonien sei ein hochentwickelter Wirtschaftssektor. Die Unternehmen in dieser Sparte betrieben "normale" kommerzielle Websites, abgesehen von dem kleinen Hinweis "Produktion des Straf-Korrektiv-Systems". 

Gegenüber der taz erklärte Martin Müller, Professor am Institut für nachhaltige Unternehmensführung der Universität Ulm, die Verbindungen mehrere Ikea-Zulieferer zu belarussischen Strafkolonien sei "höchst problematisch". Ikea hätte seine Zulieferer, auch die indirekten, überprüfen müssen. Doch hat das Möbelhaus dies nicht getan? 

Ikea antwortet ausweichend

Auf stern-Anfrage antwortete Ikea ausweichend. Man nehme die Berichte aus Belarus "sehr ernst" und verfolge eine "Nulltoleranzpolitik gegenüber Menschenrechtsverletzungen in unseren Lieferketten". 

Während der Präsenz in Belarus habe man "regelmäßige Audits in Kombination mit einem Mapping unserer Lieferketten durchgeführt, um die Einhaltung unserer Anforderungen sicherzustellen". Wann immer man Hinweise auf Fehlverhalten erhalte, nehme man diese sehr ernst und gehe ihnen nach. Zu den beschriebenen Fällen äußerte sich der Konzern nicht.

Allerdings räumte Ikea ein, man habe im Juni 2021 beschlossen, alle Geschäftsentwicklungen aufgrund "wesentlicher Herausforderungen im Bereich Menschenrechte in Belarus und der unvorhersehbaren Rahmenbedingungen" einzustellen. Im Juni diesen Jahres habe Ikea beschlossen das Land zu verlassen und die Verträge mit Lieferanten zu kündigen. 

Ikea wird nicht das erste Mal mit Gefängnisarbeit in Verbindung gebracht. 2012 musste das schwedische Unternehmen zugeben, in den 1970er und 80er Jahren politische Gefangene in der DDR beschäftigt zu haben. Damals kommentierte man, man "hat es und wird es nie akzeptieren, dass politische Gefangene in der Produktion eingesetzt werden." 

Quellen: taz.de, Disclose

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