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Gefälschte Kunst: "Jahrhundertfälscher": Was macht eigentlich ... Wolfgang Beltracchi?

Der "Jahrhundertfälscher" Beltracchi narrte über Jahre die Kunstwelt. Bis er 2010 verhaftet wurde.

Wolfgang Beltracchi: Was macht der "Jahrhundertfälscher" heute?

Wolfgang Beltracchi, 68, in seinem Atelier in der Schweiz.

Hand aufs Herz: Wie viele Ihrer Fälschungen hängen noch unter den Namen berühmter Maler in Museen?

Weiß ich nicht genau, so 250 werden es weltweit wohl noch sein.

Macht Sie das stolz?

Nein, gar nicht. Das ist so, als würde man ein uneheliches Kind treffen.

Wann haben Sie zuletzt eines Ihrer "unehelichen Kinder" getroffen?

Das ist gar nicht lange her. In Hamburg. Aber nicht im Museum, sondern in einer Ausstellung. Ich sage Ihnen nicht, wo.

Haben Sie nicht in allen Kunstmuseen dieser Welt Hausverbot?

Nein, überhaupt nicht.

Aber die Mitarbeiter werden blass, wenn sie Sie sehen…

Die werden sehr blass, nicht alle, aber viele. Und sie verfolgen mich.

Sie scherzen …

Nein, in Frankfurt haben sie mich mal bis auf die Toilette verfolgt. Aber das passiert nur in Deutschland.

Der Prozess hat sie zum berühmten "Jahrhundertfälscher" gemacht. Vorher kannte Sie niemand. Der Betrug hat sich ausgezahlt. Oder?

Nein, es macht sich nicht bezahlt, wenn man ins Gefängnis muss. Ich habe zwar an den Fälschungen gut verdient und ein schönes Leben geführt. Das will ich nicht abstreiten. Aber ich würde es nie wieder tun. Gefängnis ist zu schlimm.

Worunter haben Sie denn am meisten gelitten?

Unter der Trennung von meiner Frau. Sie war ja nur hundert Meter Luftlinie von mir in Haft. Und unter dem Gefühl, ausgeliefert zu sein.

Heute malen Sie Promis wie Oscar-Preisträger Christoph Waltz. Was kostet ein echter Beltracchi?

Das ist unterschiedlich. Das letzte Bild, ein kleines Porträt, habe ich gespendet. Es wurde auf einer Auktion für einen wohltätigen Zweck versteigert und brachte 180.000 Euro ein. Porträts von Einzel­personen liegen so zwischen 100.000 und 200.000 Euro. Große Gemälde kosten auch schon über 300.000 Euro. Aber ich male nicht viel. Nur noch vier Porträts im Jahr. Mein Output ist nicht sehr groß.

Sie haben den Kunstbetrieb erschüttert. Hat sich was geändert?

Nicht viel. Immerhin gibt es in Hamburg jetzt einen Lehrstuhl für Provenienzforschung. Aber der Markt als solcher existiert, wie er auch vorher existiert hat.

20 Millionen Euro mussten Sie nach dem Prozess zurückzahlen. Haben Sie heute noch Schulden?

Nein, ich habe keine Schulden mehr. Sonst könnten wir auch nicht in der Schweiz leben, die hätten uns nicht reingelassen.

Es gab einen Dokumentarfilm über Sie. Mit Ihrer Frau haben Sie ein Buch geschrieben. In einer Fernsehserie haben Sie Promis gemalt. Und nun?

Wir verhandeln mit mehreren Filmfirmen in Los Angeles. Die wollen einen Spielfilm über unsere Geschichte drehen. Mal sehen, was da rauskommt. Zurzeit tourt die Ausstellung "Kairos" europaweit. Gerade ist sie in Wien. Im nächsten Jahr stelle ich in Zürich aus.

Die Kunstzeitschrift "Art" hält Sie für "aktuell überschätzt". Trifft Sie das?

Kein bisschen. Ich bin einer der ganz wenigen Künstler, die völlig unabhängig vom Kunstmarkt sind. Ich habe meine eigenen Vertriebswege, meine eigenen Sammler, und zwar weltweit. Die sollen schreiben, was sie wollen. Das interessiert mich überhaupt nicht.

Interview: Kerstin Herrnkind
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