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Zu viel Geiz ist ungeil: Lasst den Konsumbären tanzen!

Kaufterror? Vorweihnachtliche Besinnungslosigkeit? Profitgier? Was viel mehr nervt als die vermeintliche Pervertierung des Festes, ist das ewige Geseire darüber, findet unser Autor.

Von Wolfgang Röhl

Spätestens am dritten Advent pflegte mein Vater sel. seinen Lieblingsspruch zu klopfen: "Süßer die Kassen nie klingeln ..." So geißelte er die Schrecken des Konsumterrors; lange bevor dieses Wort Karriere machte. Sein Lamento bündelte die Abscheu des Bildungsbürgers vor der Kommerzscheiße (ein ebenfalls erst viel später aufkommender Modebegriff) mit der Trauer über den Verlust vorweihnachtlicher Besinnlichkeit, die "das Fest" nach treudeutscher Ansicht umwabern sollte wie der Geruch von Muttis selbst gebackenen Plätzchen. Dass Gewerbe und Handel sich erdreisteten, mit der heiligen Geburtstagsparty ihren Jahresend-Reibach machen zu wollen - Jesusmariaundjosef!

Mitten im Wirtschaftswunder war diese Haltung wahrscheinlich originell. Heutzutage wirkt sie nur mehr blöde. Was mich alle Jahresenden wieder nervt, ist nicht so sehr das Werbe- und Verkaufsgedöns. Einen Bart, länger als der des dienstältesten Weihnachtsmanns, hat für mich vielmehr das Geseire über die vermeintliche Pervertierung des Festes durch nimmersatte Profitgeier; die ewige, öde Jeremiade von Kirchenfunktionären, Familienpolitikern, Soziologen, Feuilletonisten und anderen Volkserziehern. Auch für den gehobenen Citoyen, Typ "Zeit"-Leser mit Tendenz zum Drittbuch, scheint ausgemacht: Weihnachten ist voll der GAU. Ein Gedränge in den Kaufhäusern, furchtbar! Kein Parkplatz in der Stadt zu kriegen, schlimm! Diese Weihnachtsmärkte, nichts als Nepp und Glühweinbesäufnisse! Und diese Lichterorgien, was die an CO2 erzeugen! Letztlich reihen sich natürlich auch die Weihnachtsverächter ins Heer der Konsumtrottel ein. Sie müssen ja, leiderleider. Schon wegen der Kinder. Wie soll man sich denn wehren gegen den verordneten Schenkzwang? Arme, wehrlose Opfer der Konsumgesellschaft.

Kein "White Christmas"-Gedudel, nirgends

Einem aus, sagen wir, dem Sudan muss das wie Satire vorkommen. Das Volk der Deutschen, das es mit vergleichsweise bescheidener Arbeitsleistung zu einem Lebensstandard gebracht hat, um den es von großen Teilen der Welt beneidet wird; dieses Volk findet den Geschenkerummel zum Reihern. Ach ja? Was ist denn so furchtbar daran, dass vier oder sechs Wochen im Jahr der Konsumbär tobt, auf dass der Laden namens Volkswirtschaft mal richtig brummt? Letztlich doch wohl nicht zum Schaden des Volkes. Irgendwann muss es sein verdammtes Geld ja raustun, will es nicht schnurstracks in die nächste Rezession marschieren. Zu viel Geiz ist ungeil. Vorschlag: Wer dem Lichterkerzenterror und der Shoppinghölle entkommen will, möge zum Beispiel nach Nordkorea düsen. Glühweindüfte werden ihn dort garantiert nicht belästigen. Erfrischend ungestresste Menschen flanieren dort an leeren Regalen entlang. Kein "White Christmas"-Gedudel, nirgends. Taschenlampe nicht vergessen! Bei den Kims fällt ziemlich oft der Strom aus.

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