HOME

Bademode: Showgirls

Sonst tanzen sie die Arabesque, hier halten sie schön still - die Tänzerinnen des Berliner Friedrichstadtpalasts zeigen die aktuelle Bademode vor den Kulissen der Revue "Casanova". Der Rokoko-Macho wäre den Damen garantiert verfallen...

Von Cathrin Dobelmann

Als Helmut Newton einst im Berliner Friedrichstadtpalast anfragen ließ, ob er dort seine erotischen Frauenakte inszenieren dürfe, verpasste man dem berühmten Fotografen eine Abfuhr. Seine voyeuristischen Motive, die stets das Evakostüm und nie das Feigenblatt zeigten, raubten dem damaligen Theaterintendanten den Atem. "Blankziehen? Wir sind doch hier nicht im Lido!", soll Alexander Iljinskij sich empört haben. Newton muss die damals eher zugeknöpfte Bühne an der Friedrichstraße für ein ähnliches Etablissement gehalten haben wie die berühmten Revuetheater an den Champs-Elysées, wo Tänzerinnen oben ohne fürs allabendliche Entertainment sorgen. Unbeeindruckt vom international bekannten Namen des 2004 verstorbenen Meisterfotografen hielt das Theater an seinen Grundsätzen fest: keine Nackedeis, keine Tutti-Frutti-Bühne - und für lange Zeit auch keine Fotografen.

Doch bis zum Jahr 2006 sind ein paar Tabus gefallen, und wir haben's geschafft: Bepackt mit Dutzenden von Badeanzügen und Bikinis tritt das stern-Team im Friedrichstadtpalast an, um die aktuelle Strandmode zu fotografieren. Einzige Bedingung der Theaterleitung: Die Brüste der zehn mitwirkenden Tänzerinnen müssen bedeckt bleiben. Kein Problem: die beiden Models Christina und Eva machen sich für einige Motive frei. "Nackte Haut und Erotik gehören einfach zu einer Revue - so hat es die Tänzerin Josephine Baker in den 20er Jahren vorgemacht, und so ist es noch heute auf den Bühnen in Paris, New York und Las Vegas", erklärt stern-Fotograf Miroe, der die Modestrecke denn auch als Revue inszeniert hat.

Casanovas Spuren folgend ähnelt die erste Kulisse den Lustgärten von Schloss Fontainebleau, in denen der Rokoko-Macho einst den Frauen seiner Zeit hinterherstieg. In einem buchsbaumbewachsenen Springbrunnen rekelt sich das tschechische Model Eva, nur mit einem rosa Bikinihöschen und Pailletten besetzten Brusthütchen bekleidet. Die vier Tänzerinnen, die sie in pinkfarbenen Badeanzügen umringen, schauen pikiert, als Eva ruft: "Brustwarzen-Protektoren? Finde ich super!"

Was hätte wohl Louis Réard über die minimalistische Interpretation des Bikinis gesagt? Schon vor 60 Jahren sorgten die Stoffdreiecke, die der Franzose zum Patent anmeldete, für einen Skandal. Nicht nur, dass er sie nach dem Atoll benannte, auf dem die Amerikaner die erste Atombombe der Nachkriegszeit zündeten. Sie fielen auch um etliche Nummern kleiner aus, als es die Moral der Zeit erlaubte. Heute kann man sich den Kampf gegen das angeblich so anstößige Kleidungsstück kaum noch vorstellen. Denn in diesem Sommer ist sogar der Badeanzug fast auf Bikinimaß geschrumpft. Für das nächste Motiv schlüpfen die Mädchen in schwarze Einteiler mit tiefen Dekolletés und Cut-outs genannten Schlitzen. Schnell noch den Träger richten, Gel-Kissen im Dekolleté verstecken und zügig zurück zur Bühne! Dort warten bereits Miroe und ein Dutzend goldfarbene Würfel, die eine weitere Leidenschaft Casanovas darstellen: seinen Hang zum Glücksspiel. "Ich wette, Casanova wäre euch verfallen!", ruft Miroe den Mädchen zu.

Für die Revue-Tänzerinnen, die zu einem 43 Frauen und 22 Männer starken Ensemble aus 18 Nationen gehören, ist das Foto-Shooting eine willkommene Abwechslung. Statt "Arabesque" und "Plié" heißt es nun: Smile and freeze! "Eigentlich lässt sich unser Job mit dem eines Models vergleichen", sagt das kanadische Revuegirl Willow, "wir stehen beide vor Kulissen, tragen Kostüme, posieren für ein Publikum. Nur eines beherrschen die Profi-Models Eva und Christina eindeutig besser: Stundenlang stillhalten und warten!"

print