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Dokufilm "Lampenfieber": Kinder-Casting im Friedrichstadt-Palast – zwischen Kämpfern, Diven und Persönlichkeiten

Sie tanzen, singen und schauspielern. Das "Junge Ensemble" des Friedrichstadt-Palasts in Berlin zeigt jedes Jahr ein großes Stück – ausschließlich von Kindern und Jugendlichen gespielt. Der Dokufilm "Lampenfieber" begleitet das Ensemble vom Casting bis zur Premiere.

Die Hauptdarsteller auf der Bühne

Die Hauptdarsteller auf der Bühne

Nick ist elf Jahre alt. Ein bisschen Babyspeck hat er noch, er trägt seine blonden Haare cool gestylt und die Mädchen mögen ihn. Zum Casting kommt er mit hippen Klamotten, aber spürbar unsicher. Denn er steht nicht nur für sich vor der Jury, sondern auch ein bisschen für seine Mama. Die ist "eine Kämpferin" sagt er. Nur anders als Nick kämpft sie nicht um einen Platz auf der großen Bühne, sondern gegen den Krebs.

So wie Nick geht es vielen Kindern im Ensemble. Sie sind nicht nur da um zu spielen, sondern um einen Traum zu verwirklichen. Sei es für ihre Eltern oder für sich selbst. Jedes Jahr im März öffnet der Friedrichstadt-Palast seine Tore für das Casting des Jugendensembles. Im Dokufilm "Lampenfieber" begleitet  Alice Agneskirchner fünf Kinder vom Casting bis zur Premiere des Stücks "Spiel mit der Zeit".

Kommen kann eigentlich jeder zum Casting. Voraussetzung für die Teilnahme ist, dass die Kinder und Jugendlichen zwischen 6 und 16 Jahre alt sind. Bewertet wird, ob sie "Ausdruck haben, körperlich und musisch begabt sind", so die Jury. Wer sich beim Singen, Tanzen und Schauspielern bewähren kann, hat gute Chancen, ins "Junge Ensemble" aufgenommen zu werden. Jährlich kommen 30 neue Nachwuchsdarsteller hinzu, die Juroren haben ein geschultes Auge für verborgene Talente.

Zwischen Unsicherheit und Euphorie

Wie bei den Großen wird allerdings auch keine besondere Rücksicht genommen, bei denen, die es nicht schaffen. Ein einfaches "Ihr habt es leider nicht geschafft" in die erwartungsvollen Gesichter der teilweise Sechsjährigen muss genügen. Da kullern dann schnell die Tränen bei den kleinen Mädchen, die eigens für das Casting ins rosa Tutu geschlüpft sind.

Grenzenlos ist die Freude bei jenen, die weitergekommen sind, allerdings auch nicht. Denn schon jetzt schwant selbst den Kleinsten, dass jede Menge Arbeit auf sie zukommt und große Disziplin erwartet wird. Die neunjährige Maya, deren Eltern aus Syrien stammen, fragt ganz ehrfürchtig ein anderes Mädchen: "Sind die Lehrer streng oder gemein?" und versucht dabei ihre eigene Unsicherheit, über das, was da nun auf sie zukommt, wegzukichern.

Maya (links) bei den Proben

Maya (links) bei den Proben

Wer nicht gut genug ist, fliegt raus

Und ja: Im Film wird schnell klar, dass nur weiterkommt, wer sich auch anstrengt. Und das sehen die Leiter der einzelnen Kurse sofort. Selbst, wer schon aufgenommen wurde, bleibt nicht automatisch dabei. Die 14-jährige Amira – Tochter des "Cobra 11"-Darstellers Erdoğan Atalay – bekommt das schnell zu spüren. Sie spielt in der Serie, geht zu den Proben des "Jungen Ensembles" und muss nebenbei noch Schule und Hausaufgaben bewältigen. Ein Fulltime-Job für eine 14-Jährige. Im Krisengespräch beteuert Amira noch: "Ich will unbedingt auf der Bühne stehen." Doch den Leitern des Ensembles ist längst klar, dass sie es nicht schaffen wird. Für Amira bedeutet es das Ende im Jungendensemble. Eine herbe Enttäuschung, die für eine 14-Jährige sicher nicht leicht zu verkraften ist. 

Aber nicht alle Träume platzen: Da ist zum Beispiel Alex, 16 Jahre. Sie ist zum ersten Mal beim Casting und wird aufgenommen. Der Film zeigt sie in ihrem Jugendzimmer. Sie probiert die Halstücher ihrer Mutter an, die an Krebs verstorben ist. Musicals waren das, was die beiden miteinander verbunden haben. "Sie tut das auch für ihre Mutter", erklärt Alex' Vater.

Alex in ihrer Rolle

Alex in ihrer Rolle

Der Spagat zwischen Schule, Bühne und Selbstfindung

Oskar spielt im fünften Jahr beim Ensemble. Und es wirkt wie selbstverständlich, dass er für eine der Hauptrollen im Stück ausgewählt wird. Er ist wohl das schillernste Mitglied des "Jungen Ensembles". Mit seinen 13 Jahren hat es Oskar schon zu einer kleinen Youtube-Persönlichkeit geschafft. "Ossi-Glossy" gibt Schminktipps auf Youtube. Ein ganz schöner Spagat, den der Teenie hinlegt zwischen Schule, Probe und seinem Social-Media-Dasein. Und das hinterlässt Spuren. Oskar ist müde. Und vor allem unzufrieden. Und das lässt er auch am Stück aus. Fast schon divenhaft versucht der 13-Jährige, die Inszenierung zu beeinflussen. Das fällt auch der Ensembleleitung auf. Im Krisengespräch wird Oskar zum Thema.

Das Ensemble auf der Bühne

Das Ensemble auf der Bühne

Ein Blick hinter die schillernden Theaterkulissen

Aus der Sicht der Kinder wird nicht nur die Magie der Bühne und Teil des Ensembles zu sein erzählt, der Zuschauer spürt auch ganz deutlich, wie sehr die Kinder und Jugendlichen zwischen Euphorie, Selbstzweifeln und dem Druck, der herrscht, hin und hergerissen sind. Eine Reise, die für die einen am Ende mehr Selbstvertrauen und Verwirklichung des eigenen Traums bedeutet. Für die anderen eine Zerreißprobe zwischen Alltag und dem Spielen auf der Bühne.

"Lampenfieber" zeigt, wie es mit Nick, Maya, Oskar und Alex weitergeht. Wie die Nachwuchsschauspieler den steinigen Weg bis zur Premiere meistern. Emotional und trotzdem subjektiv erzählt "Lampenfieber" vom Bestreben junger Menschen Teil eines gigantischen Ensembles zu sein. Seit dem 14. März läuft "Lampenfieber" in vielen Kinos in ganz Deutschland.