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Glosse

Supermodels führen Trend-Accessoire ein: Bella und Gigi Hadid machen Bücher zum schönsten Mode-Trend seit Langem

Seit die Supermodels Bella und Gigi Hadid regelmäßig mit Büchern in der Öffentlichkeit auftreten, gilt Literatur als das Mode-Accessoire des Jahres. Kein Wunder: Ein bisschen Bildung schmückt bekanntlich den ganzen Menschen.

Gigi und Bella Hadid mit Büchern

Literatur als Mode-Accessoire: Bella Hadid (l.) trägt gern Stephen Kings "Outsider" mit sich herum, ihre Schwester liest "Der Fremde" von Albert Camus

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Aus Wohnungen kennt man es schon lange: Entscheidend ist das Bücherregal. Dort drapiert jeder, der etwas auf sich und die eigene Bildung hält, die Klassiker, die jedem leise und unaufdringlich, aber ebenso unmissverständlich zu verstehen geben: Hier wohnt ein großer Geist. Auch wenn man es dem Rest der Einrichtung (und der Person) vielleicht nicht sofort ansieht. Das Buch muss der Besitzer noch nicht einmal angefasst haben, Hauptsache es steht Shakespeare oder Schiller auf dem Rücken.

Die Supermodels Bella und Gigi Hadid haben das Prinzip jetzt aus der Inneneinrichtung in die Modewelt transportiert. Seit die beiden Schwestern sich in der Öffentlichkeit mit Romanen in der Hand gezeigt haben und auch auf Instagram mit Literatur posieren, gelten Bücher als das neue Trend-Accessoire 2019. "Très chic!", schreibt die "New York Post", mit der französischen Formulierung ebenfalls einen dem restlichen Inhalt des Textes nicht auf den ersten Blick angemessenen Intellekt vorspiegelnd. Die renommierte Modezeitschrift "Vogue" lobt die Kombination von Albert Camus' berühmtem Roman "Der Fremde" und einem über dem Knie abgeschnittenen Anzug in blassem Gelb, die Bella Hadid trägt.

Plötzlich sind Stephen King und Albert Camus die neueste Mode

Und so einfach ist es dann auch: Kaum tragen zwei der bekanntesten Models der Welt Bücher mit sich herum, ist das, wofür viele Lesefreunde lange belächelt wurden, Teil der neuesten Mode. Wie man das finden soll, darüber gehen die Meinungen auseinander. Einige finden das sehr traurig oder auch einfach heuchlerisch, andere freuen sich darüber, wie sich die Literatur auch in der oberflächlichen Welt der Schönen und Reichen ihren Platz erkämpft – und sei es nur als Begleitgegenstand.

Bella Hadid zum Beispiel verwendet Stephen Kings Horrorschmöker "Der Outsider", mit dem sie sich laut "Vogue" seit Wochen beschäftigt, um sich damit vor unliebsamen Paparazzi abzuschirmen – das 560-Seiten-Werk kann man als Promi noch ganz anders einsetzen. Schwester Gigi greift lieber zu einem Klassiker des Existenzialismus, eine im anderen Sinne schwere Kost.

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Kommt man bald nicht mehr ohne "Faust" ins Berghain?

Tatsächlich sind die Hadid-Schwestern bisher noch nicht dadurch aufgefallen, dass sie besonders belesen wirkten, anders als beispielsweise Schauspielerin Emma Watson. Was nicht per se heißen muss, dass sie es nicht sind. Der Büchertrend wird durch sie an Hunderttausende Instagram-Follower weitergereicht, so funktioniert Trendsetting – und vielleicht sehen wir bald überall modebewusste Mädchen mit Weltliteratur im Arm. Das kann man peinlich finden, eigentlich aber ist es doch etwas sehr Schönes. Ähnlich wie vor einigen Jahren die großen Nerdbrillen, findet ein Accessoire bewundernde Beachtung, das lange nicht ernstgenommen wurde. Das ist doch auch eine schöne, späte Genugtuung für alle, die es schon immer wussten.

Möglich also, dass wir bald Models mit dem neuen Houellebecq über den Laufsteg stolzieren sehen, man demnächst nur noch mit dem "Faust" ins Berghain kommt oder 14-Jährige ihr Taschengeld für eine Homer-Ausgabe zusammensparen. Zweisprachig, versteht sich. Schließlich wusste schon Heinrich Heine, fast 200 Jahre vor den Hadid-Schwestern: "So ein bisschen Bildung ziert den ganzen Menschen."