Boxmode Walk-in für die Mode


Zwei Fliegengewichte im Titelkampf, zwei Models im Dauerlauf zwischen Ring und Requisite: Für die Inszenierung des neuen Herbsttrends ging der stern mit Profiboxern in den Clinch.

Muhammad Ali hat einmal gesagt: "Guter Mann, wenn ich dir sage, dass eine Fliege einen Pflug ziehen kann, frag mich nicht, wie sie es macht - spann sie an."

Wir würden niemals nach dem Wie fragen - zumindest nicht mehr seit dem 10. September 2005, als ein stern-Modeteam leibhaftig miterleben durfte, wie zwei eins sechzig große Fliegengewichte zwanzig Minuten lang aufeinander eindreschen und kurz darauf, so als sei nichts gewesen, zu ein paar Drinks einladen. Zu verdanken haben wir dieses Erlebnis der Boxweltmeisterin Regina Halmich, die erlaubt hatte, dass der stern ihren Titelkampf als Kulisse für eine Modeproduktion nutzt. Die Kombination hat ihren Sinn, denn für ihre Winterkollektionen ließen sich viele Modeschöpfer vom Boxkampf inspirieren.

Zwei Models sollten nun die Kapuzenshirts, Kimonomäntel und fließenden Satinteile von Pucci, Krizia, Exté vorführen, während im Hintergrund Profiboxer in den Clinch gehen. Eine Premiere, bei der alle Beteiligten zuerst einmal lernten: Meist geht der Gegner schneller k. o., als ein Model einen Overknee-Stiefel von Gianfranco Ferré angezogen hat.

Bevor die zwei attraktiven Kraftpakete,

Regina Halmich und ihre bislang ungeschlagene Gegnerin, die 31-jährige Spanierin María Jesus Rosa, in der Karlsruher DM-Arena aufeinander losgelassen werden, müssen die Frauen zum Wiegen. Wir entdecken gewisse Parallelen: Während die Boxerinnen in Unterwäsche auf die Waage schweben, um zu belegen, dass sie in der richtigen Gewichtsklasse zuschlagen, müssen die Fotomodelle Francesca Dotti und Denisa Dvoncova zeigen, dass sie in die Laufstegkollektionen der Designer passen - 90-60-90, Kleidergröße 34/36.

Gemeinsamkeiten finden sich auch in der Fachsprache. Ein "Cut" ist ein Schnitt. Bei Pucci wurde er so gesetzt, dass die Kapuze der violetten Wolljacke ins Antlitz fällt. Beim Boxer ist der "Cut" eine offene Wunde im Gesicht. Oder der Haken: Bei der 28-jährigen Regina Halmich ist dabei der Schlagarm um 90 Grad angewinkelt und wird blitzschnell in einem Aufwärtsschlag vorgestoßen. Beim Paillettenschal von Krizia sorgt der Haken dafür, dass das Stück Stoff nicht weiter über die Schultern fällt als erlaubt.

Dann gibt es natürlich noch den "Walk-in", nicht zu verwechseln mit dem "Catwalk": Letzterer dient den Models dazu, auf 15-Zentimeter-Absätzen in Richtung Fotografen zu schreiten. Ersterer aber bezeichnet den Moment, in dem die Kämpferin, gern wild mit den Boxhandschuhen gestikulierend, durch Nebelschwaden zum Ring tänzelt.

Gerade findet der "Walk-in" zum Vorkampf des deutschen Schwergewichtlers Egon Roth statt. Schnell die Models umziehen! Die Fehde des Hünen könnte einen schönen Hintergrund für die lila Kapuzenjacke geben. Doch bis die Models zur Requisite am anderen Ende der Halle gelaufen, umgezogen und wieder zurück sind, ist der kenianische Gegner längst ausgeknockt. Die Models treffen in den Seilen gerade noch den belgischen Ringrichter an, der sie dafür zum Foto in den Ring einlädt. Aber bitte ohne die High Heels von Gucci, die würden den gepolsterten Boden perforieren.

So besteht die Herausforderung

bei diesem Fotoshooting darin, zwischen zwei Gongs in Windeseile die Outfits zu wechseln und darauf zu achten, nicht ins Bild einer der 16 Fernsehkameras zu laufen.

Dann, endlich, erscheint Regina Halmich! Rocksängerin Doro Pesch singt zum "Walk-in" ihrer Freundin den Song "We Are Like Thunder" ("Wir sind wie der Donner"), den beide zusammen aufgenommen haben. Auf großen Leinwänden läuft Halmichs Lebensfilm in 60 Sekunden ab, von der 17-jährigen Karlsruher Anwaltsgehilfin mit Stofftieren im Bett bis zu einer der schlagkräftigsten Frauen der Welt.

Der Kampf ist vorbei. "Sie war aggressiv am Mann, ich war schön beschäftigt", resümiert die alte und neue Weltmeisterin ihren 50. Kampf und nimmt die geschlagene María Rosa in den Arm. Beide Frauen sehen kurz nach der Begegnung wieder blendend aus, ja, man muss es zugeben: frischer als unsere zwei Models, die nach zwölf Stunden Dauerlauf zwischen Ring und Requisite ziemlich k. o. sind.

Elke Reinhold print

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