Clive Christian Düfte und Diamanten


Bei ihm löst sich Geld in wohlriechende Luft auf: Der Luxushändler clive Christian verkauft das teuerste Parfüm der Welt.

Morgens um elf geht es beschaulich zu in der zweiten Etage des Londoner Kaufhauses Fortnum & Mason. Die Schritte der wenigen Kunden bringen den mit Teppich bedeckten Holzboden zum Knarren, sodass die Verkäufer hinter ihren Ständen aufmerken, wenn Arbeit naht. So nimmt auch Keith Morris am Ladentisch des Duftherstellers Clive Christian Haltung an, als er Kundschaft gewahrt. Zu seiner Linken und Rechten stehen jeweils drei Flakons bereit, an ihrer Seite liegen mit Goldstift beschriftete Duftstreifen.

Sofort legt Morris los: Den Streifen mit der Aufschrift "No. 1" besprüht er mit dem gleichnamigen Riechwasser, dann wedelt er den Streifen, als handele es sich um ein Fieberthermometer. Jetzt darf der Kunde schnuppern: "Riechen Sie den Duft des indischen Jasmins?", fragt Morris. "Nehmen Sie die Muskatnoten wahr, den Hauch von Myrre?" Während man außerdem die Essenz der Limette sowie das Rosenöl zu erahnen versucht, legt der Verkäufer mit einer Bemerkung nach, die gar nicht zum britischen Understatement zu passen scheint: "Dies ist das teuerste Parfüm der Welt."

50 ml von Clive Christian No. 1 kosten als Perfume Spray 600 Euro, 30 ml des konzentrierten Pure Perfume 1950 Euro. Für die Ausgabe mit sechs weißen Diamanten am Flaschenhals muss man 9000 Euro bezahlen, Sonderwünsche zur individuellen Gestaltung des Flakons können schnell mit mehr als 50 000 Euro zu Buche schlagen. Bislang haben unter anderen Elton John und Victoria Beckham von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht: Der Popsänger bestellte einen Herrenduft mit einem Kristallverschluss in Fliegenform, besetzt mit Perlen, sowie ein Damenparfüm, aus dessen Verschluss perlenbesetzte Federn sprießen. Victoria Beckham entschied sich für einen Flakon in Form eines Fußballstiefels. Vorteil der Edelvarianten: Auf Wunsch des Kunden sind diese wieder auffüllbar.

Abermals knarren die Holzbohlen bei Fortnum & Mason; der Chef persönlich nähert sich. Clive Christian wirkt äußerlich nicht so, als wolle er sich einen seiner Düfte leisten: schwarzer Anorak, schwarzer Rollkragenpullover, schwarze Hose - der Mann passt zu dem Satz, den er im vergangenen Jahr in der Londoner "Sunday Times" äußerte: "Mit 39 habe ich aufgehört, mich regelmäßig zu rasieren und Anzüge zu tragen, denn ich war erfolgreich genug, mir das leisten zu können." Mittlerweile ist Christian 53 Jahre alt und verdient allein mit seinen Edeldüften 15 Millionen Euro im Jahr. Dazu kommen Einkünfte aus dem Handel mit Luxusküchen, die einen Preis von bis zu 375000 Euro erreichen können, sowie mit goldenem Besteck, Champagnerkühlern und Kaviarschalen.

"In zehn Jahren soll Clive Christian die prestigeträchtigste Luxusmarke der Welt sein", sagt der Firmenchef bei Tee und Gebäck in einem Sitzungszimmer von Fortnum & Mason. "Ich will in allem der Klassenbeste sein." Der Sohn eines schottischen Apothekers hat sich, wie er sagt, sein Handwerk selbst beigebracht: Nach einem Karrierestart als Hauseinrichter spezialisierte Christian sich auf Küchen - "nicht die Küche für die Haushälterin, sondern die des Hausherrn, den es erfreut, wenn auf dem Kerzenleuchter sein Konterfei verewigt ist."

Früh entdeckte er, dass sich mit dem allergrößten Luxus das allergrößte Geld verdienen lässt. "Für mich ist Luxus keine Vorliebe, sondern ein Geschäft", sagt er und erklärt dann das Geschäft des Parfümverkaufs: "Wenn ein Mann bei mir einen Duft für seine Frau erwirbt und den Flakon mit Diamanten verzieren lässt, dann ist dies ein Ausdruck des Respekts - er will ihr nicht irgendein Parfüm schenken." Seine Düfte sind übrigens auch in Deutschland erhältlich.

Nach einer Stunde Schnellkurs in Sachen Luxus muss Clive Christian weiter: Geschäftspartner warten. Schnell noch schwärmt er von den tollen, ungeahnten Möglichkeiten, die der Osten bietet. Diese begeisterte Schlussbemerkung passt nicht ganz zu dem Gesichtsausdruck von Keith Morris, dem Verkäufer, als dieser auf die Frage, wer eigentlich seine besten Kunden seien, britisch schmallippig antwortet: "Die Russen."

Oliver Creutz print

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