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Designer Thierry Mugler: Der will ja nur Spaß!

Thierry Mugler, das unberechenbare Genie, prägte wie kein anderer Designer die Mode der Achtziger. Mittlerweile pfeift er auf den Laufsteg und entwirft lieber Kostüme für Stars wie Beyoncé.

Von Dirk van Versendaal

Es johlten die Massen, wenn er die Diskotheken in Paris oder New York stürmte, in schwarzen Riemenstiefeln und Nietenhosen, dicke Ringe im Ohr, die Tattoos sonst wo. Er war der wildeste Partylöwe der 80er Jahre, zertrümmerte Hotelzimmer, pfiff auf Geschäftstermine. Seine Schauen waren ein Akt der Selbstkrönung, seine Kollektionen machten Skandale, und seine Definition von Wesen und Sinn der Mode, gesprochen in Robert Altmans "Prêt-à-porter", ist Legende: "Es geht darum, gut auszusehen. Es geht um einen guten Fick, Honey!"

Und heute? Da kommt er mit müdem Gesicht und in einer blaugrauen Windjacke aus Hartford, Connecticut - "weil Fräulein Beyoncé dort in einem Hangar probt". Mugler hat die Outfits für die Welttournee der amerikanischen Popsängerin Beyoncé Knowles entworfen, so wie es sich für ihn gehört: theatralisch, sexy, bombastisch. Er ist ihr künstlerischer Berater, kümmert sich um Choreografie und Showeffekte. "Meist lädt sie mich ein, mit ihrem Hubschrauber zu fliegen. Im Leben nicht, sage ich ihr dann und warne sie: Flieg nicht bei dem Nebel! Flieg nicht bei Regen!"

Seit Beyoncé im vergangenen Jahr die Ausstellung "Superheroes: Fashion and Fantasy" im New Yorker Metropolitan Museum besuchte, ist sie hin und weg von Thierry. Was den nicht wundert, hatte er die Ausstellung doch nahezu allein aus seinem Fundus bestritten. Nie besorgt, zu weit zu gehen, prägte er wie kein anderer Designer die Achtziger: Power-Look, Futurismus, Riesenschultern - Mugler zeigte die irrwitzigsten Outfits von tout Paris. Sich in seinen Defilees einen Platz zu erkämpfen war so hart "wie die Landung in der Normandie" (Bloomingdale's Einkäufer-Legende Kal Ruttenstein). Er war seiner Branche um Lichtjahre voraus, auch in seinem Größenwahn: Sein einziges Maß, sagte er einmal, sei die Maßlosigkeit.

Extravaganz erwünscht

Wie arbeitet es sich also mit einer Diva wie Beyoncé, wenn man selbst eine ist? Sie habe ihn ins Staunen gebracht, gibt er zu. "Neulich fährt sie im riesigen Chrysler vor ihrem Aufnahmestudio vor, fährt damit im Lastenaufzug in den zwölften Stock, rollt ins Studio, steigt aus, wechselt ihre Kleider und singt. Zwei Stunden später sitzt sie im Helikopter, der bringt sie zum Privatjet, der zum nächsten Termin fliegt. Total hysterisch das Ganze", sagt der Mann, der sich mit Extravaganzen auskennt wie kein anderer.

Eine Anfrage von Britney Spears hat Mugler gerade abgesagt. Zeitmangel. Er arbeitet an einem Musical und an einer Revue. Sein Ziel sei es immer gewesen, Spaß zu haben an dem Neuen. Er hat als Tänzer gearbeitet, als Fotograf, er drehte Filme und entwarf Kostüme für die Pariser Oper und die Comédie Française. Zuletzt hat er in Las Vegas für den Cirque du Soleil die 15-Millionen-Dollar-Revue "Zumanity" ausgestattet, sie mit Dominas und Satyrn, Insektenmenschen und Roboter-Göttinnen bevölkert. Muglers Trapezakte wurden zu Fesselnummern, der Pas de deux zum Sadomaso-Späßchen.

Er sei schon als Kind immer beschäftigt gewesen, erzählt er. Ein Einzelkind, ein Arztsohn, der zum Kummer seines strengen Vaters häufig die Schule schwänzte. "Ich wachte auf, verließ das Haus, ging ins Museum. Ich spielte Theater, bastelte Kleider, ich hing herum und dachte über meinen künftigen Ruhm nach." Mit neun Jahren nahm er dann im heimatlichen Straßburg Ballettunterricht an der Opéra du Rhin; gerade volljährig, flüchtete er aus dem biederen Elsass - zuerst nach London, dann auf ein Hausboot an der Amsterdamer Prinsengracht, schließlich nach Paris.

Von der Mode abgewendet

Im Berufsleben flatterhaft und unstet, hält Thierry Mugler seinen Parfüms die Treue. Und sie halten seinen Namen am Leben und bringen viel Geld: Angel rangiert seit seiner Einführung 1992 unter den weltweit erfolgreichsten Düften, Nachfolger Alien läuft kaum weniger gut. Er betreibt das Duftgeschäft durchaus mit Ernst: entwirft Sondereditionen seiner Dauerbrenner, bastelt an Flakons, im nächsten Jahr gibt es ein neues Frauenparfüm, und immer hält er seine Parfümeure auf Trab. Mal ließ er sie nach der Essenz von Schokolade fahnden, mal nach dem Geruch von Sperma - "ohne solche Herausforderungen wäre das Parfümgeschäft langweilig".

Was aber ist mit der Mode? "Nichts mehr", sagt er, "fini. Ich habe alles gemacht, was ich machen wollte. Jetzt mag ich nicht mehr." Das ist so, seit der französische Kosmetikkonzern Clarins, Eigner seines Betriebs, 2003 die Schließung der Modesparte beschloss. In Paris werden seit dem vergangenen Jahr zwar wieder Kollektionen unter Muglers Namen auf den Laufsteg geschickt, doch dessen Kommentar ist eindeutig: "Es gibt keine Kleiderkollektion, an der ich beteiligt wäre. Es gibt bloß eine in Lizenz hergestellte Konfektionslinie."

Die Kollegen setzen ihm derweil Denkmäler: Balenciaga, Mc-Queen und Dolce & Gabbana - die Kollektionen in Paris und Mailand stecken voller Muglers, kaum eine Schulterpartie, die nicht wie von seiner Hand geschnitten aussieht. Der Meister ist nur mäßig beeindruckt. "Es beweist, dass ich meiner Zeit voraus war, ein Visionär - das ist alles."

Eine herausstechende Kollektion

Er habe wunderbare Sachen gemacht, aber kaum jemand habe sie verstanden, sagt er. In seiner ersten Laufstegschau im Wintergarten des Pariser Hotels Meurice zeigte er zur Musik von Wagner Frauen mit Riesenschultern, Wespentaillen und in High Heels. Nach fünfminütigem, beinah sakralem Schweigen seien die anwesenden Fachleute in Jubel ausgebrochen, erzählt er. Endlich war da jemand, der sie vom konturlosen Hippie-Fummel erlöste. Mitte der Siebziger war das.

Dem Publikum stießen seine Amazonen eher übel auf. "Das Establishment hat sich über mich lustig gemacht. Man traute mir nicht über den Weg. In meinem ersten Interview, das ich der französischen ‚Vogue‘ gab, wurde ich nach meinen Inspirationen gefragt: Leni Riefenstahls Film ‚Das blaue Licht‘, habe ich geantwortet. Das haben sie sich aber nicht zu drucken getraut."

Auch die Feministinnen waren irritiert von seinen Kreuzungen aus Barbie und Domina oder den schwarzen Lederkorsetts, deren Brüste er mit Nägeln spickte. "Man hat mir oft vorgeworfen, ich würde Frauen und ihre Körper nicht mögen. In Wirklichkeit habe ich mich mit der Frage beschäftigt, die jede Frau sich stellt: Wie sehe ich modern, sexy und schön aus?" Um Bequemlichkeit sei es ihm nie gegangen - "was ist Tragbarkeit schon wert gegen das Gefühl des Selbstvertrauens?"

Individuum mit Extremen

Er sei immer ein Kind geblieben, sagen seine Freunde, unerträglich selbstherrlich, verletzend egozentrisch und doch anrührend hilflos. Noch heute steht er auf und geht, wenn er nicht mehr mag, einfach so: im Restaurant, in der Oper, bei der Arbeit. Er pöbelt, er kränkt und will dabei doch nur Lob. Er stellt Nacktbilder von sich ins Internet, aus Spaß an der Freude. Er könne nicht anders: "Wo immer ich bin, bin ich in meinem Universum und tue, was ich tun muss."

Die Sechzig hat Thierry Mugler überschritten. Er macht nicht mehr auf Ledercowboy, er fegt nicht mehr wie ein Derwisch über Pariser Tanzböden. Das Bodybuilding, vermutet er, Yoga und Stretching haben ihn wohl ruhiger gemacht. "Ich fahre kein Motorrad mehr, sondern einen Toyota, und ich habe ein Team um mich, das meine extremsten Ideen bremst." In festen Händen ist er nicht, eigentlich auch nie gewesen. "Ich denke, Leute leben zusammen, wenn sie gleiche Interessen haben, gemeinsame Ziele verfolgen. Ich habe noch niemanden getroffen, der so ist wie ich." Derzeit plagt ihn darum ein schwieriges privates Problem - der Vorwurf lautet, man könne unmöglich mit ihm zusammenleben. "Doch ich habe fest versprochen, mich zu bessern."

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