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Germany's Next Topmodel: So verhindern Eltern Magersucht beim Model-Gucken

Eine Studie zu Germany's Next Topmodel sagt, die Sendung fördere Essstörungen. Warum Reality-TV was besser macht und Kinder Komplimente brauchen, erklärt Studienleiterin Maya Götz.

Von Vivian Alterauge

GNTM in der Kritik: Die Lofik der Sendung fördert Essstörungen

GNTM in der Kritik: Die Lofik der Sendung fördert Essstörungen

Ein unberührter Burger, umschlungen von perfekt manikürten Fingernägeln. Ein brutzelndes Käsefondue. Nutellapfannkuchen zum Nachtisch. Heidi Klum liebst es, Junkfoodmotive zu posten. Modelaskese? Papperlapapp. Für die Message reicht eine küchenpsychologische Analyse aus: Ich esse alles, lustvoll, Kalorien halten mich nicht auf. Eigenmarketing im Zeitalter von Instagram. Ein probates Mittel, auch um auch ihre Show, "Germany‘ Next Topmodel" von Magermodel-Vorwürfen freizusprechen.

Denn dort wird sie seit zwei Staffeln auffällig häufig dabei gezeigt, wie sie sich über tropfende Döner hermacht. "Für Frauen mit Essstörungen ist solch ein Bild schwer zu ertragen"; sagt Maya Götz, Leiterin des internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI). Natürlich sei es erst einmal gut, Identifikationsfiguren wie Klum mit einem Döner in der Hand zu sehen. Aber gerade Mädchen mit einer Essstörung können den Bildern nicht glauben. Oder machen sich zusätzlichen Druck: Warum kann die das essen und ich nicht? Gefährdet GNTM also die Zuschauerinnen?

Eine Studie ihres Instituts unter Mädchen und Jungen, die wegen Essstörungen behandelt werden, zeigt: Fast ein Drittel der 241 Befragten gaben zu, die Show sei entscheidend für die eigene Krankheitsentwicklung. 85 Prozent der Patienten stimmen zu, dass die Show Essstörungen verstärken könne. Zurecht wird die Sendung ihr schlechtes Image nicht los.

Jungen Mädchen fehlt ironische Distanz

Unter Zwanzig- bis Dreißigjährigen wurde das Format zuletzt allenfalls noch ironisch geschaut, mit einer Eispackung in der Hand, und Chipskrümel auf der Bluse, sekttrinkend, in teenieeskem Lästermodus. Alltagsflucht, Entspannung, die mit der letzten Sendeminute auch irgendwie schon wieder vergessen ist. Jungen Mädchen fehlt jedoch noch häufig diese ironische Distanz, bestätigt auch Götz. Für Kinder und Jugendliche entspricht das auf Makellosschönheit inklusive Oberschenkellücken zurechtgestutzte Format, einem Hochglanzabziehbild der Realität. Ihrer Realität. Gerade Mädchen, die anfällig sind für Magersucht, werden von diesem Format in ihrer falschen Selbstwahrnehmung bestätigt.

Heidi und ihre "Mädchen", das sei immer noch ein prägendes Schulhofthema, auch unter den "Gesunden" erklärt Götz. In einer weiteren Studie, die in den nächsten Wochen erscheint, wurde eine repräsentative Gruppe gefragt, ob sie sich zu dick finde. Mädchen, die Germany’s Next Topmodel ansehen, bejahen dies deutlich häufiger. Natürlich kann man einem einzigen Format kaum die verquere Selbstwahrnehmung einer ganzen Generation anlasten. "Es gibt aber keine andere Sendung, die diese Logik so perfide verfolgt", sagt Götz.

Reality-TV als Gegengewicht?

ProSieben selbst verteidigt sich mit den Worten, die Show sei eher ein Appell, sich gesund zu ernähren. Tatsächlich mag Übergewicht, der ständige Kampf mit den Kilos, größere Gruppen der Gesellschaft betreffen. Doch Essstörungen, das Thema der Studie, muss in einem viel größeren gesellschaftlichen Zusammenhang gesehen werden. Es geht auch um das Gefühl für den eigenen Körper, das Heranwachsende erst entwickeln müssen.

"Bei der Show geht es immer um's Äußere: Bewundern, bewerten und abwerten, um sich selbst besser zu fühlen" sagt Götz. Im gleichen Augenblick vergessen die Mädchen und Jungen, dass sie keine normalen Teenager sehen bei GNTM. "Das wäre wie wenn man sich mit einem Spitzensportler vergleicht." Götz glaubt, das gemeinsames Fernsehen mit den Eltern, eine positive Rückmeldung, ein "ich finde dich wunderschön wie du bist", verhindern kann, sodass Mädchen gar nicht erst in diese Logik hineinfallen. Wenn die Models also mit Farbe bespritzt, in die Kälte gestellt, auf ihr Gewicht angesprochen werden: "Ruhig auch mal fragen: Würdest du dich gerne so behandeln lassen wie diese Mädchen?"

Was fehlt, sind alternative Identifikationsfiguren. Lena Dunhams des deutschen Mainstreams sozusagen. Denn auch abseits von GNTM begegnet man in der deutschen Fernsehlandschaft immer wieder diesem Typ grenzanorektischen Mädchens: "Langbeinig, mit ebenmäßigem Gesicht, gerader Nase, eher unter- als normalgewichtig", so beschreibt Götz es. Die einzigen Mainstream-SHows, die andere Ideale vermitteln, sind derzeit tatsächlich Reality-TV-Serien. In einer Studie lobten Befragte die normale Körperlichkeit der Darsteller, zitiert Götz. Es liest sich geradezu absurd, dass die so oft ausgeschimpften, als Unterschichten-Fernsehen degradierten Formate eine Art Gegengewicht zum stereotypen Mädchenbild bieten.