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Gisele Bündchen: "Geld allein macht nicht glücklich"

Sie hat in ihrem Model-Leben 150 Millionen Dollar verdient, davon alleine 25 Millionen im letzten Jahr. Jetzt, findet Gisele Bündchen, ist es an der Zeit, ein bisschen die Welt zu retten - mit einer Badelatsche.

Von Harald Braun

Gisele Bündchen auf einen Kaffee zu treffen und nicht Brad Pitt oder wenigstens Leonardo Di Caprio zu sein, das hat etwas ziemlich Armseliges. Es fühlt sich in etwa so an, wie 18 Jahre alt zu sein und plötzlich in einem Ferrari zu sitzen. Man muss sich das vorstellen wie eine emotionale Gemengelage aus Freude, Ehrfurcht und völliger Überforderung. Keine Ahnung, wie es Gisele Bündchen in solchen Momenten geht, vermutlich wie der Besitzerin mehrerer Ferraris, der man an einem Montagnachmittag auch noch einen gebrauchten Mitsubishi andrehen will. Falls sie dergleichen denkt - sie ist in der Lage, es bravourös zu überspielen. Ihre noch feuchten Haare duften nach der synthetischen Aprilfrische eines teuren Shampoos, als sie Vertreter der Weltpresse in einer Madrider Hotelsuite zum Gespräch über ihr "Projekt" empfängt.

Diesmal reist das brasilianische Model nämlich nicht für seine angestammte Klientel von Bulgari, Dior oder Victoria’s Secret durch die Lande, sondern im zeitgemäßen Auftrag von, Zitat, "Mode und Moral". Obwohl Gisele Bündchen das niemals so hochgestochen ausdrücken würde. Derart griffigen Überbau steuert die PR-Firma eines brasilianischen Sandalenfabrikanten bei. Gisele selbst sagt es schlichter. Mit der rauchigen, leicht belegten Stimme einer Losverkäuferin auf dem Rummel erzählt sie davon, wie die neue Kollektion der unter ihrem Namen vertriebenen Schuhe den brasilianischen Regenwald retten soll - nun auch mithilfe großherziger Menschen in Europa. "Ich unterstütze seit sechs Jahren die Kisedje-Indios bei ihrem Kampf um den Erhalt des Xingu-Flusses", sagt sie. "Wir wollen weitere Wasserverschmutzungen im größten Fluss Brasiliens verhindern und die Augen der Weltöffentlichkeit auf die Folgen der Abrodung der Regenwälder lenken." Sie lacht, während sie das erzählt. Es muss Spaß bereiten, die Welt ein bisschen besser zu machen, vor allem, wenn man dazu nur ein paar Badelatschen benötigt. Und wenn diese einem, quasi im Vorbeischlappen, mehrere Millionen Dollar einbringen.

Insgesamt etwa 150 Millionen Dollar verdient

Gisele Bündchen, 26 Jahre alt, hat im vergangenen Jahr 30 Millionen Dollar ausschließlich damit verdient, wie Gisele Bündchen auszusehen. Gesamtverdienst seit ihrem 14. Lebensjahr: etwa 150 Millionen Dollar. Damit ist sie momentan das bestbezahlte Fotomodell und nach der Logik der Modebranche auch die "schönste Frau der Welt". Es wird ihrer Schönheit kaum einen Abbruch tun, dass die Dessousfirma Victoria’s Secret, von der sie in den vergangenen fünf Jahren insgesamt 25 Millionen Dollar Gage erhalten hatte, nun die Zusammenarbeit für beendet erklärte. Der Trennungsgrund: Gisele soll ein übertrieben hohes Honorar gefordert haben. Kurz nach der Kündigung vermeldete aber der L’Oreal-Konzern, dass man Bündchen als neues Gesicht für das Cacharel-Parfüm Liberté gewinnen konnte.

Für Premium-Kunden und "Freunde" wie das Mailänder Designer-Duo Dolce & Gabbana ist Gisele hin und wieder noch auf dem Laufsteg zu sehen, ansonsten buchen solvente Firmen ihr Gesicht und ihren Namen für internationale TV- und Printkampagnen. Sie spielte außerdem in den Kinofilmen "Taxi" und "Der Teufel trägt Prada" kleinere Rollen, was allerdings noch niemanden dazu veranlasste, eine Oscar-Nominierung zu erwägen. Manchmal sagt Gisele Bündchen Sätze, die aus dem Erbauungskalender der örtlichen Krankenkasse stammen könnten: "Geld allein macht nicht glücklich!", ist so eine Sentenz. Und: "Man muss das Leben genießen!" Oder auch: "Eine glückliche Ehe ist das größte Glück!" Das sind schlichte Weisheiten für die Tochter eines Buchautors, und man muss an die Worte ihres ehemaligen Arbeitgebers John Casablancas denken. Der Gründer der Model-Agentur Elite hatte geäußert, das Supermodel sei zwar unbestritten schön, aber in intellektueller Hinsicht leider "keine große Leuchte",zudem ein "egoistisches Monster". Doch das war, nachdem sie Elite verlassen hatte, und fällt also als objektive Persönlichkeitsbestimmung aus der Wertung. Außerdem hält Gisele Bündchen ja keine Vorlesungen in Hermeneutik, sondern ihr Gesicht vor Kameralinsen.

Welche Fragen sie im Interview nicht beantworten wird, stellt sie freundlicherweise schon vorher klar: alle privaten. Auf dem Index stehen also genau die Themen, mit der sich die Weltpresse in diesen Tagen beschäftigt: Hat sie die große Liebe gefunden? Wird sie heiraten? Ist sie schwanger? Wird sie das Modeln dafür an den Nagel hängen? Es ist nämlich so: Seit Anfang dieses Jahres hat Gisele Bündchen einen neuen Freund. Es ist der Quarterback der New England Patriots, Tom Brady, 29, ein American-Football- Spieler und Superstar in den USA. Eine standesgemäße Beziehung, nicht nur, weil Brady selbst einen 60-Millionen-Dollar-Vertrag bei seinem Verein abarbeitet. Er soll auch mindestens zehn Zentimeter größer als Giseles berühmter Ex-Freund Leonardo DiCaprio sein - was den angenehmen Effekt hat, dass sie bei gemeinsamen Auftritten endlich hochhackige Schuhe tragen kann. Dumm ist an dieser frischen Romanze nur, dass die langjährige Ex-Freundin von Brady, die Schauspielerin Bridget Moynahan, von Brady schwanger ist. Offizielle Lesart: Beim Beginn der Beziehung mit Gisele Bündchen hatte sich Brady schon von Moynahan getrennt, trotzdem freue er sich auf das Kind.

Ihr wurde ein Baby angedichtet

Dem "Boston Globe" allerdings war das noch ein Baby zu wenig, er dichtete auch Gisele Bündchen eine Schwangerschaft an, was diese allerdings dementierte. Babykleidung und Spielzeug habe sie zwar gekauft, allerdings um die Sachen an Bradys schwangere Ex-Freundin zu schicken, heißt es. Vielleicht ist diese Geschichte nur ein böses Gerücht. Man müsste mal nachfragen dürfen, aber alles, was Gisele dieser Tage bewegt, sind die Sandalentragenden Indios im Regenwald.

"Fünf Tage habe ich bei ihnen gelebt", erzählt sie, und sie fand es "interessant" und "auch ein bisschen lustig". Was die Gestaltung der vier - natürlich aus ökologisch unbedenklichen Materialien gefertigten - Gummischuhe angehe, habe sie zwar "nicht allzu viel beigetragen" - aber man könne ja sehen, dass die Modelle auf ihre Weise die Kultur des brasilianischen Naturvolkes widerspiegelten.

Auf die Frage, wie viel denn vom Erlös der Ipanema-Badelatsche beim „Y Ikatu Xingu“-Projekt der Indios hängen bleibe, bricht der Redefluss kurz ab. Hilfesuchend blickt sie die Firmenvertreterin an, schließlich springt ihre Schwester Patricia ein, die gleichzeitig ihre Agentin ist: "Ein Prozent!" Ein Prozent klingt selbst für Gisele Bündchen nicht unbedingt nach überragendem karitativem Engagement, doch die Dame wiegelt ab: "Das ist so üblich!" Na dann. Gisele, nebenbei, ist mit sieben Prozent Umsatzbeteiligung dabei. Ist wohl auch so üblich.

Bündchen liebt deutsche Autobahnen

"Haben die Erfahrungen im Regenwald Ihr Verhältnis zur Natur, zum Klimaschutz und all den ökologischen Postulaten der Zeit verändert?" Gisele Bündchen schweigt und denkt nach. Energiesparen im Haushalt - fällt ihr dazu etwas ein? Vielleicht zum Thema Fair Trade oder ökologische Produkte? Da nickt sie zögerlich: "Aaah, Sie meinen, ob ich bei diesen Leuten einkaufe, die nur organische Baumwolle für ihre T-Shirts verwenden, wie heißen sie gleich – American Apparel?" - Ja. Genau! "Ach, wissen Sie, in meinem Job kriegt man so viele Sachen geschenkt, ich gehe kaum noch einkaufen." Und wie sieht’s mit Hybrid-Motoren aus? Was für ein Auto fährt sie? Gisele Bündchen guckt ein wenig irritiert. "Einen Lexus. Und einen Mercedes." Dann erinnert sie sich offenbar an die Herkunft des stern und strahlt: "Aber in Deutschland, da bin ich gern auf der Autobahn, da darf man so schnell fahren, wie man will. Ich! Liebe! Das!" Zum Thema Ökobewusstsein und Umweltschutz nicht unbedingt eine Eins-a-Antwort.

"Zwei Fragen noch!", ruft Patricia Bündchen nach einer halben Stunde Gesprächszeit. "Ach, lass doch!", widerspricht Gisele und lächelt. "Ich rede ja auch immer so viel!" Das "Bad Sister/Good Sister"-Ding haben die beiden offensichtlich geübt, die Botschaft dieser kleinen Inszenierung ist klar: Gisele ist freundlich, geerdet, unkompliziert. Passend dazu ihre drei wichtigsten Pläne für die Zukunft, die sie abschließend in die Welt senden möchte: "Viele Kinder und eine glückliche Ehe!" (später, sehr viel später!). "Mein Haus endlich fertig renovieren und ausstatten!" (sehr bald, in downtown New York). Und "mich in Brasilien um meine Familie kümmern!" (jederzeit, sie hat noch fünf Schwestern). Beim Hinausgehen fragt Patricia Bündchen allen Ernstes, ob man denn alles bekommen habe, was man brauche. Nun. Sagen wir mal so: Ferrarifahren wird auch ein wenig überschätzt.

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