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Christoph "Icke" Dommisch und Sebastian Vollmer 45 Jahre alt, anfangs unterschätzt, angeschlagen erst richtig gut – das Geheimnis hinter Football-Megastar Tom Brady

Tom Brady ist der erfolgreichste Quarterback aller Zeiten
Tom Brady ist der erfolgreichste Quarterback aller Zeiten
© Julio Aguilar/Getty Images / AFP
Tampa Bay Buccaneers versus Seattle Seahawks – das allererste NFL-Spiel in Deutschland ist nur noch wenige Tage entfernt. Zeit, einmal mit Profis über Football, Tom Brady und verschlafene Silvester zu sprechen.

Es sind 17 Grad in München. Der erste Tag, der so richtig nach Herbst riecht. Im Hofgarten ist an diesem Tag trotz bewölktem Himmel reger Betrieb. Der Biergarten des "Tambosi" mit Menschen in dicken Jacken gefüllt. Und dann ist er da: Kurze Hose, wehende Haare und das verschmitzte Grinsen, das wir aus dem TV kennen. Christoph "Icke" Dommisch lehrt das deutsche Fernsehpublikum mit seinen "ran"-Kollegen seit nunmehr sieben Jahren, wie American Football funktioniert. Es ist eine Erfolgsgeschichte, die das Team geschrieben hat. 

Expertise kommt auch von Sebastian Vollmer. Der Deutsche hat geschafft, was nur wenigen Deutschen vor ihm gelungen ist: in der NFL spielen. Zwischen 2009 und 2016 war er als Offensive Tackle bei den New England Patriots unter Vertrag. Dort beschützte er den Superstar, auf den sich ganz Deutschland am 14. November freut: Tom Brady. Das Match gegen die Seattle Seahawks ist ein großer Höhepunkt: Zum allerersten Mal stehen sich zwei Teams der NFL auf deutschem Boden gegenüber. "Ich sehe seit 12 Jahren Football und hätte nie gedacht, dass jemals ein Spiel in Deutschland ausgetragen wird", sagt "Icke" mit einem Leuchten in den Augen. "Mir läuft’s ein bisschen kalt den Rücken runter, dass es relativ schnell geklappt hat. Die Vorfreude bei mir ist riesig." Nicht anders empfindet es Sebastian Vollmer, der uns per Telefon aus den USA zugeschaltet ist. Dabei verfolgt er den Prozess aus einer anderen Perspektive. "2009 hatte ich persönlich das erste Gespräch mit Robert Kraft, dem Eigentümer der Patriots, wo ich gespielt habe, dass er gerne in Deutschland spielen würde. Die Expansion nach England war erfolgreich und der nächste Schritt war Deutschland. Die Amerikaner haben gesehen, wie groß die Nachfrage ist und wie viele Tickets verkauft werden können. Aber diesen riesigen Konzern NFL ins Ausland zu übertragen, dauert natürlich seine Zeit." 

Der starke Mann an Tom Bradys Seite: Sebastian Vollmer. Der Deutsche schützte die Seite des damaligen "Patriots"-Quarterbacks von 2009 bis 2016
Der starke Mann an Tom Bradys Seite: Sebastian Vollmer. Der Deutsche schützte die Seite des damaligen "Patriots"-Quarterbacks von 2009 bis 2016
© Schüler / Imago Images

NFL-Spiel in München: Stadt erwartet Einnahmen von mehr als 30 Millionen Euro

Und es kostet Geld. Der stern hat bei der Stadt München nachgefragt, mit welchem finanziellen Aufwand gerechnet wird. Dort heißt es: "Die Kosten sind nicht-öffentlich, aber der anzunehmende wirtschaftliche Gegenwert durch Besucher:innen und Übernachtungen beläuft sich nach einer ersten Auswertung des Referats für Arbeit und Wirtschaft auf ca. 31,5 Millionen Euro." Involviert sind mehrere Referate, um Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung gewissenhaft umsetzen zu können. "Die Sicherheit unserer Bürgerinnen und Bürger, unserer Gäste und Fans steht natürlich an oberster Stelle", betont Oberbürgermeister Dieter Reiter auf Anfrage. Er sei zwar kein Fan, aber gespannt auf das Spiel zwischen den Bucs und den Seahawks. "Die Verbindung mit der National Football League wird wieder vielen Menschen weltweit zeigen, dass die Münchnerinnen und Münchner herzliche Gastgeber sind und dass wir große Veranstaltungen professionell und sicher organisieren können", so der SPD-Politiker. Von Seiten der NFL gibt es Lob für die Stadt. General Manager Alexander Steinforth sagt dem stern: "Wir sind sehr zufrieden mit den Vorbereitungen." Er gibt zu bedenken, dass man nur neun Monate Zeit gehabt habe, um dieses "globale Event" auf die Beine zu stellen. "Normalerweise planen wir die doppelte Zeit hierfür ein." Dies sei "die größte Herausforderung" gewesen, so Steinforth.

Tom Brady erlebt Einbruch – wegen der Scheidung von Gisele?

Zurück im Münchner Herbst und hin zur Person, die derzeit nicht nur die sportliche Berichterstattung bestimmt: Tom Brady. Der Football-Megastar ist eine aktive Legende. Er hat siebenmal den Super Bowl, die Meisterschaft in seinem Sport gewonnen – einsamer Rekord. Außerdem ist er bereits 45 Jahre alt, was in einem gefährlichen Kontaktsport wie es American Football ist, nie unterschätzt werden darf. Es ist eine Sensation, dass ausgerechnet er zur geschichtsträchtigen Premiere nach Deutschland reisen wird. Auch wenn sich Reiter und Steinforth mit der ganz großen Begeisterung über diese Personalie politisch korrekt zurückhalten und auf die Wichtigkeit, dass es überhaupt ein NFL-Game in München gibt, konzentrieren, ist die Strahlkraft Bradys extrem mächtig. "Icke" nennt es "ein Riesenglück". Spannend wird zu sein, wie sich Brady hierzulande verhält, denn er reist mit "Gepäck" ins Ausland. Zuletzt hat er mit den Bucs zwar knapp gewonnen, aber davor dreimal hintereinander verloren. Eine Premiere. Außerdem teilten er und Gisele Bündchen mit, dass sie sich haben scheiden lassen. Ein Grund für die Negativ-Serie des Quarterbacks? "Wenn es jemanden gibt, der sich voll und ganz auf eine Sache fokussieren und alles andere ausblenden kann, ist es Tom Brady", erklärt Sebastian Vollmer mit Nachdruck. "Alle paar Jahre hat Brady mal einen Einbruch, ich würde vorsichtig bleiben. Es hat wenig mit den Nachrichten über sein Privatleben zu tun, denke ich. Es ist immer noch ein Teamsport und alle müssen sich an die eigene Nase fassen. Es sind außerdem einige Spieler verletzt." Zustimmendes Nicken bei "Icke". "Das Verrückte ist, dass er mit 45 Jahren nicht schlechter geworden, sondern mindestens auf demselben Niveau geblieben ist", findet der 35-Jährige. "Jemanden zu erleben in diesem Alter mit sieben Ringen, der zum allerersten Mal drei Spiele hintereinander verloren hat, finde ich ziemlich interessant." Er sei Brady-Fan, aber sehe ihn nicht nur gerne gewinnen, sondern auch straucheln und kämpfen.

stern-Redakteurin Laura Schäfer mit Christoph "Icke" Dommisch
stern-Redakteurin Laura Schäfer mit Christoph "Icke" Dommisch
© Privat

Weltweit wird der Quarterback von Kritikern wie Fans liebevoll GOAT – Greatest of all time (zu Deutsch: Der Beste aller Zeiten) – genannt. Dabei hatte er beileibe keinen einfachen Start in der NFL. "Er war der 199. Pick, ihn wollte keiner haben. Man hat es ihm nicht zugetraut", erinnert sich der TV-Mann. "Er hatte immer einen holprigen Weg und ist mittlerweile so gut, dass es gar nicht mehr so holprig aussieht. Darum ist er für mich der GOAT." Sebastian Vollmer möchte eine andere Qualität seines früheren Teamkollegen hervorheben. "Für mich ist wichtig, was Tom Brady für seine Teamkollegen tut. Durch seine Präsenz werden die anderen besser." Normalerweise bekomme der Spieler nach den Trainingseinheiten Feedback von seinen Trainern. Am nächsten Tag könne er es besser machen. Anders sei es mit Tom Brady in der Mannschaft. Der gebe nach jedem Spielzug noch auf dem Feld Feedback. Rechne man dies auf die ganze Saison hoch, könne sich jeder Spieler schneller weiterentwickeln. Für Vollmer hören die positiven Auswirkungen aber nicht beim Team auf, sondern erstreckten sich auch auf die Performance der Trainer. Denn komme ein jüngerer Coach neu hinzu und treffe auf den erfahrenen Brady, müsste der sich an das Tempo des Quarterbacks anpassen. "Er lebt schon einen hohen Standard vor", so Vollmer und es liegt Bewunderung in seinem Tonfall.

"Icke" Dommisch über Bucs-Quarterback: "Es ist ein bisschen verrückt, was er tut"

Aber der Star-Spieler zahlt einen hohen Preis für seinen rekordbrechenden Erfolg. Supermodel Gisele Bündchen hat in den vergangenen Jahren immer wieder offen gesagt, dass sie sich wünsche, ihr Mann würde sich häufiger auf die Familie konzentrieren. Aber dem Sport stellt Brady alles hinten an. "Man kann sagen: Er ist besessen", so "Icke". "Als normaler Mensch würde man sagen, chill mal, du bist 45, bist erfolgreich, hast eine Frau und Kinder. Es ist ein bisschen verrückt, was er tut. Aber das macht die Faszination aus." Anfang des Jahres hatte Brady schon den Schritt zum Rücktritt gewagt – nur um wenige Wochen später alles zurückzunehmen und sein Comeback zu feiern. Wie seine Frau das aufgenommen hat? Man kann es sich vorstellen. Jetzt ist das einstige Glamour-Paar Geschichte. Verzicht für den Sport kennt auch Sebastian Vollmer. "In meinem Fall ist es so, dass ich Hochzeiten verpasst habe, Beerdigungen, ich war seit 20 Jahren an Silvester nicht mehr wach – du ordnest einfach alles deiner Leidenschaft unter." Mittlerweile sieht das Leben des früheren Leistungssportlers anders aus. Er trainiere zwar weiterhin jeden Tag, sagt der Familienvater, aber kürzer und anders. "Es geht mehr um die Gesundheit und es interessiert keinen mehr, ob ich 300 Kilo stemmen kann."

Wie geht’s denn nun aus? Tiefes Durchatmen, leises Gelächter diesseits und jenseits des Atlantiks. "Ich gehe mit Tommy beim Spielausgang. Tampa Bay wird mit 28:21 gewinnen", entschließt sich Sebastian Vollmer dann. Ein Grinsen bei Christoph Dommisch: "Das ist ein schönes Ergebnis. Damit es ausgeglichen bleibt, gehe ich mit, aber sage, 28:21 für die Seahawks." Ob er damit recht behält? Kurz zuvor hatte Vollmer noch gewarnt: Niemals gegen Tom Brady wetten!

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