Gothic-Mode Feen der Finsternis


Spinnwebartige Vorhänge, lebende Eulen und fedrige Gewänder: Designer wie Gaultier und Galliano entwerfen Mode, die Schauer über den Rücken jagt. Düstere "Gothic"-Kleidung gibt in der kommenden Saison den Ton an.

Bisher ließen vor allem jugendliche "Grufties" mit ihrem gruseligen Aussehen ihre Eltern erschauern. Doch bald könnten erwachsene Frauen ihrem Umkreis eine ähnliche Art von "Geisterstunde" zumuten, zumindest wenn sie modebegeistert sind. Dunkle "Gothic"-Kleidung ist einer der großen Trends der kommenden Saison. Zum Glück nur einer unter mehreren: Neue Sachlichkeit, 60er-Jahre-Chic oder klassische Eleganz lauten die weniger schrillen Alternativen.

Und so mag man es mit Gelassenheit ertragen, wenn einem plötzlich ein Abklatsch von Morticia aus der "Addams-Family" auf der Straße begegnet. An die von dem Cartoonisten Charles Addams ersonnene Schöne mit allerlei skurrilen Gewohnheiten erinnern die Models mit bis zur Taille reichenden Haaren, blassen Gesichtern und Fledermausgewändern etwa in John Gallianos Schau der Herbst/Winter-Kollektion 2006/2007 für Dior.

Düstere Melancholie und Rockstarallüren

Als "Gothic Chic" hatte der Stardesigner diese betitelt und verpasste seinen Models dabei durch große Sonnenbrillen und Bandanas (Piratentücher) in den Haaren noch etwas Rockstarallüre. Gewaltige Mäntel aus Pelzstreifen, schwarze Glitzerjeans, blutrote Gewänder und Ketten, an deren Ende Kreuze mit dolchartig zugespitztem Stab hingen, komplettierten den Eindruck dunkler Romantik, der schon die Dior-Couture-Schau für diesen Sommer geprägt hatte.

Andere schlugen in die gleiche Kerbe: Karl Lagerfeld verband in seiner eigenen, in New York gezeigten Kollektion schwarze "Gothic"-Elemente mit elegantem Lagenlook. Newcomerin Jasmine Di Milo (Tochter des Unternehmers Mohamed Al Fayed und Halbschwester des gestorbenen Dodi) hob in Paris mit ihren Entwürfen das surreale Element dieses Trends hervor. Auch bei den italienischen Marken Zucca sowie Costume National spielt düstere Melancholie eine große Rolle.

Feen der Finsternis

Als Feen der Finsternis kleidete Jean Paul Gaultier seine Mannequins. Spinnwebartige Vorhänge, lebende Eulen sowie fedrig-feine Gewänder gehörten zur Inszenierung dieser subtil gearbeiteten Kollektion. Und irgendwie dachte man an Bücher wie "Frankenstein", an Dracula und Transsilvanien. Aber auch ein bisschen ans Mittelalter und die echte Gotik, der wiederum Miuccia Prada in Mailand in einer wegweisenden Kollektion voll Klarheit huldigte.

Natürlich hat das eine mit dem anderen zu tun. Die "Gothic"-Bewegung, die seit über zwei Jahrzehnten durch die Jugendszene spukt, knüpft sowohl an mittelalterliche Elemente als auch an Romantik und Symbolismus an. Allerdings interessiert sie am Mittelalter die Mystik und Düsterkeit und nicht die klösterliche Strenge, die beispielsweise Prada aufnahm. Galliano bezog sich auf diese moderne "Gothic"-Richtung mit ihren Grufties und melancholischen Punk-Typen. Gaultier schließlich erinnerte mit seinen Rüschenkleidern und Samthosen an die Romantiker des 18. und 19. Jahrhunderts, zu denen auch die Verfasser von "Gothic Novels" wie "Frankenstein"-Erzählerin Mary Shelley gehören.

Ein bisschen Budenzauber

Eins verbindet all diese Richtungen: Der Wunsch, dem nüchternen Alltag zu entfliehen. Und der scheint heute besonders stark zu sein. Nicht umsonst boomen Fantasy-Romane oder Filme wie "Da Vinci-Code". Und ähnlich wie Literatur und Kino rührt nun auch die Mode kräftig in dem Gemisch von Historischem und Fantastischem. "Humankind cannot bear much reality", dass der Mensch allzu viel Realität nicht ertragen könne, hat der Dichter T.S. Eliot einst geschrieben. Und da die Mode des kommenden Winters ansonsten eher streng und nüchtern auftritt, tut ein bisschen Budenzauber ganz gut.

Stefanie Schütte/DPA DPA

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