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Fußball-EM in der Ukraine: Merkels Ticket in die Finsternis

Bisher war von Boykott wegen der Menschenrechtsverstöße in der Ukraine die Rede. Nun will die Kanzlerin doch nach Kiew, wenn die Deutschen im Finale stehen. Wie das?

Von Lutz Kinkel und Hans Peter Schütz

Bloß keine Debatte. Jedenfalls jetzt nicht. Zu heikel. Könnte ja sein, dass unsere Jungs im Halbfinale gegen Italien verlieren. Dann hätten sich alle weiteren Fragen erübrigt. Wozu die Kanzlerin mit etwas belasten, was vielleicht gar nicht eintritt?

Diese Strategie hatte Regierungssprecher Steffen Seibert offenkundig im Hinterkopf, als stern.de am Montag nachfragte, ob Angela Merkel beabsichtige, nach Kiew zu reisen, falls sich die Deutschen ins Finale kicken. Das hatte sie, wie eine Reihe Spieler bestätigen, nach dem Spiel Deutschland-Griechenland bei ihrer Stippvisite in der Umkleidekabine der Nationalelf angekündigt. Seibert aber wollte dazu nichts sagen. Merkels Gespräche in der Umkleidekabine seien privat gewesen, im Übrigen würde die Kanzlerin über ihre Teilnahme am Finale "kurzfristig" entscheiden. Die Sprecherin des Bundesinnenministeriums, das auch für Sport zuständig ist, sagte dasselbe über ihren Dienstherren Hans-Peter Friedrich (CSU).

Sollte die Kanzlerin zum EM-Finale nach Kiew reisen, falls Deutschland spielt?

"Vorbehalt der Rechtsstaatlichkeit"

Kurzfristig? Hat sich denn kurzfristig politisch etwas geändert in der Ukraine? Werden dort plötzlich die Menschenrechte geachtet, kommt die Opposition zu ihrem Recht, kann sich Julia Timoschenko auf eine hinreichende ärztliche Versorgung verlassen? Nichts deutet darauf hin. Aber vieles deutet darauf hin, dass sich die Kanzlerin und vielleicht noch ein paar weitere Spitzenpolitiker gerne im Glanz unserer Fußballhelden sonnen möchten, sollten sie den Pott holen. Handshakes, glückliche Gesichter, Volksnähe - solche Fotos machen sich immer gut. Fiele nicht zwangsläufig der Schatten des Diktators Viktor Janukowitsch auf die Inszenierung.

Eben deshalb war die Haltung im politischen Berlin vor der EM ziemlich eindeutig. Zwar schloss sich die Bundesregierung nicht offiziell dem Boykott der EU-Kommission an. Aber Merkel kritisierte das Regime Janukowitsch scharf und forderte, Timoschenko zur medizinischen Behandlung nach Deutschland ausfliegen zu lassen. Eine Teilnahme der Kanzlerin bei Spielen in der Ukraine stünde unter dem "Vorbehalt der Rechtsstaatlichkeit", sagte Vizeregierungssprecher Georg Streiter im April. Was, freihändig übersetzt, hieß: Keine politische Aufwertung eines Unrechtsregimes. Dieser Ansicht war die Opposition sowieso.

90 Minuten Demokratie

Nun aber machen sich alle plötzlich einen schlanken Fuß. Merkel hält sich alle Optionen offen, der CDU-Vorstand Thomas Strobl sagt zu stern.de, er persönlich fände eine Reise nach Kiew in Ordnung, er empfehle der Kanzlerin, im Stadion einen Schal in Orange, der Farbe der Opposition, zu tragen - das hätte mehr Wirkung als alles andere. Selbst die SPD stellt nur noch halbgare Bedingungen. "Sollte Deutschland das Endspiel erreichen, würde eine Teilnahme Merkels am Finale international sicher große Aufmerksamkeit erzeugen", sagt der sozialdemokratische Außenpolitiker und Vizefraktionschef Gernot Erler zu stern.de. "Ich erwarte von der Bundeskanzlerin in diesem Fall, dass sie bei ihrem Besuch nicht nur die deutsche Spielerkabine aufsucht, sondern klare und eindeutige politische Signale in Richtung des ukrainischen Präsidenten Janukowitsch aussendet." Ähnlich vernimmt sich Volker Beck, Fraktionsgeschäftsführer der Grünen, der meint, Merkel solle vor dem Spiel zumindest Timoschenko im Gefängnis besuchen - als könnte sie damit eine Art politischen Ablass bezahlen. Nur Grünen-Chefin Claudia Roth bleibt hart. "Selbst wenn die deutsche Nationalmannschaft im Endspiel wäre, darf man diesem Regime keine Bühne bieten", sagte sie stern.de. "Es gibt sicher sehr viele andere Plätze, wo man in dieser Situation ein Endspiel besuchen und begleiten kann."

Auf Twitter sind unterdessen einige böse Kommentare über Merkels Reisepläne zu lesen. "Finale in Kiew, ob sie Polizeistaat besucht??", fragt Jo Welex. "Verlogenes Pack, wie immer", schreibt Franko. Und Rafael Buschmann meint: "Ich bin immer wieder überrascht über die Halbwertszeit politischer Aussagen." Nur die Satire-Abteilung der "Welt" arbeitet konstruktiv an der Lösung des Dilemmas. Ihre Prognose: "Volksheldin Merkel: Ukraine führt fürs EM-Finale kurz Demokratie ein."

Mitarbeit: Tobias Ochsenbein

Von:

und Hans Peter Schütz